Archive for the ‘Gepflanzt und ausgerissen’ Category

Weihnachts-Setzlinge zu Ostern

29. April 2011

 Wenn man im Frühling nach Afghanistan kommt, kann man sich eigentlich nur in das Land verlieben. Überall grünt, sprießt und blüht es, und sonst karge Landschaften sind rotgetüpfelt vor lauter kleinen Tulpen.

Als wir aus der Stadt rausfahren sehen wir, dass auf dem Mittelstreifen neue Bäume angepflanzt worden sind, die gerade von der Stadtverwaltung gewässert werden. Ich freue mich, aber Dr. Kolben zieht eine Augenbraue nach oben: „Warum ausgerechnet die hässlichen?“ Das ist eine berechtigte Frage. Wahrscheinlich sollen aus den Bäumchen mal eine Kiefern werden, aber momentan sieht es noch aus wie etwas zwischen Strunk und Dill. Wenig später sehen wir die gleichen kläglichen Objekte auch an anderen Stellen.

Die Afghanen – in ihrer Zuneigung zu Geranien durchaus dem kompatibel mit süddeutschem Geschmack – scheinen unsere Abneigung nicht zu teilen. „Ich weiß sogar, wo es sie gibt!“ trumpft die Grazie auf und zeigt auf einen Blumenladen, an dem wir gerade vorbeifahren. „Siehst du, sogar auf seinem Schild oben steht ‚Nihalhaye Krismess‘ – Weihnachts-Setzlinge!“

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Bäumefällen in Badeschlappen

22. November 2010

Gerade noch habe ich die prächtigen, hohen Bäume im Nachbargarten bewundert, da sehen wir, wie die Krone des einen sich bewegt. „Super, wie sie im Herbst immer die Bäume schütteln, damit die Blätter schneller fallen,“ sage ich zu Dr. Kolben. „Nee, guck mal, da ist einer mit der Säge zugange,“ sagt er. In der Tat, auf der Höhe des zweiten Stocks macht sich jemand an den Ästen zu schaffen.

Auch wenn jeder Autofahrer sich in Kabuls Sommerhitze den Schatten eines Baums zum Parken wünscht, sind Bäume insgesamt unbeliebt. Als wir unser neues Büro bezogen hatten, in dem wir sehr stolz auf die beiden riesigen alten Pinien waren, fragten Gäste durchaus, ob wir diese nicht lieber fällen wollten. Sie würden doch so schrecklich nadeln. Bei einem unserer Umwelt-Projekte in Schulen sagte ein Schüler, zum Nutzen der Bäume befragt, man könne sehr gut Türen aus ihnen machen. Ein älterer Landrat bat uns, Bäume in seinem Tal zu pflanzen. „An was für Bäume hattest du gedacht, was wächst denn hier gut und wäre euch nützlich?“ fragten wir. „Egal,“ sagte er,  „Hauptsache, wir haben was zum Heizen.“

Im Nachbarbaum sehen wir erst nur die Badeschlappen. Dann wird die Säge genau an dem Ast angesetzt, auf dem diese stehen. Dr. Kolben schüttelt den Kopf: „Damit turnt er in dieser Höhe herum und sägt sich noch selbst den Ast ab. Vielleicht hat Allah ein Einsehen und er bricht sich nur einen Arm beim Runterfallen …“

Vom Nutzen der Bäume

23. August 2010

Wir sind unterwegs um zu schauen, wieviel die Schüler in dem Programm einer Partnerorganisation über Umwelt gelernt haben. Die Schule, die wir besuchen, ist neu und liegt weit entfernt von allem. Bis zu zweieinhalb Stunden Fußweg haben die Schülerinnen und Schüler jeden Tag zurückzulegen. „Die Stadt möchte, dass die Leute, die in den Höhlen wohnen, dort ausziehen,“ sagt ein Kollege. Er deutet auf die Felswand, in der unter anderem die beiden Buddha-Statuen gestanden haben. Sie ist voller Höhlen, bei denen man die vom Kochen auf offenem Feuer geschwärzten Decken sieht. „Wenn sie auf dieser Freifläche bauen würden, läge die Schule in der Mitte,“ meint er.

Im Gebäude klingt es genau wie in einer deutschen Schule, die Kinder kreischen, lärmen und toben durcheinander. Der Rektor bittet uns zu sich ins Zimmer. „Der Lehrer muss erst Ordnung schaffen,“ sagt er. Wir nehmen auf einem Sofa Platz, auf dem wir so tief sitzen, dass wir genau in ein altes Holzpult schauen. Darin liegt ein Englisch-Lernheft mit einem Gedicht, um die Zahlen zu lernen. Insbesondere die letzten beiden Zeilen haben es mir angetan: „Seven, eight: God is great/Nine, ten: The best thing is pen“.

