Die andere Geschichte

Besucher sind immer eine Bereicherung für unser Büro. Sie bringen Geschichten aus anderen Landesteilen oder von außen mit, und es ist interessant, mit welchen Vorstellungen und Fragen sie kommen. Ein Freund erzählte vom Besuch einiger Abgeordneter in Feyzabad. Was das denn dort drüben für Ruinen seien, fragte man ihn. „Ich wusste gar nicht, was sie meinen und habe noch mal nachgefragt, welche Ruinen denn. Sie haben beharrlich weiter auf das Nachbardorf gezeigt und wollten nicht glauben, dass es bewohnt ist.“

In heiterer Erinnerung des gesamten Büros lebt die deutsche Journalistin fort, die mich auf der Suche nach der Sensation im Verschwörerton fragte, wie es denn so sei, wenn ich am Wochenende „in den Dörfern abhängen“ und mit vorbeikommenden Taliban plauschen würde. Wenig später sprach sie meinen damaligen Chef auf die Veränderungen im Expat-Leben in Kabul an. „Wissen sie, da gab es früher immer diese ‚Wet and Wild‘-Parties,“ erfand er. Sie bekam große Augen und wollte Details wissen, doch – „der Gentleman genießt und schweigt.“ Leider haben wir die entsprechende Geschichte nie in einer Zeitung wiedergefunden.

Auch bei Auslandsafghanen ist das Bild durchwachsen – einige setzen sich intensiv mit den Veränderungen im Lande auseinander. Andere verharren in dem, was sie aus der Zeit vor ihrer Emigration kennen, und gerade unter ihnen versuchen viele uns zu belehren, wie die Afghanen sind und was die Afghanen wollen, selbst wenn seit ihrem letzten Besuch eine lange Zeit vergangen ist. Was mir  als Ausländerin gegenüber noch angehen mag, stößt bei meinem afghanischen Team verständlicherweise auf Befremden.

„Unsere letzte Besucherin hat mir vorgeschwärmt, dass die Menschen in den letzten Jahrzehnten so viel besser geworden sind,“ erzählt die Grazie über eine Frau, die das erste Mal seit zwanzig Jahren für ein paar Tage in Afghanistan ist. „Damals hätten sie auf dem Basar viele Männer angesprochen und versucht sie anzufassen. Das passiere jetzt überhaupt nicht mehr.“ Sie schaut kurz nachdenklich: „Wie kann sie daraus schließen, dass die Menschen besser geworden sind? Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr in dem Viertel einkaufen wenn es sich vermeiden lässt, eben weil man dort immer so schlimm belästigt wird! Ob sie sich Gedanken darüber gemacht hat, dass es daran liegen mag, dass sie vor zwanzig Jahren noch eine andere Wirkung auf Männer hatte?“

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