Archive for the ‘Gepflogenheiten’ Category

Doppelt hält besser

28. Dezember 2011

Eine kleine Nachlese zur Vorweihnachtszeit: Die beiden bärtigen Herrn haben etwas auf dem Herzen. „Sag mal, Weihnachten … ist da eigentlich frei?“ Ist es nicht, denn das Büro richtet sich nach den afghanischen Feiertagen. Sie machen lange Gesichter und lassen klickend die Perlen ihrer Gebetsketten durch die Finger rinnen. „Können wir dann frei nehmen?“ – Der afgahnische Verwaltungschef nickt: „Klar, wenn ihr dann feiern wollt, nehmt Urlaub … aber es fällt ohnehin auf ein Wochenende.“

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Ein karges Willkommen

5. Dezember 2011

„Was sind Spannungsfelder, bei denen die Vorstellungen von Afghanen und Deutschen besonders weit auseinanderklaffen?“ wurde ich unlängst für einen Artikel gefragt. Diese Frage kommt mir wieder in den Sinn, als ich in die enttäuschten Augen meiner afghanischen Gegenüber bei einer der dieser Tage in Deutschland stattfindenden Afghanistan-Veranstaltungen blicke. Die Veranstaltung an sich ist gut, aber die Versorgung stellt die afghanische Seite vor Rätsel.

Eine halbe Stunde lang tummeln wir uns bereits an kleinen Stehtischen, und mein Gesprächspartner, der das erste Mal in Deutschland ist, hat sich weder für die in kleinen Schälchen gereichten Hühnchen-Stücke mit Himbeeren und Blaubeeren erwärmen können, noch an die mit Schnittlauch dekorierten Maultaschen gewagt. Letztere sind den afghanischen Ashak nicht unähnlich, nur dass sie sehr viel kleiner und mit Soße lediglich getüpfelt sind. Es fällt mir schwer zu erklären, dass wir uns auch für den Hauptgang nicht setzen werden, und dass die Mikroportionen Sauerbraten, die auf Tabletts um uns herum gereicht werden, obendrein bereits der Hauptgang sind.

Berühmt ist die tragische Geschichte von dem Mann, der einem anderen sein Pferd abkaufen wollte. Als er sich zu einem Besuch beim Pferdebesitzer anmeldet, um ihm sein Ansinnen anzutragen, schlachtet dieser das edle Tier, weil er sonst nichts hat, was er seinem Gast zu Essen anbieten könnte. Auch wenn es sich nur um ein Gleichnis handelt, Essen ist eine zentrale Angelegenheit im afghanischen Leben wie im Besprechen und Verhandeln. Großzügig soll es sein, und zu Ehren eines Gastes versuchen selbst die Ärmsten, Fleisch zu servieren. Dementsprechend gering ist das Verständnis für deutsche Häppchenkultur auf Konferenzen, und dass in einem reichen Land ein solcher Geiz gegenüber Gästen herrscht.

RevolutionaryGirl erzählt mir, wie auch sie mit den unterschiedlichen Vorlieben ihre Erfahrungen gemacht hat, als sie in Kabul die Hochzeit ihres Onkels vorbereitete. „Ich habe alles ganz minimalistisch gehalten. Gerade auch beim Bett – die indische und pakistanische Kultur hat es da sehr mit Girlanden und einem ganz überwältigenden Dekor. Ich habe es stattdessen ganz schlicht gehalten. ‚Onkelchen, das ist sowas von out,‘ habe ich ihm erklärt, als er es auch so schwülstig wollte. Als die Braut mein Werk gesehen hat, hat sie sich sofort beschwert, wir wollten sie gar nicht in unserer Familie haben und hätten ihr ihr Zimmer nicht schön eingerichtet.“

Von Dschinnen und Engeln

4. November 2011

Innerhalb der vergangenen drei Jahre mussten wir zwei Mal mit dem Büro umziehen. Als Mieter kann man sich in Kabul glücklich schätzen, wenn Verträge länger als ein Jahr halten und ohne wesentliche Mietpreissteigerungen auskommen. Unser erster Vermieter forderte abrupt das vier- bis fünffache der ursprünglichen Miete. Der nächste verkaufte sein Haus an jemanden, der es eintauschte. Leider wusste der Tauschpartner nicht von uns und setzte uns innerhalb von drei Wochen vor die Tür. Jenseits der logistischen Schwierigkeiten der Bürosuche und der Kosten für Umbauten und Renovierungen ist bei afghanischen Umzügen auch immer ein Schwund an Möbeln zu verzeichnen. Man baut sie nicht auseinander, sondern hievt sie auf Pritschenwagen. Die holprigen Straßen und robustes Auf- und Entladen tragen ihr übriges zum Zerfall bei.