In der ersten Klasse, die wir besuchen, sind die Mädchen nicht nur in der Überzahl sondern auch deutlich selbstbewusster. Im Handumdrehen erklären sie den Nutzen von Umweltschutz. Ich frage, ob jemand einen Baum an die Tafel malen kann. Endlich reckt auch ein Junge die Hand. An der Tafel verlässt ihn jedoch der Mut. Er skizziert, korrigiert dann, setzt neu an. Währed er mit dem Resultat immerzufriedener wird, vertiefen sich die Falten auf der Stirn des Lehrers. Schließlich fordert er ihn auf, sich wieder zu setzen und wischt rasch die Sonnenblume weg.

Unser nächster Anlauf, einen Baum gezeichnet zu bekommen, ist schon besser. Mit zwei Strichen und einer wolkigen Baumkrone ist das Werk vollbracht. „Was ist das für ein Baum?“ frage ich. „Na, ein wilder Baum natürlich.“ – „Und wie sieht ein nicht so wilder Baum aus?“ Ein zierlicher Baum mit feinen Blättern entsteht neben dem ersten. Der Lehrer souffliert: „Fehlt da nicht noch was? Unten?“ Nach kurzem Überlegen zieht der Junge einen horizontalen Strich. Das sei die Erde. Der Lehrer fragt, ob da nicht auch noch Wurzeln seien. Der Junge guckt ihn streng an: „Ja. Aber die sieht man doch nicht!“

Auf einem Plakat neben der Tafel steht, der Islam halte jeden zum Schutz von Tieren und Pflanzen an. Mr. M. fragt die Schüler, warum das so sei. Ein Mädchen hebt die Hand: „Die Tiere können ja nicht an den Brunnen gehen und sich einen Eimer Wasser hochziehen. Deswegen müssen wir das für sie machen.“

Es grünt so grün

2. Mai 2010

Ich liebe das unkontrollierte Wuchern in unserem Garten, die Stockrosen, die sich eigensinnig überall gesät haben, die Clematis, die heimlich von den Mauern Besitz ergreifen und die blühenden Granatapfelbäume und den duftenden Ginster. Wie sich ausgerechnet in den kleinen Blumenkästen auf der Terrasse Tomaten ansiedeln konnten, ist ein Rätsel, aber es ist natürlich praktisch. Allein der Rasen ist eine Sache für sich. Einen Teil habe ich rechtzeitig gemäht. Mit einem mechanischen Rasenmäher – zudem stumpf – ist das gar nicht so leicht. Auf der anderen Seite des Gartens ist jedoch irgendwie Weizen dazwischen geraten. Die Ähren stehen schon ziemlich hoch. Das wird dieser Rasenmäher nicht überleben.

Unser Wächter Ghulam wartet mit einer Alternative auf: Zwei Kuchi-Frauen mit einem kleinen Mädchen stehen vor der Tür. Sie bitten um Gras für ihre Tiere. Kuchis sind die Nomaden Afghanistans – und auch in ihrer Gesellschaft sind die Frauen diejenigen, die die meiste Arbeit verrichten. Mehrere Tage lang bearbeiten sie die wuschligen Wiesen mit ihren Sicheln. In ihren Verschnaufpausen sitzen sie unter dem Maulbeerbaum und trinken Wasser. Obwohl sie wahrscheinlich jünger als wir sind, sieht man wenn sie lächeln, wie viele Zähne ihnen schon fehlen. Wir geben ihnen einen kleinen Obolus. Sie wickeln das abgeschnittene Gras in die Tücher, die sie zuvor um die Schultern hatten, und tragen die riesigen Ballen auf dem Kopf davon.

Der Gärtner hat sich derweil um die Gemüsebeete gekümmert. Wir hatten ihm diverse Samentütchen gegeben. Bei näherer Betrachtung hat er gleich zwei große Flächen mit Kresse besät. Ich rufe Madame M. an: „Wann kommst Du noch mal wieder? Und wie lange braucht Kresse, um zu keimen?“ Sie ist zunächst zuversichtlich und beginnt, von Rührei mit Kresse zu schwärmen. Ich schildere ihr das Ausmaß unserer Plantage. Nach einer kurzen Stille sagt sie: „Meine Mutter würde das Kresseschwemme nennen … jedes Jahr gab es was anderes, Blaubeerschwemme, Erdbeerschwemme, also dies Jahr ist dann ja wohl klar.“ Wir lassen uns überraschen. Wenn dieses Saatgut so aufgeht wie der Rest, werden wir in wenigen Tagen kniehohe Keime haben, derer wir nur noch mit der Heckenschere Herr werden können.

