Die schrägen Nummern

Vielleicht gibt es in Afghanistan eine Art geheimes Zeitreservoir. Beim Vertagen und Verschieben tröpfelt die Zeit hinein, und wenn ein besonders komplexes Projekt ansteht, wird hier aus dem vollen geschöpft. Nur so lässt sich erklären, wie wir eine Woche nach der Kündigung in unserem alten Büro ein neues gefunden, gemietet und bezogen haben. Die meisten Räume sind schon renoviert und auch der riesige verwilderte Garten ist ansatzweise gewässert und in Form gebracht. Innerhalb eines Tages sind alle Möbel transportiert worden, und nun gräbt der Gärtner die im alten Garten gezogenen Blumen aus und transferiert sie Topf für Topf.

In weiter Ferne sehe ich ihn mit allen Wächtern und  dem Fahrer zwischen den Granatapfel- und Feigenbäumen. „Sie haben ein neues Prinzip Rasensprenger entwickelt,“ erklärt Mr. E. Ich bin gespannt, denn das letzte war schon ziemlich gut, nur bräuchte man für die jetzige Fläche wahrscheinlich deutlich mehr.

Ich frage die Köchin, wie ihr die neue Küche gefällt. „Wunderbar, sooo groß!“ sagt sie mit einer ausladenden Geste. Ich necke sie: „Du kannst ja geradezu darin tanzen,“ und deute einen kleinen Bauchtanzschwung an. „Atan,“ sagt sie trocken und imitiert, wie sie ihre Locken im traditionellen paschtunischen Männertanz herumwirbeln würde. Die Grazie deutet auf ihren Bildschirm: „Jemand fragt nach unserer neuen Adresse. Wissen wir unsere Hausnummer?“ Die anderen schauen sich an. „Wir haben vorhin gesehen, dass ein paar Häuser weiter die 236 ist und befürchten das Schlimmste.“ Das Schlimmste, so verstehe ich, wäre, wenn wir drei Häuser entfernt wohnten und damit Nummer 239 hätten, denn 39 gilt in Afghanistan als Nummer der Zuhälter. Wer ein solches Nummernschild hat, kann den Verkauf seines Autos vergessen. „Bei den Parlamentswahlen haben wir auch gleich geschaut, wer die 39 hat – das war Mullah Tarakhel,“ kichert einer der Mitarbeiter. „Und der arme Ingenieur, dem man die Kandidatennummer 420 zugeteilt hatte,“ fällt die Grazie ein. „420, das haben wir von den Indern übernommen, denn in deren Strafgesetzbuch bezieht sich Artikel 420 auf Betrug. Deshalb nennen wir einen Betrüger ‚Vierhundertzwanig‘.“  – „Wenn wir eine ungünstige Hausnummer haben,“ befindet Mr. A., „suchen wir uns einfach eine aus.“

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3 Antworten to “Die schrägen Nummern”

  1. Fährfrau Says:

    Ich muss zugeben, dass mich etwas wundert, dass Hausnummern über die Beschreibung ihrer Inhaber hinaus in Kabul von Bedeutung sein sollen. Bei bisherigen Schilderungen verirrten Sicherheitspersonals etc. dachte ich, Adressen seien Schall und Rauch in Kabul.

  2. smartfortwo Says:

    Habt Ihr einen Weltrekord angestrebt in „Hochgeschwindigkeits-Umzugs-Management“? Gratulation zu dieser bewundernswerten Leistung- und dazu, dass alle zufrieden sind mit dem neuen Haus!
    ICH SENDE EUCH VIRTUELLES SALZ UND BROT; DAMIT IHR EINE GUTE ZEIT DORT HABT UND NICHT WIEDER SO SCHNELL EINEN STANDORTWECHSEL VORZUNEHMEN GEZWUNGEN SEID!

  3. Madame M. Says:

    Immerhin gibt es Hausnummern, im Gegensatz zu Tokio, das weder die noch Straßennamen kennt. Zur Adresse 3-7-1 Jingumae, Shibuya-ku gerät man durch folgende Logik: im Bezirk (ku) Shibuya, im 3. Unterbezirk (chome) des Bezirkteils Jingumae suche man das Gebäude, das im 7. Häuserblock (banchi) als erstes errichtet wurde. Ein Pfadfinderdiplom wäre da hilfreich.

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