In Ermangelung eines Ikeas haben wir diverse Möbelhäuser getestet. Das Team schwört auf „Istanbul Furniture“, das auf vier Etagen alles für Büro und Privathaushalt anbietet. Die Grazie greift in einen der modernen Teppiche. „So flauschig, so schön … Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich ihn sofort mitnehmen, aber sie kosten 400 Dollar!“ Mr. A. hat Gefallen an einem Kinderbett in Rennwagen-Design gefunden. Die Grazie lacht: „Meine Neffen haben ein Feuerwehrauto als Stockbett. Mit Hupe und Licht!“

Ich lehne mich an etwas, was ich für ein normales Kinderbett halte. „Guckt mal, das ist ja toll, es hat einen Wiege-Mechanismus,“ rufe ich, während ich es noch mal in Schwung versetze. Mit Schrecken im Gesicht gesellen sich meine Kollegen zu mir. „Vorsicht, mach das nicht,“ sagt einer von ihnen. Sie blicken sich unbehaglich an. „Wenn man eine Wiege schaukelt, ohne dass ein Kind darin liegt,“ sagt Mr. M. zögerlich, „dann kommt der Dschinn!“ Als ich Madame C. davon erzähle, nickt sie: „Vom Dschinn weiß ich nichts, aber als ich mir den Hund angeschafft habe, waren afghanischen Freunde auch bestürzt. Es heißt, dann kommen die Engel nicht mehr ins Haus.“

Bewaffnete Unbekannte

26. Juli 2011

Während man sich – insbesondere als afghanische Frau – bei der Arbeit , am Telefon und auf der Straße allerhand anhören muss, kann der Umgang auch von ausgemachter Höflichkeit sein. Wenn man zum Beispiel nach Wünschen oder Präferenzen fragt, versucht das Gegenüber oft zu erraten, was man gerne hören möchte. „As you wish,“ ist die Antwort, die ich am häufigsten in meinem Büro zu hören bekomme, und bei der Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten bemühen sich die Kollegen stets um eine ausgewogene Darstellung von Vor- und Nachteilen. Das ist galant, doch oft bin ich hinterher so schlau wie zuvor.

Ein ausgeprägtes Problem ist das bei Umfragen. Es ist unüblich, viele Fragen zu stellen, und lange, detaillierte Fragebögen, sorgen schnell für Verwirrung. Mein Lieblingsbeispiel stammt aus einer Umfrage zur Sicherheitslage. Hier sollten die Teilnehmer einstufen, ob bestimmte Gegebenheiten auf der Straße a) ihnen Unbehagen bereiten, sie b) kalt lassen oder  c) ihnen Vertrauen einflößen. Es folgte eine lange Liste, bei der überwiegend Dinge zum Fürchten angegeben waren, mit dem Erfolg, dass in einer der letzten Zeilen erstaunliche 7% angaben, dass es ihnen ein Gefühl der Sicherheit verschaffe, wenn ihnen auf der Straße „unbekannte Bewaffnete“ entgegenkommen.