Rose, generalüberholt

9. Februar 2010

Auf dem Rückweg zum Büro halten wir kurz in der Flower Street an. Anders als bei der Chicken Street, in der die Hühnchen schon vor geraumer Zeit Möbelläden gewichen sind, reiht sich hier ein Blumengeschäft ans nächste. Eines von ihnen hat vor Weihnachten sogar Tannenbäume im Topf verkauft. Ansonsten sind sie auf abenteuerliche Plastikblumengestecke spezialisiert, haben aber auch frische Schnittblumen.

Ich möchte einige der orangefarbenen Rosen haben. „Große Blüte? Kleine Blüte?“ – Klein, sage ich, noch nicht so weit aufgegangen. Rasch wählt der Verkäufer einige aus. Ich nehme den kleinen Strauß unter die Lupe: „Die hier hat aber ganz welke Ränder!“ – „Kein Problem!“ Ehe ich mich versehe, rupft der Verkäufer alle schwarzgeränderten Blütenblätter aus, drückt die verbleibenden näher zusammen und stopft die Blume zufrieden wieder in den Strauß.

Programmatisches Entblättern

14. November 2009

Die Decke des Raums scheint sich zu bewegen. Auch der Untergrund fühlt sich komisch an – ein Erdbeben. Rasch laufen wir nach draußen in die Dunkelheit und Kälte. Dort ist zum Glück nichts mehr davon zu spüren. Trotzdem entschließen wir uns, nach Hause zu gehen. Der Gastgeber grinst, und sagt in seinem schwäbischen Akzent: „Gell, desch habbe mer ekschtra gemacht, ha, wenn die Gäschte zu lang bleibe …“

Am nächsten Tag meine ich, ein selektives Erdbeben aus der Ferne zu sehen: Die Baumkrone hinter der Mauer auf der anderen Straßenseite zittert wie verrückt. Ich blinzle, und als ich die Augen wieder aufmache, ist alles ruhig – bis der Baum daneben in Schüttelfrost zu verfallen scheint. Ich lasse das ganze auf sich beruhen. Wenig später ein Rauschen auch in unserem Garten. Ein Baum schwankt und raschelt verdächtig. Ich trete auf den Balkon und rufe nach dem Wächter – „Was passiert hier eigentlich?“ Die Zweige des Baums vor mir schieben sich auseinander und ein schweißüberströmter Wächter lugt heraus. „Es ist Herbst! Wir schütteln die trocknen Blätter von den Bäumen!“

Gräben graben

24. Juli 2009

Mindestens ebenso gerne wie die Leute hier Mauern bauen, scheinen sie zu graben. Ebenfalls ähnlich bei beiden Baumaßnahmen ist, dass auf jede Person die arbeitet, beliebig viele kommen, die dabei zuschauen.  Auch ein kulturübergreifendes Phänomen zwischen Deutschland und Afghanistan kann man auf hiesigen Baustellen beobachten: Die Zahl derjenigen, die gerade auf ihr Baugerät gestützt Pause machen, steigt rapide, wenn eine Frau durchs Bild läuft; einzig das mit dem Pfeifen hat sich hier noch nicht eingebürgert.

Graben zweier Gräben, Zuschauer sind derweil mit der Rückansicht der Fotografin befasst.

Graben eines Grabens neben dem Graben, Zuschauer sind derweil mit der Rückansicht der Fotografin beschäftigt.

Vielleicht hat jemand dem Präsidenten gesagt, sein Wahlkampf erfordere mehr Tiefgang. Jedenfalls herrscht seit kurzem in unserem Viertel ein reger Tiefbauboom. Nach einem undurchschaubaren System werden Gräben ausgehoben, üblicherweise dort, wo in anderen Ländern der Rinnstein wäre. Gibt es dort jedoch bereits einen Graben, muss der Fußweg dran glauben, und nicht selten droht dabei der eigentliche Graben verschüttet zu werden.

Wir hatten zum afghanischen Neujahrsfest, an dem jeder etwas pflanzen sollte, als gutes Beispiel Bäume in die Baumkästen vor unserem Büro gesetzt. Zwei davon hatten ohnehin schon dem jähen Begehren unseres hochrangigen Nachbars weichen müssen, ausgerechnet dort sein Auto hinzustellen. Einer war geklaut worden und ein weiterer abgebrochen.

