Archive for the ‘Bildung’ Category

Zur Tür herein, zum Fenster raus

1. Januar 2012

Eines der begehrtesten Güter in Afghanistan ist Bildung. „In wenigen Jahren werden über 70% unserer Bevölkerung unter 30 Jahre alt sein,“ sagt Sanjar Sohail, Herausgeber der Dari-sprachigen Zeitung „8 am“, „kannst du dir vorstellen, wie unsere Gesellschaft aussehen wird, wenn die nächste Generation keine vernünftige Ausbildung erhält?“ Die Köchin, die in den letzten Jahren mit Begeisterung am täglichen Lese- und Schreibunterricht für die Büroangestellten teilgenommen hat, deutet auf ihren kleinen Sohn, der mit einem Chutney-Glas hinter ihr steht: „Er hilft mir beim Kochen, ich helfe ihm bei den Hausaufgaben. Vorher ging das nicht!“ Ob beim Bohnenschneiden oder Kartoffelschälen, das Buch liegt immer neben dem Topf und oft hören wir, wie sie laut daraus vorliest.

Wer es sich leisten kann, besucht parallel zur Arbeit Weiterbildungen – Sprachkurse, Abendstudien oder Workshops sind beliebt. „Guck mal, ich habe in Peshawar sogar einen Kurs in christlichen Studien belegt,“ trumpft Mr.

M. auf und legt mir ein entsprechendes Zertifikat vor. Derweil postet die Grazie auf deutsch: „Lebkuchen will ich.“ Drei Mal in der Woche geht sie vor der Arbeit zu einem Deutschkurs.

Eine reizende ältere Dame, die in Deutschland studiert hat, wünschte sich, dass sich die Deutschen auch im Bildungssektor stärker in Afghanistan engagieren würden. „‚Wenn ich anfinge, die Fortschritte seit 2001 aufzuzählen, säßen wir noch lange hier. Allerdings ist es auch so, dass viele ausländische Organisationen im wesentlichen in ihre Gebäude, ausländisches Personal und ihre Sicherheit investiert. Für die Projekte ist nicht viel übrig geblieben. Wie wir es ausdrücken: Das Geld kam zur Tür herein und ging zum Fenster wieder raus.

Hört man das Klagelied eines Vertreters einer deutschen Einrichtung, könnte man glauben, er sei schon froh, wenn er überhaupt Tür und Fenster hätte. In einem fürchterlichen Zustand sei das Gebäude, heruntergekommen und noch nicht einmal erdbebensicher … zunächst müsse darein investiert werden. Ich kenne das Haus, eines der wenigen mit Zentralheizung. Seit kleineren Renovierungen im letzten Jahr würde sich jede afghanische Schule oder Universität danach die Finger lecken.

Organisationen wie Ofarin oder der Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan heben sich positiv davon ab: Ihre Gelder kommen zu über 95% direkt der Arbeit vor Ort zugute. „Für uns ist es manchmal nicht einfach wenn Großprojekte in unserem Bereich gestartet werden,“ erzählt ein Vertreter einer kleinen,  seit Jahrzehnten in Afghanistan aktiven Organisation. „Wir sind bestrebt, unsere Mittel größtenteils für den Unterricht auszugeben, nicht für die Ausstattung. Wenn große Organisationen auf den Plan treten, drängt das Ministerium uns, genau wie sie zu arbeiten und erstmal neue Möbel anzuschaffen, Computer in die Klassen zu stellen und ähnliches.“