Dennoch wollen diejenigen, die derlei Fragebögen entwerfen, sich normalerweise nicht reinreden lassen. Als ich ausgerechnet diese Frage in einem Fragebogen unserer Partnerorganisation wieder auftauchen sehe, frage ich mein Team, wie man Überzeugungsarbeit leisten kann. Sie schauen resigniert. Gegen solchen Starrsinn komme man nicht an. Unvermittelt brechen alle in Gelächter aus. „Auf Dari sagen wir in einem solchen Fall ’sein Huhn hat nur ein Bein‘. Weil Hühner oft nur auf einem Bein stehen, spotten wir über Rechthaber, dass sie behaupten, bei ihnen sähe es nicht nur so aus, sondern ihr Huhn habe tatsächlich nur eins.“

Twilightzone Afghanistan

16. Juni 2011

Ich döse zu einem Mittelalterroman-Hörbuch vor mich hin. Der Brüllchor im Hintergrund ist erst dezent, dann immer störender, und warum zu der Zeit in England Allahu-Akbar-Rufe? Nur langsam dringt in mein Bewusstsein, dass die Rufe nicht Teil der Handlung sind, sondern real vor meiner Tür stattfinden, unterstützt von den Innenlautsprechern der Moschee. Auch aus anderen Vierteln dringen ähnliche Klänge herüber. Rasch ziehe ich mich an, inklusive Turnschuhen und gehe aufs Dach, um den besten Weg für eien Flucht über die Nachbargrundstücke zu prüfen. In diesem Moment kommt eine SMS: Die Leute, so heißt es, würden nicht verstehen, was es mit der Mondfinsternis auf sich hat. „Don’t worry.“ steht dort, was sehr nett ist. Dennoch weiß man bei diesen Menschenansammlungen nie, wann sie aus dem Ruder laufen. Bei der Liebe zu Verschwörungstheorie hier bräuchte nur jeamdn zu behaupten, jetzt würden die Ausländer den Afghanen sogar noch den Mond verdunkeln.  Ein Protestzug wälzt sich an unerer Tür vorbei, nicht ohne dagegenzuhauen. Mein Herzklopfen lässt erst nach, als deutlich wird, dass sie sich langsam von uns wegbewegen.

Unser Praktikant, um den ich mich nachts gesorgt hatte, hat derweil fest geschlafen, und auch Freunde des Büros haben gar nichts mitgekriegt. Die anderen schauen verständnislos:  „Der Koran sagt, bei Sonnen- oder Mondfinsternis soll man beten. Da steht nichts von ‚in der Moschee versammeln‘ oder ‚durch die Straßen ziehen‘.“ – „Das muss eine Modeerscheinung sein! Ich habe dafür wirklich nichts übrig, bei uns sind sie sogar im Auto langgefahren, haben aus den Fenstern gehangen und Allahu Akbar gerufen. Das zieht die Religion wirklich ins Lächerliche!“

Namensdramen

15. Juni 2011

Obwohl die Taliban bislang zögerlich sind, Verhandlungen offiziell zuzustimmen, rollt die afghanische Regierung konservativen Interessen jeder Art schon mal den roten Teppich aus. Das Frauenministerium versucht, Frauenrechte einzuschränken, und andere in der Verfassung nicht vorgesehene Vereinigungen reden auch kräftig mit.

Im Medienbereich ist es eine ominöse „Ulema“, ein Rat mit religiöser Autorität, der unlängst versucht hat, den wichtigsten Fernsehsender wegen Unmoral und die verbreitetste Tageszeitung wegen eines Artikels über radikale Koranschulen schließen zu lassen. Niemand weiß genau, wer diesem Rat angehört, doch allgemein heißt es, er habe bei seinen Vorwürfen an die Medien die Interessen des Präsidentenpalastes vertreten.

Zwar konnte der Konflikt beigelegt werden, aber eine eine türkische Fernsehserie musste dafür aus dem Programm gestrichen werden. „Wir haben allerhand Serien aus dem Ausland hier. Brasilianische, mexikanische … sie sind alle gleich. Man fragt sich also, warum ausgerechnet diese abgebrochen werden musste,“ sagt Mr. A. „Ach, die waren bestimmt enttäuscht darüber, dass so viel zensiert wurde. Wann immer man halbnackte Arme oder Beine sah, war das unkenntlich gemacht, so dass man noch nicht mal mit hochauflösender Technik was sehen konnte. Die haben bestimmt gesagt, wenn wir schon nicht alles sehen dürfen, dann muss man die Serie auch gar nicht zeigen,“ witzelt eine der Grazien.

