Archive for the ‘Geld, Geld, Geld’ Category

Das Geld liegt (irgendwie) auf der Bank

28. Juli 2011

Das Afghanistan keine „zweite Schweiz“ wird, ist einer der meiststrapazierten Allgemeinplätze. Ob Afghanen politisch davon träumen, dass ihr Land schweizischer werden möge, weiß ich nicht. Wenn man sich anschaut, gegen wieviel Widerstand das Frauenwahlrecht dort durchgesetzt wurde – im Kanton  Appenzell 1990 -,   mag konservativen hiesigen Kräften die Annäherung durchaus attraktiv erscheinen. Auch im Bankensektor hätte man sicherlich nichts dagegen, denn gerade um Stabilität und Bankgeheimnis ist es hier nicht gut bestellt.

Wenn man in die Hauptfiliale der AIB tritt, blickt man gleichzeitig in eine offene Tiefgarage und auf die Bankschalter ein halbes Stockwerk darüber. Am Schalter verweist mich die Angestellte an dem Kundenservice: „Wenn Sie drei Monate lang keine Bewegungen auf ihrem Konto vornehmen, wird es automatisch gesperrt.“

Ich muss schriftlich versichern, außer Landes gewesen zu sein, so dass ich nicht auf mein Konto zugreifen konnte. Der Zuständige verschwindet mit diesem Schreiben und kommt mit einigen anderen Dokumenten für seine Schublade zurück. „Es ist jetzt wieder entsperrt, aber Sie müssen innerhalb der nächsten Stunde eine Transaktion vornehmen.“ Ich erkundige mich, wieviel auf dem Konto stehen bleiben muss, damit es nicht geschlossen wird. 100 Dollar, heißt es. „Aber es ist schöner, wenn Sie eine runde Summe abheben, also lassen sie halt 90 Dollar stehen.“

Die Grazie schüttelt ob dieser Willkür den Kopf aber meint, immerhin hätte ich mein Konto nicht bei der Kabul Bank oder der Azimi-Bank. „Die bricht bestimmt als nächste zusammen. Als ich neulich dort war, um mein Konto zu schließen, wollten sie es gar nicht zulassen. Erst haben sie insistiert, dass sie unbedingt wissen müssen, weswegen. Das ging sie gar nichts an! Als ich mich damit durchgesetzt habe, haben sie meine Bankkarte und meinen Ausweis gedreht und gewendet und hinterfragt, ob ich das wirklich bin.“ Die Geldinstitute hätten insgesamt stark an Ansehen verloren. „Neulich haben sie zwei Männer im Fernsehen gezeigt, die mal als Putzkolonne in der einen gearbeitet haben. Daher hatte die Bank ihre Daten und hat auf ihren Namen Konten eingerichtet, über die dann krumme Geschäfte gelaufen sind!“

Shampoo ins Labor

13. November 2010

Die magische Zahl in Afghanistan lautet dieser Tage 500. 500 Afghani pro Tag sollen Personen oder Institutionen entrichten, wenn sie mit Anmeldung, Berichten oder Steuerzahlungen im Verzug sind. Das sind immerhin ungefähr 8 Euro.

„Es gibt ein neues Einkommenssteuer-Formular,“ erzählt eine Anwältin. „Das haben wir Monate, nachdem es in Kraft getreten war, zu Gesicht bekommen. Dennoch sollen wir jetzt diese Strafe zahlen, weil wir es damals nicht benutzt haben.“ Das beste an der Gebühr ist, dass man darüber nichts schriftliches bekommt – keinen Hinweis auf einen Gesetzestext, keinen Brief mit Forderungen -, und außerdem ist das Aufhäufen von Gebühren nicht mehr zu stoppen, wenn es einmal begonnen hat. Der Drang, Fälle zügig zu bearbeiten, ist denkbar gering, wenn Liegenlassen lukrativer ist.

Außerdem ist es natürlich ein erheblicher Anreiz zur Korruption für all diejenigen, die den Ruin fürchten und versuchen, das Verfahren durch Bestechung abzukürzen, denn es sind beileibe nicht nur ausländische Organisationen betroffen. Mr. M., Gründer einer Schule für Straßenkinder, erhielt die Genehmigung Monate, nachdem ein neues Gesetz zur Berichtspflicht über Schulen in Kraft trat. Nun wird er zur Kasse gebeten für die Zeit vor der Registrierung, denn, so die erratische Argumentation: auch wenn es die Schule da noch nicht gab, gab es doch das Gesetz. Auch für Mr. M. gilt, was die Anwältin so treffend formuliert: „Ich habe keinen Posten ‚Fantasiegebühren‘ in meinem Budget.“

Obwohl ausländische Gelder ungefähr 90% des Staatshaushaltes bestreiten, entsteht der Eindruck, dass die Regierung momentan versucht, ausländische Organisationen zu vergraulen. Eine Freundin von Madame C. bekam neulich bei ihrer Visumsverlängerung zu hören, das sei das letzte Mal, denn es reiche mit ausländische Frauen im Land. Ausländische Berater sollen beweisen, dass es keine Afghanen gibt, die ihren Job ausüben könnten. Visa, sonst immer im Handumdrehen erteilt, bleiben lange liegen: Der Drucker sei kaputt, heißt es, oder das gesamte Visasystem sei kollabiert.