Im Universitätsbereich gibt es einige sehr gut funktionierende Kooperationen, insbesondere bei Informatik mit der TU Berlin, oder ein Studiengang in  öffentlicher Verwaltung speziell für afghanische Studenten in Erfurt. Bewerbungen um Stipendien nach Deutschland verlaufen aber oft im Sande: „Ich habe mich schon zum dritten Mal auf die Ausschreibung beworben, aber ich bekomme noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung,“ sagt Mr. M. Ich versuche, die betreffende Einrichtung zu erreichen, aber auch meine Mails und Anrufe bleiben unbeantwortet. Als ich schließlich einen gestressten Vertreter treffe, zuckt er die Schultern: „Du glaubst gar nicht, was wir von höheren afghanischen Ebenen für Druck bekommen. In einem technischen Studiengang müssen wir jemanden zum Abschluss bringen, der kaum Lesen und Schreiben kann. Und in Germanistik haben wir auch so einen Fall, bei dem jemand, der nicht ein Wort Deutsch kann, irgendwie durchkommen muss. Da fallen einige Qualifizierte hinten runter.

Als ich in Deutschland bei der gleichen Organisation den Mangel an Stipendien anspreche, schnaubt der hiesige Repräsentant verächtlich: „Wir sind eben sorgfältig bei unserer Auswahl. Das ist nicht so wie bei gewissen anderen Staaten, die den Leuten ihre Stipendien geradezu hinterherwerfen.“ Bei diesem Nachwerfen ist unter anderem Australien 2011 um einen begnadeten afghanischen Germanisten reicher geworden.

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Im Ramadan zum Führerschein

18. Oktober 2011

Eines heiteren Tages im Auto beim Überholen kriegen sich meine Mitfahrer kaum wieder ein: „Hahaha, der hatte ein Schild an der Heckscheibe, dass das Auto zu verkaufen ist!“ – „Aber was ist daran so lustig?“ erkundige ich mich. Unser bärengleicher paschtunischer Fahrer, der unlängst Lesen und Schreiben gelernt hat und mir seither immer die Aufschriften an anderen Fahrzeugen vorliest, erwiedert trocken: „Dass er vergessen hat, Kontaktdaten anzugeben! Wenn man es kaufen will, muss man die Verfolgung aufnehmen.“

Die Grazie erzählt von ihrer Nichte, die sich ein Auto gekauft habe. „Einmal waren wir damit sogar am See, aber das war fürchterlich, weil die ganze Zeit irgendwelche Jungs versucht haben, uns abzudrängen. Sie hat dann einen Unfall gebaut, weil ihr einer den Weg abgeschnitten hat. Seitdem beschwört ihre Mutter sie, das Auto stehen zu lassen. Immerhin kann sie auf dem Uni-Campus parken.“

Während die Gesellschaft Fahrerinnen gegenüber noch nicht sehr aufgeschlossen ist, versuchte neulich immerhin ein Journalist, eine Lanze für Frauen am Steuer zu brechen. Im „Daily Outlook“ hieß es, Frauen seien die besseren Autofahrerinnen, da sie in afghanischen Verkehrsstatistiken gar nicht auftauchen würden. Schon damals hatten wir darüber gewitzelt, im Interesse der allgemeinen Sicherheit ein Fahrverbot für Männer zu fordern.“Wie auch immer,“ sagt die Grazie, „ich jedenfalls habe lange genug davon geträumt, Autofahren zu können und mache nun Nägel mit Köpfen. Ich nehme Fahrstunden!“ Ich bin beeindruckt. „Erzähl! Ist der Unterricht nur für Frauen?“ – „Nein, eine ganz normale Fahrschule.  Aber in den ersten Wochen hatte ich den Kurs ganz für mich allein“ Sie schaut verschmitzt: „Ich habe mich einfach im Ramadan angemeldet, da will niemand anders nachmittags noch lernen!“

Ins Reich der Phantasie

25. Juli 2011

Mr. M. unterhält eine kleine Privatschule in Kabul. Für diese haben meine Eltern und andere Leute aus meinem Heimatort kistenweise Papier, Farben und andere Mal- und Zeichenutensilien gestiftet, so dass Mr. M. mir gelegentlich Bilder mitbringt, die die Schüler gemalt haben. Diesmal ist auffällig, wie sehr sich die Motive verändert haben. Waren es vorher meist Häuser, Blumen und Vögel, so kommen jetzt exotische Tiere, abstrakte Gegenstände oder ganze Szenen vor.