Gleich darauf werden sie jedoch wieder ernst: „Der Unterschied war, dass sie alle muslimische Namen getragen haben, und trotzdem Wein getrunken und knappe Kleidung getragen haben, in Mexiko heißen sie Jesus oder Jorge, nicht Mohammad oder Ahmed.“ Ich grinse: „Hätte man die nicht einfach umbenennen können?“ Die Grazie lacht: „Ja, klar. War ja genauso bei diesem Programm „Deal or no Deal“, das Tolo übernommen hat, eine Show, bei der es hieß, das sei ‚um Geld spielen‘ und deswegen unzulässig. Da schlugen die Wogen auch sehr hoch. Dann haben sie sie einfach umbenannt in ‚Ganjina‘, das heißt so viel wie ‚kleiner Schatz‘, und jetzt gibt es damit keine Probleme mehr.“

Lieber einen Kanarienvogel

12. April 2011

In einem meiner Lieblingskinderbücher gibt es den ewig unleidlichen Herrn Sturm, der sich ein  Haus mit zwei reizenden alten Damen teilt, die ihm nur Gutes wollen. In einer Szene brüllt Herr Sturm: „ICH WILL NICHTS GUTES!“  bevor er  seine Tür zuschmettert. Das mache ich zwar nicht, aber die Versuchung ist mindestens eimal die Woche groß, denn nicht alles was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht. Unvergessen der Taxifahrer, der auf der matschigen Straße vor unserem Haus unbedingt direkt vor mir halten wollte, es aber mit erst einem Kavaliersstart, dann einer rasanten Bremsung geschafft hat, mich von oben bis unten einzusauen.

Mein Team, mit dem ich nach Lahore gefahren bin, zweifelt selbst den guten Willen im eigenen Lande an. „Kennst du nicht den Witz von dem afghanischen Schneider? Holt ein Kunde seinen Anzug ab und beschwert sich: ‚Schneider, in dem Anzug ist ein Floh!‘ Sagt der Schneider: ‚Ja, was erwartest du? Etwa einen Kanarienvogel der dir ein Lied singt?'“ Die Grazie deutet auf die Wasserflasche, die eingeschenkten Gläser: „In Afghanistan kann man froh sein, wenn sie einem einen Krug hinknallen.“ Ich feixe: „Manchmal glaube ich, dass Afghanen und Deutsche doch verwandt sind!“

Aber auch im Nachbarland ist nicht alles Gold, was glänzt. Unser Hotel wirbt mit seiner „Panoramadusche“. Dahinter verbirgt sich ein etwas antikes Modell, das unter anderem Berieselung durch verschiedene Düsen in der Wand vorsieht. Leider kommt jedoch kein heißes Wasser aus dem Duschkopf. Die Rezeption schickt jemanden vorbei, der seinen Finger mit Hingabe 20 Minuten lang unter den Strahl hält. „Madam, see,“ versucht er mich aufzumuntern, „es wird schon wärmer, ich dreh noch mal schnell an diesem Knopf, vielleicht wird es dann noch besser.“ Gesagt, getan, und mittels des „Panoramaknopfs“ sind im Handumdrehen das Zimmer und ich unter lauwarmes Wasser gesetzt. „BITTE, STOP!“ rufe ich. „Madam, ich konnte den Knopf in die Richtung drehen, aber zurück will er nicht mehr.“ Die Grazie lugt aus ihrem Zimmer, als Verstärkung naht. „Alles in Ordnung?“ raunt sie. Ich wische mir das Wasser von der Stirn, während der Verursacher der Überschwemmung sich still und heimlich verdrückt. „Sie werden es hoffentlich richten,“ sage ich, während es im Badezimmer hämmert. „Madam, come!“ ruft einer der frisch hinzugekommenen mich zur Überprüfung ihres Werks. „Wir können es nicht nur zumachen, es geht auch wieder auf,“ ruft er, während mich der eben versiegte Wasserstrahl von neuem trifft.