Jemand anderes wartet seit Wochen darauf, dass die drei aus Deutschland geschickten Umzugskisten aus dem Zoll freigegeben werden, denn gleich mehrere Ministerien sollen einbezogen werden: „Mein Shampoo muss erst noch einem Labortest unterzogen werden. Meine Aspirin werden dem Gesundheitsministerium zur Überprüfung geschickt, und meine Bücher müssen vom Kultusministerium in Augenschein genommen werden.“ Da sie im Sommer kam, es nachts jedoch schon frostig wird, erlaubte man ihr immerhin, sich aus den Kisten einen Mantel und ein paar wärmere Schuhe zu nehmen.

Die Kunst des Überlebens

27. September 2010

Nicht immer lässt sich leicht entscheiden, welchen der Bedürftigen man etwas geben soll. Man sieht dieser Tage viele Bettler auf den Straßen: Frauen in Burkas kauern inmitten des Verkehrs auf der staubigen Straße, Greise hocken an Straßenecken, abgerissen aussehende Kinder verkaufen Bananenkaugummi und Landkarten, und eines steht immer greinend vor einem der Restaurants. Sein Betteln zu ertragen, ist eine Nervenprobe. Danach kommt die Wut, wenn man sieht, dass die Wächter des Lokals dem Kleinen die Scheine abnehmen. Nachdem ich sie einmal dafür heftig angefahren habe, tun sie es nicht mehr so offensichtlich, aber ich bin sicher, dass das insgeheim so weitergeht.

Eierverkäufer in Herat

Eierverkäufer in Herat

Auf der Straße hört man manch Angesprochenen zischen: „Soll dir doch Gott geben!“ Andere versuchen es pädagogisch: „Du bist ein junger gesunder Mann, reicht deine Kraft denn zu nichts anderem, als uns deine Bettlerschale unter die Nase zu halten?“ Hinters Licht geführt wird jedoch keiner gerne. Eine der Grazien erzählt von einem Jungen, der weinend an einer Ecke gesessen habe, auf dem Schoß eine Palette mit zerbrochenen Eiern. Ein Bekannter habe ihm voller Mitleid etwas gegeben – ihn aber am nächsten Tag wieder genau so dort sitzen sehen. Diese Begegnung war nicht mehr so freundlich.

Obwohl die Kinder mit den angeblich Unheil vertreibenden Räucherbüchsen, wie sie im Roman „Mauertänzer“ verewigt sind, sicherlich zu den Unglücklichsten zählen, habe ich eines gelernt: Ihnen sollte man auf keinen Fall etwas geben, wenn man gerade im Stau steht. Im Handumdrehen ist man von einer ganzen Schar umringt, und egal, wie schnell man die Fenster schließt, gegen diesen Gestank ist kein Kraut gewachsen.

Vor dem Supermarkt versucht eine alte Dame mir ein weißes, perlenbesticktes Hütchen anzudrehen. Der Fahrer wimmelt sie ab: „Sie ist nicht auf dem Weg zur Hochzeit!“ sagt er. „Kommt, übersetzt es ihr,“ beharrt sie. „Nein, nein, das versteht sie schon und sie will es nicht.“

Die Kunst des Zählens

9. November 2009

Mein Finanzmanager blättert mir in Windeseile einen Stapel von Geldscheinen hin und bittet mich, zu kontrollieren ob die Summe stimmt. „Wie hast du das so schnell gemacht?“ frage ich voller Bewunderung. Er nimmt das Bündel, und schneller als ich schauen kann ist er durch. Die Grazie mischt sich ein: „Mit kleinen Händen ist es über die Längskante mühsam. Mach es doch so,“ sagt sie und lässt die Scheine durch die Finger rauschen. „Oder wie wärs mit der Art, die sie in Pakistan drauf haben?“ Der Finanzmanager drückt die Scheine mit einer Hand auf den Tisch, eine Staubwolke stiebt auf, und es ist ein drittes Mal gezählt.

Ich versuche mein Glück und blättere ebenso angestrengt wie kläglich durch die Scheine. Das ist sehr unterhaltsam für die Umstehenden, aber leider nur langsam zielführend. „Du hättest früher hier sein sollen, dann wärst du auch so schnell wie wir. Früher war die Währung so wenig wert, dass wir noch viel mehr Scheine zählen mussten.“

„Zeig es mir noch mal, aber ganz langsam,“ fordere ich den Finanzmanager auf, „du nimmst die Hälfte, ich nehme die Hälfte, und dann versuchen wir es parallel.“ Die Grazie meldet sich mit schmeichelnder Stimme aus dem Hintergrund: „Also, ich könnte auch die Hälfte nehmen. Die zähl ich dann zu Hause.“

Meine geheimsten Fähigkeiten

7. Juli 2009

„Laden Sie mich ein, damit ich Sie von meinen geheimsten Fähigkeiten überzeugen kann,“ steht auf dem Schreiben, und es handelt sich nicht etwa um Werbung für eine afghanische 0190-Nummer, sondern ist eine ernstgemeinte Bewerbung auf eine Verwaltungsstelle. Ein anderer wirbt, er könne uns uns nicht nur als Teilzeit-Finanzassistent, sondern auch als Direktor, Manager, Programmmanager, Übersetzer, bei Filmschnitt- und Bearbeitung und was sonst noch gebraucht würde gute Dienste leisten.