„Was ist das?“ frage ich bei einem Pferd, bei dem ich auf den ersten Blick annehme, es grase hinter einem Stein. „Das ist Husseins Pferd, das nach der Schlacht von Kerbela alleine und verwundet zurückgekehrt ist, und diejenigen drumrum sind die trauernde Familie und Anhänger,“ erklärt Mr. M.

Auf einem anderen Bild jagt ein Leopard ein schweinsohriges Kaninchen. Ein Schüler hat eine schöne Landschaft gezeichnet und koloriert, allerdings war er im Nachhinein augenscheinlich unzufrieden, dass er einiges vergessen hatte, denn schriftlich hat er noch den Fluss und einige andere Dinge nachgetragen. 

„Wie kommt es, dass diese Bilder so anders sind?“ frage ich. „Unser irischer Wohltäter hat eine Bibliothek gespendet, und viele der Bilder sind durch die Bücher inspiriert,“ erklärt Mr. M. – „Welches sind die beliebtesten?“ frage ich. Mr. M. zeigt mir Fotos von einigen Exemplaren: „Unter den älteren Schülern sind Erklärbücher begehrt, besonders zu Physik oder Tierwelt. Die jüngeren sind ganz verrückt nach Geschichtenbüchern.“

Das finde ich interessant, denn viele afghanische Erwachsenene, mit denen ich über Bücher rede, können mit „erfundenen Geschichten“ nicht viel anfangen. Das macht Rollenspiele schwierig, weil das gedankliche Hineinversetzen in eine andere Person ungewohnt ist.  „Eher Klassiker oder moderne Autoren?“ frage ich weiter. Alle sind sich einig, dass die Klassiker beliebter sind. „Die meisten sind in Gedichtform abgefasst, und die Kinder lieben es, wenn es sich reimt!“ Die afghanische Leidenschaft für Poesie ist legendär. So heißt es über Herat, in früheren Zeiten haben man dort nicht einen Fuß ausstrecken können, ohne dabei einen Dichter zu treten.

„Gibt es einen traditionellen Beginn einer Geschichte, so was wie ‚es war einmal‘?“ Im Chor zitiert das Team „Bud nabud, sere charkhe kabud … – ‚es war und war nicht, unter dem bunten Regenbogen …“ Statt mit allen Mitteln die Authentizität eines Märchens zu beschwören, verweist man sie auf Dari elegant von Anfang an ins Reich der Phantasie, an einen imaginären Ort.

Seniorenstift

10. November 2010

„Mr. M.,“ sage ich, „wir müssen etwas tun, damit unsere Veranstaltungen nicht von nuschelnden alten Männern dominiert werden.“ Nichts gegen Altersweisheit, aber auch in Afghanistan stellt sich diese  nicht bei jedem ein. Bei Konferenzen ist es eher eine Frage der Ehre, wer spricht. Hier haben Leute auch kein Problem damit, sich selbst einzuladen. Nicht all diese Vorträge sind uninteressant, aber gerade die eitleren Redner sprechen völlig ungehemmt selbst dann, wenn sie vom eigentlichen Thema nichts verstehen. „Geht der, der neulich so gestört hat, nicht langsam in Rente?“ frage ich. Mr. M. legt den Kopf schief: „Leute missachten ihr Pensionsalter. Sie  machen so lange weiter … bis Allah sie pensioniert.“

Noch problematischer sind die ehrorientierten Auswahlkriterien, wenn es um Fortbildungen geht. Dr. Kolben kann darüber nur den Kopf schütteln: „Bei uns hat das Ministerium bestätigt, dass das Programm stattfinden kann, aber kannst du dir das vorstellen: Bedingung ist, dass nur Leute teilnehmen, die einen Universitätsabschluss und fünf Jahre Berufserfahrung haben. Mensch, das sind Automechaniker, Schrauber, was stellen die sich denn vor woher die einen Uniabschluss haben?“