Picknick im Park

2. April 2011

Wir sind zum Freitagspickick im Bagh-e Babur verabredet, aber finden unsere Freunde nicht. Während ich mit der Gastgeberin telefoniere, entgehen mir völlig die wilden Winksignale der Männer um uns herum. Eine Frau tippt mir auf die Schulter: „Entschuldigung. Sie sitzen dort drüben,“ sagt sie auf Dari. Ich schaue sie ungläubig an. „Na, die Ausländer. Zwei Männer und eine Frau. Die sitzen dort drüben,“ bekräftigt sie und deutet zwischen die blühenden Obstbäume. So selten, wie Ausländer sich hier niederlassen, weiß jeder in dem großen Park, wo wir zu finden sind.

Viele Leute kommen vorbei und möchten sich unterhalten oder Fotos mit uns machen. Popcornhändler, Schuhputzer und ein kleiner Junge kommen vorbei. Des letzteren Dienstleistung besteht darin, dass er eine Personenwaage auf den schiefen Rasen stellt und für einen kleinen Obolus anbietet, dass man sich wiegen kann. Einer unserer Freunde schaut zwischen dem üppigen Picknick und dem Jungen hin und her. „Kein wirklich durchdachtes Geschäftsmodell.“

Zwei junge Männer laufen eine ganze Weile um uns herum bis sie sich zu einem Gespräch durchringen. Einer von ihnen ist Zahnarzt, beide arbeiten als Dolmetscher für die Amerikaner. „Wir haben uns jetzt für ein Training in den USA beworben.“ – „Kommt ihr danach wieder?“ – „Erst nehmen wir die amerikanische Staatsbürgerschaft an und dann kommen wir wieder und verdienen zehn- oder fünfzehntausend Dollar im Monat.“

Ich frage, was genau sie in den USA machen werden und denke dabei an das Training. „In Nachtclubs und an den Strand gehen und Mädchen in kurzen Röcken angucken,“ sagt der Zahnarzt wie aus der Pistole geschossen, „das ist mein Hobby.“  – Ich versuche ihm zu erklären, dass der Besuch von Nachtclubs von geringem sozialen Ansehen ist. „Wir würden nicht so oft gehen, nur einmal in der Woche.“ Mir schießt eine Äußerung der Grazie in den Sinn: „Weißt du, meine Landsleute erkenne ich weltweit auf Anhieb. Das sind die, die immer glotzen, völlig schamlos,“ hatte sie mir einmal nach einer Auseinandersetzung mit unerzogenen jungen Männern erklärt. Das zitiere ich jetzt. „Nur, weil es Mädchen in kurzen Röcken gibt, heißt das noch lange nicht, dass es gesellschaftlich akzeptiert ist, sie anzustarren, im Gegenteil. Es gilt als unhöflich zu glotzen.“ Überlegen grinsend schüttelt mein Gesprächspartner den Kopf. „Nein, nein, so ist das nicht. Du bist ja schlimmer als die Taliban.“

Sleeveless in Kabul

27. März 2011

Wir trauen unseren Augen kaum, als wir mitten in der Stadt eine junge Frau sehen, die eindeutig wie eine Prostituierte wirkt. Auf goldenen Highheels trippelt sie am Straßenrand entlang und trägt unter ihrem gelben Kleid nur den Hauch einer Hose. Ihre Augen sind filmreif geschminkt, und unter dem knappen Kopftuch fallen die Haare offen über ihren Rücken. „Shah M.,“ ruft die Grazie, „dreh eine Runde, das muss ich mir genauer anschauen.“ Der Fahrer blickt in den Rückspiegel: „Bis wir wieder da sind, ist sie sowieso zu jemandem ins Auto gestiegen,“  gibt er zu bedenken. „Hast du so was schon mal hier gesehen?“ frage ich. Er schüttelt den Kopf: „So wie die geschminkt ist, so läuft in Pakistan das dritte Geschlecht herum!“ Seit letztem Jahr können sich Transvestiten in Pakistan offiziell als „drittes Geschlecht“ registrieren lassen. In Peshawar habe der Fahrer sie häufig gesehen – all diese Farbe im Gesicht und diese Kleidung, das sei da ganz normal. Aber hier, da sei er sich sicher, handele es sich eindeutig um eine Frau. „Das ist schon was, dass sie sich das in Kabul erlauben kann, so rumzulaufen. In meinem Dorf gab es eine Frau, die hat ihr Kopftuch nur so wie ihr getragen,“ sagt er und deutet auf die Grazie und mich, die es eher halbherzig im Nacken haben. „Eine Woche später ist sie verschwunden und später hat man sie und ihr Kind ermordet aufgefunden.“