Ich sehe gerade noch rechtzeitig, dass sich auch unserem Grundstück eine Grabenschneise nähert, und ordne rasch an, dass das verbleibende Bäumchen gerettet wird.

Dabei bemerke ich, dass auch der riesige Maulbeerbaum unserer Nachbarn ins Visier genommen wird, einer der wenigen und gleichzeitig so nötigen Schattenspender. Ich frage die darunter herumlungernden Sicherheitsleute, die den ganzen Tag über nichts zu tun haben, ob man allen Ernstes den Baum opfern wolle. Sie schauen sich um. Einer spuckt bedächtig auf den Boden. „Macht doch nur Dreck, der Baum, den ganzen Sommer über fallen hier die Maulbeeren runter.“ Ich bin erstaunt, denn ich weiss nicht, wo sie alle sitzen wollen, wenn der Baum weg ist.

Sollte er seinen Hintern jemals von diesem Stuhl lüpfen, werde ich in großer Versuchung sein, einige saftige, dunkle Maulbeeren dort zu plazieren, bevor er sich in seiner Phantasieuniform wieder darauf niederlässt.

Gehaltserhöhung bei Rabatten?

22. Juli 2009

CIMG4864Der Gärtner, ein kleiner schweigsamer Mann, hat im ganzen Haus Blumenkübel verteilt. Abenteuerliche Konstruktionen am Treppengeländer halten Grünpflanzen, das kleinste Büro wird von der größten Zitronenmelisse und deren betäubenden Duft vollständig ausgefüllt, und als ich mich unlängst in eben diesem Büro um den Schreibtisch herumquetschte, um der dort arbeitenden Grazie etwas am Bildschirm zu zeigen, mahnte diese mich zur Vorsicht.

Unter dem Schreibtisch steht nämlich ein Kaktus. Auf meine Frage, was dieser dort mache, wurde mir erklärt, der Gärtner habe ihn dort deponiert. Der Kaktus vertrage keine Sonne.

requested for increaseing salary

Wenn er das sagt, stimmt das gewiss, denn er hat einen grünen Daumen. So wie bei uns blüht und duftet es in nicht vielen Gärten. Den zu Hause könnten wir auch für einen Wahlwerbespot der Grünen nutzen, denn haushohe Sonnenblumen säumen die Wege.

Jetzt hat der Gärtner mir einen anrührenden Brief geschrieben, in dem er um eine Gehaltserhöhung bittet. Er stand damit plötzlich in meiner Bürotür, drückte ihn mir wortlos in die Hand und hüllte sich trotz Hochsommer würdevoll in seinen Wollumhang bevor er verschwand.

Die fetten Jahre

9. Juli 2009
Suchbild mit Aprikose (oder Geist der Mirabelle?)

Der Geist einer Mirabelle?

„Das ist ja ein Aprikosenbaum,“ rufe ich dem Gärtner zu. Er ist kein Mann großer Worte und nickt nur. Der Wächter eilt zur Hilfe: „Ja. Aber es gibt gute und schlechte Jahre. Er trägt nur in jedem zweiten Jahr, und auch dann nicht viele.“ Ich zeige auf eine Aprikose, die einsam im Wind schaukelt: „Also, eine sehe ich.“ Der Gärtner schaut bedächtig nach oben. „Das,“ sagt er, „könnte ein gutes Jahr sein.“

Unverdorbene Früchtchen

6. Juli 2009

Unser Garten ist so groß, dass wir immer noch Entdeckungen machen. Die jüngste ist ein Maulbeerbaum, der ganz andere Beeren trägt, als der andere. Sie wachsen direkt auf den Zweigen, sehen aus wie große Brombeeren und schmecken auch so ähnlich. „Tut Kandahari“, Kandahar-Beeren, nennt sie unser großer Wächter, und solche wie diese kann man an den Ständen auf der Straße nicht kaufen.

Der Grund mag sein, dass die reifen Beeren schwierig zu ernten sind, weil sie so weich und saftig sind. Am besten sind sie, wenn man sie nach dem Waschen ins Eisfach stellt und dann halbgefroren genießt.

Wir können nur hoffen, dass unsere Nachbarn nicht zufällig gerade in dem Moment in unsere Baumkrone blicken, als wir pflücken. Sie würden zwei in schwarz gehüllte Gestalten erblicken, von deren Händen und Armen der rote Saft nur so trieft.