Es gibt in Kabul eine Reihe gutbezahlter Stellen in Hilfs- und Aufbauorganisationen, aber nicht genügend qualifizierte Bewerber. Für letztere besteht daher eine große Auswahl an Positionen und wenig Notwendigkeit, sich genau anzuschauen, worum sie sich eigentlich bewerben.

Wir laden einen Herrn ein, dessen Lebenslauf gar nicht schlecht aussieht. Im Verlauf des Gesprächs korrigiert er uns mehrfach, was seinen Namen betrifft. Schließlich stellt sich raus, dass er für seinen Bruder gekommen ist. Sie seien gerade beide auf Suche und hätten nur eine Telefonnummer angegeben. Wer den Anruf entgegennehme, gehe dann zum Gespräch.

„Gar nicht so unüblich,“ meint eine Bekannte und erzählt, wie sie bei den Bewerbungsgesprächen für ein Bauprojekt eine ganze Schlange von Architektinnen gesehen habe. Das sei doch sonderbar gewesen, weil sie abgesehen davon noch nie einen weiblichen Architekten in Afghanistan getroffen habe. Bei dieser Organisation sei jedoch bekannt geworden, dass Gleichberechtigung großgeschrieben werde und Frauen in diesem männerdominierten Land mithin die besseren Chancen hätten. Deswegen hätten sich bei dieser Stelle statt der eigentlichen Bewerber die Schwestern, Ehefrauen und Töchter der eigentlichen Architekten vorgestellt.

Wir rufen einen weiteren Kandidaten an. Von vornherein versichern wir uns, dass er er und nicht sein Vater, Bruder oder Sohn ist. Er hat einen Vollzeitjob und studiert am Feierabend. „Wie schaffen Sie das zeitlich?“ frage ich mit Blick auf die Stelle bei uns. „Zur Uni gehe ich ja erst ab 5.“ – „Ja, aber davor arbeiten Sie doch den ganzen Tag bei der anderen Firma.“ – „Ja.“

Mein Finanzmanager mischt sich ein: „Deutlicher gefragt: Haben Sie die Absicht, Ihren Vollzeitjob aufzugeben, um einen Teilzeitjob bei uns anzunehmen?“ Der Bewerber sieht uns verständnislos an:  „Nein.“

In aller Seelenruhe nimmt er noch ein Bonbon, trinkt den Tee aus und geht.

Es riecht nach … Geld!

12. April 2009

cimg4063Ausländer bewegen sich in Kabul immer weniger und immer vorsichtiger. Nicht zuletzt deswegen passiert ihnen selten etwas. Dafür werden immer mehr reiche (oder vermeintlich wohlhabende) Afghanen Opfer von Entführungen. Das ist nicht lustig, aber ich stelle mir gelegentlich vor, unter den Entführern könnte ein im Ausland sozialisierter sein, der seiner Forderung ein saloppes „In kleinen Scheinen!“ hinzufügt, und sich gleich darauf am liebsten in den Hintern beißen würde.

Kleine Scheine sind hier nämlich wirklich klein, der kleinste, 10 Afghani, ist etwa 14 Cent wert. Man kann sich ausmalen, wie unauffällig sich große Summen in dieser Form übergeben ließen. Doch dann würden die Probleme erst richtig losgehen. Selbst die allgegenwärtigen Kleenex wirken steif im Vergleich zu den durch ständiges Rollen, Falten und Falzen lappig gewordenen Scheinen; verwechseln kann man sie aber ohnehin nicht, denn wer hier  „Banknote“ sagt, muss „Duftnote“ mitdenken. Mit den Taschen voller Geld läuft man folglich Gefahr, dass jemand anders bei einem reiche Beute wittert.

Außerdem fallen die meisten Scheine fast auseinander. Was also, wenn man bei der Flucht an alles außer einen Tesafilmroller gedacht hat? Wieviel müsste man zur Rekonstruktion reinvestieren, und wieviele Monate wäre man damit beschäftigt?

Das Hauptproblem des im Kurs beachtlich stabilen Afghani ist weniger der Wertverfall als sein physischer Zerfall. Niemand hat Hemmungen, einem noch den letzten Fitzel als Banknote unterzuschieben, stellt sich aber im Gegenzug gerne an, wenn man damit bezahlen möchte. Nicht einmal die Bank tauscht alte in neue Scheine um. Allerdings kamen neulich einem Bankangestellten fast die Tränen, als ich für knisternde, noch nie gefaltete 1000er kleinere Scheine haben wollte, obwohl er nur noch marode 500er hatte.