Wenig später warten wir im gleichen Stadtteil auf einen Kollegen, als wir das Klappern hoher Absätze hören. Als die junge Frau am Auto vorüberstöckelt, lässt sie wie zufällig ihr Tuch von der Schulter gleiten und entblößt einen nackten Arm. Sie dreht sich  um, und schaut unter langen, getuschten Wimpern den Fahrer an, während sie sich mit einem Schwung ihres bestickten Glitzerrocks weiterbewegt. „Noch eine?“ ruft die Grazie. „Die gleiche ist es nicht, die hier hat dunkle Haare.“ Sie zählt mir alle möglichen Merkmale auf, anhand derer sie weniger zurechtgemachte Prostituierte erkennt – die Art, wie sie Autos anhalten, wie sie herumlaufen, wie sie  abgerissen aussehen und doch teure Telefone haben. „Aber eine so Hübsche habe ich noch nie gesehen – und so offensichtlich!“ An der nächsten Straßenecke trifft die Besagte einen jungen Mann und steigt mit ihm in ein Taxi.

Zwischen Mann und Frau

23. Februar 2011

„Stell dir vor, in indischen Filmen wird heutzutage sogar manchmal geküsst,“ empört sich eine Freundin, die eigentlich sehr aufgeschlossen ist. Die Grenzen des gesellschaftlich Tolerablen sind für mich weiterhin ein Rätsel. Als diese Woche ein Artikel über eine lesbische islamische Eheschließung in London die Runde machte, schlug das hohe Wogen. Offiziellen religiösen Segen für diese in den Augen vieler unheilige Verbindung zu suchen, rückte ein Thema ins Rampenlicht, das im Verborgenen sehr wohl existieren darf.

Das Dessous auf dem Motorrad
Das Dessous auf dem Motorrad

Wohlgemerkt nur unter Männern, und nicht als Wahl, sondern als Notwendigkeit: Wenn es gleichgeschlechtliche Beziehungen in Afghanistan gäbe, so las ich neulich in einer afghanischen Zeitung, dann nur, wegen der hohen Brautpreise. Diese zwängen die Männer förmlich zu Übersprungshandlungen. In einer anderen Ausgabe wurde über den Fall eines Mannes berichtet, der sich an Pferden vergangen habe. Dieser wurde dem Artikel zufolge alsbald wieder freigelassen, ebenfalls unter Verweis auf die viel zu hohen Hochzeitskosten.

Auch gibt es die Grauzone der öffentlichen Geheimnisse in diesem Bereich. Als bei den vergangenen Parlamentswahlen ein Kandidat mit dem augenscheinlich eindeutig besetzten Begriff Kaku für sich warb, sorgte das für Spott in der ganzen Stadt.

Berührungen zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit sind tabu, während man ersatzweise belebte und unbelebte Gegenstände personifizieren und herzen kann. Als ich bei einem Vortrag in Berlin das Foto eines Motorrads zeigte, das – wie viele seiner Art hier – weibliche Augen auf den Scheinwerfer gemalt hat, fragte mich ein Zuhörer, ob das Netz über dem Sattel der Dessous-Ersatz sei. Daran muss ich jetzt immer denken, wenn ich derlei Gefährte auf der Straße sehe.

Eheringe sind unüblich und gelten vielen als westlich. Als ein junger Bekannter, der sich in einer streng den Regeln folgenden Verlobungszeit befindet, einen Ehering zu tragen scheint, ziehe ich ihn deswegen auf. Mr. A. schaut sich den Ring genauer an. „Der ist für Odi,“ sagt er. Ich halte den Atem an, denn die Verlobte heißt ganz anders. „Wer ist Odi?“ frage ich vorsichtig. Mr. A. weist auf das kleine Zeichen auf dem Schmuckstück und malt zur Verdeutlichung vier ineinander verschlungene Kreise in die Luft: „Odi, so wie Mercedes oder BMW.“