Zur Tür herein, zum Fenster raus

Eines der begehrtesten Güter in Afghanistan ist Bildung. „In wenigen Jahren werden über 70% unserer Bevölkerung unter 30 Jahre alt sein,“ sagt Sanjar Sohail, Herausgeber der Dari-sprachigen Zeitung „8 am“, „kannst du dir vorstellen, wie unsere Gesellschaft aussehen wird, wenn die nächste Generation keine vernünftige Ausbildung erhält?“ Die Köchin, die in den letzten Jahren mit Begeisterung am täglichen Lese- und Schreibunterricht für die Büroangestellten teilgenommen hat, deutet auf ihren kleinen Sohn, der mit einem Chutney-Glas hinter ihr steht: „Er hilft mir beim Kochen, ich helfe ihm bei den Hausaufgaben. Vorher ging das nicht!“ Ob beim Bohnenschneiden oder Kartoffelschälen, das Buch liegt immer neben dem Topf und oft hören wir, wie sie laut daraus vorliest.

Wer es sich leisten kann, besucht parallel zur Arbeit Weiterbildungen – Sprachkurse, Abendstudien oder Workshops sind beliebt. „Guck mal, ich habe in Peshawar sogar einen Kurs in christlichen Studien belegt,“ trumpft Mr.

M. auf und legt mir ein entsprechendes Zertifikat vor. Derweil postet die Grazie auf deutsch: „Lebkuchen will ich.“ Drei Mal in der Woche geht sie vor der Arbeit zu einem Deutschkurs.

Eine reizende ältere Dame, die in Deutschland studiert hat, wünschte sich, dass sich die Deutschen auch im Bildungssektor stärker in Afghanistan engagieren würden. „‚Wenn ich anfinge, die Fortschritte seit 2001 aufzuzählen, säßen wir noch lange hier. Allerdings ist es auch so, dass viele ausländische Organisationen im wesentlichen in ihre Gebäude, ausländisches Personal und ihre Sicherheit investiert. Für die Projekte ist nicht viel übrig geblieben. Wie wir es ausdrücken: Das Geld kam zur Tür herein und ging zum Fenster wieder raus.

Hört man das Klagelied eines Vertreters einer deutschen Einrichtung, könnte man glauben, er sei schon froh, wenn er überhaupt Tür und Fenster hätte. In einem fürchterlichen Zustand sei das Gebäude, heruntergekommen und noch nicht einmal erdbebensicher … zunächst müsse darein investiert werden. Ich kenne das Haus, eines der wenigen mit Zentralheizung. Seit kleineren Renovierungen im letzten Jahr würde sich jede afghanische Schule oder Universität danach die Finger lecken.

Organisationen wie Ofarin oder der Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan heben sich positiv davon ab: Ihre Gelder kommen zu über 95% direkt der Arbeit vor Ort zugute. „Für uns ist es manchmal nicht einfach wenn Großprojekte in unserem Bereich gestartet werden,“ erzählt ein Vertreter einer kleinen,  seit Jahrzehnten in Afghanistan aktiven Organisation. „Wir sind bestrebt, unsere Mittel größtenteils für den Unterricht auszugeben, nicht für die Ausstattung. Wenn große Organisationen auf den Plan treten, drängt das Ministerium uns, genau wie sie zu arbeiten und erstmal neue Möbel anzuschaffen, Computer in die Klassen zu stellen und ähnliches.“

Im Universitätsbereich gibt es einige sehr gut funktionierende Kooperationen, insbesondere bei Informatik mit der TU Berlin, oder ein Studiengang in  öffentlicher Verwaltung speziell für afghanische Studenten in Erfurt. Bewerbungen um Stipendien nach Deutschland verlaufen aber oft im Sande: „Ich habe mich schon zum dritten Mal auf die Ausschreibung beworben, aber ich bekomme noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung,“ sagt Mr. M. Ich versuche, die betreffende Einrichtung zu erreichen, aber auch meine Mails und Anrufe bleiben unbeantwortet. Als ich schließlich einen gestressten Vertreter treffe, zuckt er die Schultern: „Du glaubst gar nicht, was wir von höheren afghanischen Ebenen für Druck bekommen. In einem technischen Studiengang müssen wir jemanden zum Abschluss bringen, der kaum Lesen und Schreiben kann. Und in Germanistik haben wir auch so einen Fall, bei dem jemand, der nicht ein Wort Deutsch kann, irgendwie durchkommen muss. Da fallen einige Qualifizierte hinten runter.

Als ich in Deutschland bei der gleichen Organisation den Mangel an Stipendien anspreche, schnaubt der hiesige Repräsentant verächtlich: „Wir sind eben sorgfältig bei unserer Auswahl. Das ist nicht so wie bei gewissen anderen Staaten, die den Leuten ihre Stipendien geradezu hinterherwerfen.“ Bei diesem Nachwerfen ist unter anderem Australien 2011 um einen begnadeten afghanischen Germanisten reicher geworden.

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