Ein karges Willkommen

„Was sind Spannungsfelder, bei denen die Vorstellungen von Afghanen und Deutschen besonders weit auseinanderklaffen?“ wurde ich unlängst für einen Artikel gefragt. Diese Frage kommt mir wieder in den Sinn, als ich in die enttäuschten Augen meiner afghanischen Gegenüber bei einer der dieser Tage in Deutschland stattfindenden Afghanistan-Veranstaltungen blicke. Die Veranstaltung an sich ist gut, aber die Versorgung stellt die afghanische Seite vor Rätsel.

Eine halbe Stunde lang tummeln wir uns bereits an kleinen Stehtischen, und mein Gesprächspartner, der das erste Mal in Deutschland ist, hat sich weder für die in kleinen Schälchen gereichten Hühnchen-Stücke mit Himbeeren und Blaubeeren erwärmen können, noch an die mit Schnittlauch dekorierten Maultaschen gewagt. Letztere sind den afghanischen Ashak nicht unähnlich, nur dass sie sehr viel kleiner und mit Soße lediglich getüpfelt sind. Es fällt mir schwer zu erklären, dass wir uns auch für den Hauptgang nicht setzen werden, und dass die Mikroportionen Sauerbraten, die auf Tabletts um uns herum gereicht werden, obendrein bereits der Hauptgang sind.

Berühmt ist die tragische Geschichte von dem Mann, der einem anderen sein Pferd abkaufen wollte. Als er sich zu einem Besuch beim Pferdebesitzer anmeldet, um ihm sein Ansinnen anzutragen, schlachtet dieser das edle Tier, weil er sonst nichts hat, was er seinem Gast zu Essen anbieten könnte. Auch wenn es sich nur um ein Gleichnis handelt, Essen ist eine zentrale Angelegenheit im afghanischen Leben wie im Besprechen und Verhandeln. Großzügig soll es sein, und zu Ehren eines Gastes versuchen selbst die Ärmsten, Fleisch zu servieren. Dementsprechend gering ist das Verständnis für deutsche Häppchenkultur auf Konferenzen, und dass in einem reichen Land ein solcher Geiz gegenüber Gästen herrscht.

RevolutionaryGirl erzählt mir, wie auch sie mit den unterschiedlichen Vorlieben ihre Erfahrungen gemacht hat, als sie in Kabul die Hochzeit ihres Onkels vorbereitete. „Ich habe alles ganz minimalistisch gehalten. Gerade auch beim Bett – die indische und pakistanische Kultur hat es da sehr mit Girlanden und einem ganz überwältigenden Dekor. Ich habe es stattdessen ganz schlicht gehalten. ‚Onkelchen, das ist sowas von out,‘ habe ich ihm erklärt, als er es auch so schwülstig wollte. Als die Braut mein Werk gesehen hat, hat sie sich sofort beschwert, wir wollten sie gar nicht in unserer Familie haben und hätten ihr ihr Zimmer nicht schön eingerichtet.“

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