Ein Land, in dem

Betreten genug
Betreten genug

Ob bei Vortragsveranstaltungen oder bei Artikeln, stets gibt es im deutschen Publikum diejenigen, die mit Argusaugen darüber wachen, dass die Vortragenden klischeekonform bleiben. Schon vor Jahren hat ein kenianischer Schriftsteller einen wunderbaren Leitfaden zur Berichterstattung über Afrika aufgestellt, und einen ähnlichen könnte man sicherlich auch für Afghanistan herausgeben. Gerade in Deutschland dient Afghanistan als Projektionsfläche allen Elends. Einheimischen wie Ausländern wird daher verübelt, wenn sie sich anderen Themen als Trauer, Tod, Taliban und Terror widmen. Schon die zurückhaltende Beschreibung positiver Entwicklungen wird oft mit einem langzahnigen „Sie stellen das viel zu rosig dar“ kommentiert.

Das ist der Moment, in dem ich leuchtende Augen bekomme, denn mit größter Wahrscheinlichkeit kann ich sogleich einen Punkt in meinem persönlichen Bullshit-Bingo verzeichnen. Nahezu unausweichlich fällt nämlich nun „in einem Land, in dem“: In einem Land, in dem 30 Jahre Krieg geherrscht haben/es so viel Leid gibt/die Taliban grausam geherrscht haben, darf man sich auch heute nur zu Angelegenheiten von Leben und Tod äußern. Den Menschen einen Alltag, ein Leben nach ihren Interessen oder Wünschen zuzugestehen, würde zu weit führen. Schließlich ist in einem Land, in dem ein Großteil der Menschen unter der Armutsgrenze lebt, alles, was über die Befriedigung von Grundbedürfnissen hinausgeht, ein misstrauisch zu beäugender Luxus.

Richtige Kleidung, unzulässig fröhlich und  ausweislich Dose schon fest in den Fängen westlichen Konsumterrors
Richtige Kleidung, unzulässig fröhlich und
ausweislich Dose schon fest in den Fängen
westlichen Konsumterrors

In einem Land, in dem die Kindersterblichkeit zu den höchsten der Welt zählt, kommt es bei einem deutschen Publikum nicht gut an, Fotos von fröhlicher Schulklassen zu zeigen, die sich nach Schulschluss um die in Kabul allgegenwärtigen Popcornstände und Eiswagen drängen. Ein aufblasbarer rosafarbener Teletubby-Sessel für den kleinen Sohn eines großen Pashtunen? „Schlimm, dieser Konsumzwang, der mit der Besetzung einhergeht.“ In einem Land, in dem man sich auf würdige Bärtige, zerfurchte Gesichter, Turbane und Frauen in Burka eingeschworen hat, sollten die Einheimischen sich nicht erdreisten, etwas anderes tragen zu wollen. Die wenigen unter den Berufs-Betroffenen, die es nach Afghanistan schaffen, lassen sich daher gerne einen Fusselbart stehen und tragen Pakhol.

Diejenigen, die es nicht hierher schaffen, finden, Ausländer in Afghanistan sollten lieber die lokale Kebab-Bude besuchen als in künstliche Ausländer-Restaurants zu gehen, und wenn doch, bitte keine Ansprüche stellen. So mault ein Leser, in einem Land, in dem täglich Menschen getötet werden, sei ein Blog über Spargelsuppe und Handtuchprobleme unangemessen. Die Fährfrau übersetzt diese Haltung brillant: “Da sterben jeden Tag Menschen, von denen mich nicht interessiert, wie sie leben, wenn sie gerade nicht sterben.“ Augenscheinlich plant der betreffende Betroffene, auch künftig in meinen Verfehlungen zu schwelgen, denn er ist sogleich unter die Abonnenten gegangen.

