Ins Reich der Phantasie

Mr. M. unterhält eine kleine Privatschule in Kabul. Für diese haben meine Eltern und andere Leute aus meinem Heimatort kistenweise Papier, Farben und andere Mal- und Zeichenutensilien gestiftet, so dass Mr. M. mir gelegentlich Bilder mitbringt, die die Schüler gemalt haben. Diesmal ist auffällig, wie sehr sich die Motive verändert haben. Waren es vorher meist Häuser, Blumen und Vögel, so kommen jetzt exotische Tiere, abstrakte Gegenstände oder ganze Szenen vor.

„Was ist das?“ frage ich bei einem Pferd, bei dem ich auf den ersten Blick annehme, es grase hinter einem Stein. „Das ist Husseins Pferd, das nach der Schlacht von Kerbela alleine und verwundet zurückgekehrt ist, und diejenigen drumrum sind die trauernde Familie und Anhänger,“ erklärt Mr. M.

Auf einem anderen Bild jagt ein Leopard ein schweinsohriges Kaninchen. Ein Schüler hat eine schöne Landschaft gezeichnet und koloriert, allerdings war er im Nachhinein augenscheinlich unzufrieden, dass er einiges vergessen hatte, denn schriftlich hat er noch den Fluss und einige andere Dinge nachgetragen. 

„Wie kommt es, dass diese Bilder so anders sind?“ frage ich. „Unser irischer Wohltäter hat eine Bibliothek gespendet, und viele der Bilder sind durch die Bücher inspiriert,“ erklärt Mr. M. – „Welches sind die beliebtesten?“ frage ich. Mr. M. zeigt mir Fotos von einigen Exemplaren: „Unter den älteren Schülern sind Erklärbücher begehrt, besonders zu Physik oder Tierwelt. Die jüngeren sind ganz verrückt nach Geschichtenbüchern.“

Das finde ich interessant, denn viele afghanische Erwachsenene, mit denen ich über Bücher rede, können mit „erfundenen Geschichten“ nicht viel anfangen. Das macht Rollenspiele schwierig, weil das gedankliche Hineinversetzen in eine andere Person ungewohnt ist.  „Eher Klassiker oder moderne Autoren?“ frage ich weiter. Alle sind sich einig, dass die Klassiker beliebter sind. „Die meisten sind in Gedichtform abgefasst, und die Kinder lieben es, wenn es sich reimt!“ Die afghanische Leidenschaft für Poesie ist legendär. So heißt es über Herat, in früheren Zeiten haben man dort nicht einen Fuß ausstrecken können, ohne dabei einen Dichter zu treten.

„Gibt es einen traditionellen Beginn einer Geschichte, so was wie ‚es war einmal‘?“ Im Chor zitiert das Team „Bud nabud, sere charkhe kabud … – ‚es war und war nicht, unter dem bunten Regenbogen …“ Statt mit allen Mitteln die Authentizität eines Märchens zu beschwören, verweist man sie auf Dari elegant von Anfang an ins Reich der Phantasie, an einen imaginären Ort.

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