Archive for the ‘Die Nachbarschaft’ Category

Durch den Schnee zum Tee

18. Februar 2011

Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel machen wir uns auf den Weg zu unserem „Hausberg“, einem Hügel mit Festung drauf, der sich direkt neben unserem Stadtviertel erhebt. Am Ende der kleinen Gassen geht es steil bergauf. Wir hören eilige Schritte. Ein kleiner alter Herr im traditionellem Mantel, mit Turban und einem prächtigen weißen Bart kommt hinter uns hergewetzt. Gestikulierend fragt er, wohin wir wollen. „Wir machen nur einen Spaziergang, Wertester,“ sage ich. Er wirft die Hände gen Himmel, drückt den Turban fester aufs Haupt und jubelt: „Einen Spaziergang! Da geht ihr am besten hier lang und dann dort … aber kommt doch und trinkt Tee!“ Höflich lehnen wir ab. Er verneigt sich leicht, die Hände vor der Brust.  Mit den üblichen, für das deutsche Ohr altertümlichen Formeln verabschieden wir uns: „Seid nicht müde.“  – „Bleibt am Leben.“  Noch lange verfolgt der alte Herr mit Blicken unseren Weg durch den Schnee. Als wir von oben herunterblicken, winkt er heftig: „Aber später! Kommt später zum Tee, das hier ist mein Haus!“

Das Sommerzimmer

9. November 2010

Der Geiz und die Unverschämtheit unseres Vermieters sind Legende. Obwohl wir völlig vernarrt in die alten Maulbeer- und Granatapfelbäume auf unserem Grundstück sind, werden wir drei Kreuze machen, wenn wir nie wieder mit Oberst A. zu tun haben. Ich erinnere mich an sein Haifischlächeln am Tag nach der Vertragsunterzeichnung. „Wisst ihr, ich bin unglücklich,“ hatte er gesagt, kaum dass er die Miete kassiert hatte. „Ich bekomme viel zu wenig Geld.“ Wir waren auch unglücklich, zum Beispiel darüber, dass die angeblich ganz neue Abwasserleitung in der Küche fehlte und stattdessen ein rostiger Eimer unter der Spüle stand. Oberst A. nörgelte. Oberst A. meckerte. Oberst A. drohte, und es erforderte erhebliche Mühen, eine vernünftige Einigung zu erzielen.

Nun ist Oberst A. zurück; diesmal träumt er, und zwar von einer gewaltigen Mieterhöhung, bei der wir zusätzlich das Dach erneuern müssen und die Nachbarn die Mauer zu unserem Grundstück einreißen dürfen. Letztere hegen daran ein Interesse, weil sie zu nah an die Grenze gebaut haben, als dass sie die Fenster in ihrem Haus noch einsetzen könnten, wobei man sich fragen kann, warum man wenige Zentimeter von einer Mauer entfernt überhaupt Fenster haben muss.

Mein bester Freund ist daher dieser Tage der Makler. „Du bist aus Deutschland zurück? Und wo sind meine Geschenke?“ begrüßt er mich. Ein anderer „Freund“ bringe ihm aus Italien immer Parfüm mit. „Flurry oder Fliry oder so, ich bringe dir mal eine leere Flasche davon mit.“  – „Das ist wirklich sehr großzügig,“ sage ich. Mr. E. übersetzt auf Dari: „Sie meint, eine leere Flasche sei kein gutes Geschenk.“ – „Nein, nein,“ prustet er, „ich meine ja nur, dass sie sieht, welches das ist.“

Vor einem Tor stecken wir plötzlich inmitten einer lautstarken Auseinandersetzung. „ICH   BIN   DER  EIGENTÜMER! Lasst mich gefälligst rein!“ wettert einer. „DA DRIN SITZT DIE WAHLBESCHWERDEKOMMISSION UND WIR LASSEN NIEMANDEN REIN,“ brüllt einer der Polizist zurück. In dem Chaos streckt ein schüchterner Mitarbeiter den Kopf durch die Tür und winkt uns herein. Das Haus wirkt, als hätte man es in Längsstreifen von der Breite eines Schranks gebaut. Die Mitarbeiter bewegen sich wie Krebse seitwärts, um aneinander vorbeizukommen. Unser Bett wäre allenfalls hochkant unterzubringen.

Wenig später besuchen wir ein verwunschenes altes Haus, dessen Portal von den Wurzeln eines knorrigen Baums in Wellen gelegt worden ist. Von außen sieht das Gartenhäuschen gepflegt aus, und eines der Zimmer ist es auch. In dem anderen sprießen zarte Pflänzchen unter freiem Himmel. Das Dach fehlt.„Ein Sommerzimmer,“ wirbt der Makler. Mit ausladender Geste deutet er auf einen riesigen weißen Hahn, der zwischen den verwilderten Rosen herumirrt. „Das Huhn ist im Preis inbegriffen, jeden Tag ein Ei!“

Arbeit für den Nachbarn

22. April 2010

Der Nachbarsjunge hat wieder zugeschlagen. Augenscheinlich ist der Vater neulich nicht nach Hause gekommen, oder er hat nicht mit ihm geredet. Auf jeden Fall hat er diesmal das große Fenster direkt neben der Haustür zerschossen. Der Wächter geht nach drüben, um sich zu beschweren. Wenig später steht der Vater auf unserer Terrasse und begutachtet den Schaden. Er ist zwar ein bisschen betreten, aber so richtig entschuldigen mag er sich nicht. „Der Junge, naja, der ist ja noch so klein …“ Ich versuche ihm deutlich zu machen, dass ein so kleiner Junge keine Zwille haben sollte. Das Glas sei die eine Sache, aber er müsse begreifen, wie gefährlich das sei. Der Vater ruft etwas gen Nachbargrundstück. Kurz darauf tauchen auf dem Dach zwei kleine Mädchen auf und werfen ein pinkfarbenes Maßband über die Mauer. Der Vater verspricht, die Scheiben zu ersetzen und nimmt Maß.

Am nächsten Tag gehe ich seufzend an der natürlich nicht reparierten Scheibe vorbei, als vom Tor her lachend Madame M. kommt: „Weißt du, was der Vater des Jungen mit dem Stein von Beruf ist?“ Ich schüttele den Kopf. „Glaser! Das ist wie bei Charlie Chaplin!“ Auch das Team johlt gleich, und alle versuchen, sich an den Titel des Films zu erinnern. Mr. M. sagt, man sollte herausfinden, aus welcher Gegend die Familie komme. „In manchen Gegenden würden die Eltern ihre Kinder tatsächlich so erziehen,“ – ich kann nur raten, dass es sich dabei nicht um die Gegend handelt, aus der er selbst kommt – „aber wenn der Vater Glaser ist,  dann muss man sich nicht wundern. Wahrscheinlich verschafft der Kleine dem Vater so Geschäfte, nur bei eurem Haus hat er sich vertan!“