Mein Team gerät darüber ins Kichern, und nimmt „in einem Land, in dem“ in den allgemeinen Zitatenschatz auf. „Wartet nur, bis ihr ins Visier solcher Leute rückt,“ sage ich. „Dann dürft ihr bei eurem nächsten Berlin-Besuch auch nur noch an Currywurstbuden essen.“ Mr. E. , Freund schneller deutscher Autos, stellt sich wahrscheinlich eher vor, dass in einem Land, in dem Mercedes und BMW produziert werden, das Fahren anderer Marken tabu wäre. Allerdings ist Deutschland ja ebenfalls ein Land, in dem täglich Menschen getötet werden, gerade im Straßenverkehr etwa 5000 jährlich, so dass man eigentlich auch über Deutschland nur bedenkenschwer reden sollte.

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7 Antworten to “Ein Land, in dem”

  1. poweruser12 Says:

    das „Problem“ hatte ich neulich, als ich bei der Tochter einer Nichte in der Schulklasse eine Präsentation machte. Mit Kindern, die lachen !! Mit Frauen, die in Herat vor Modegeschäften stehen ! Mit Kollegen beim Picknick. Das war für die Lehrerin und die Kinder neu. Ich höre auch immer wieder, daß, wenn ich sage, ich war in Afghanistan, prompt die Antwort kommt: „Ist das nicht gefährlich ?“. Den Vergleich mit dem Straßenverkehr habe ich dann auch schon öfters angebracht.

  2. smartfortwo Says:

    Das Problem hatte ich weniger, da ich in meiner Ankündigung verhieß, etwas über das zivile Leben zu berichten, weil ich darüber bisher fast nichts in den Medien lesen konnte. Es löste Erstaunen aus, dass trotz der immer dargestellten militärischen Ereignisse Menschen in dem Land leben, die gastfreundlich, humorvoll, wissbegierig und bildungshungrig sind. Das wurde von meinen Zuhörern mit Erstaunen aufgenommen und in nachfolgenden Gesprächen besonders gewürdigt.

  3. poweruser12 Says:

    Ich habe ja auch ausschließlich über das normale zivile Leben berichtet und dann nach dem Vortrag oder Gespräch immer wieder gehört „sowas kommt hier nie in den Nachrichten.“ Wenn man das ganze dann noch mit Bildern unterlegen kann, ist der Erfolg noch besser.

  4. RevolutionaryGirl Says:

    Es gibt schon solche Leitfäden für Afghanistan 🙂

    How to write about Afghanistan
    http://www.registan.net/index.php/2010/04/25/how-to-write-about-afghanistan/

    und: 29 Tips for bad writing on Afghanistan
    http://easterncampaign.com/2009/12/16/29-tips-for-bad-writing-on-afghanistan/

  5. Tilman Says:

    Danke für Bullshit-Bingo. Was für ein großartiges Spiel.
    Gleich mal einen Stapel Spielbögen ausdrucken.

    Und könnte der Beitrag bitte in einer großen deutschen Zeitung erscheinen? Vielleicht inklusive eines Bullshitbingo-Bogens für die Afghanistan-Berichterstattung (mit Worten wie Mädchenschule, Bürgermeister von Kabul, Warlords, Burka usw….)

  6. ernst Says:

    Fühlte mich direkt an folgendes Lied und Land erinnert:

    Also weiter mit: andromeda8, erzähl uns was von Dir!

  7. Die Spinne in der Dattelpalme « Grüner Libanese Says:

    […] Mythenbildung ist sicherlich nicht die schlimmste Heimsuchung, der die syrische Bevölkerung derzeit ausgesetzt ist. Dennoch ist allerorten zu beobachten, wie Außenstehende ihre eigenen Vorstellungen auf Syrien projizieren, und eher danach entscheiden, als sich mit der Situation an sich auseinanderzusezten. Ich finde solche Phänomene spannend. Gerade in Deutschland scheint es besonders ausgeprägt, dass man einem Land und seinen Akteuren unterstellt, in einer bestimmten Situation genau so zu funktionieren, wie man sich das am grünen Tisch vorstellt. An anderer Stelle habe ich  schon darüber geschrieben, wie das bei Afghanistan funktioniert. […]

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