Archive for the ‘Musik’ Category

Land und Laute

23. Juli 2011

Wir blättern in einem Stapel Bilder zur Illustration eines Handbuchs über Umwelt und  Umweltverschmutzung. Auf einem ist ein Gurkenkarren zu sehen. „Was ist mit dem Gemüse?“ frage ich. „Hier geht es um akustische Umweltverschmutzung,“ erklärt ein Kollege und zeigt auf das Megaphon, das auf dem Gurkenstapel liegt, „kennst du nicht dieses nervige Rufen, ‚fünfundzwanzig-fünfundzwanzig-fünfundzwanzig‘ …? Die Händler nehmen es auf und spielen es als Endlosband ab.“ Weitere Bilder von Eisverkäufern folgen. „Ich weiß nicht, ob es dir schon aufgefallen ist,“ versucht Tomski mich behutsam vorzubereiten, „aber die haben ihre Anlagen aufgestockt.“

In der Tat, aud dem vorher einstimmigen Für Elise oder Titanic, mit dem sie sich bemerkbar machen, ist bei manchen soetwas geworden wie Dolby Surround. Da unser Büro jetzt nicht mehr an einer Hauptstraße liegt, bekommen wir von beidem zum Glück nicht mehr viel mit. Die akustische Umweltverschmutzung sei allerdings kein neues Phänomen, meint C: „Als ich neulich in Hamburg unseren afghanischen Bekannten getroffen habe, meinte er, beim Schreiben seiner Uni-Abschlussarbeit vor einigen Jahrzehnten sei er so genervt von der Moschee in seiner Nachbarschaft gewesen, dass er mit dem Jagdgewehr die Lautsprecher heruntergeschossen habe.“ Er habe jedoch gleich eingeräumt, dass er sich das heute nicht mehr erlauben würde.

Während die Grazie noch preist, dass wir im neuen Büro entsprechenden Abstand vom Musikladen gewonnen hätten, dringen plötzlich Klänge aus dem Nachbarhaus herüber, diesmal in angenehmer Lautstärke und Welten entfernt von klapprigen Megaphonen und Lautsprechern. Ich fühle mich an meine norddeutsche Heimat erinnert, denn ganz eindeutig singt hier ein Chor „La Paloma“, allerdings auf Dari. Der auch heute noch beliebteste Sänger Afghanistans, Ahmad Zahir, hat es dereinst eingespielt. „Wisst ihr denn nicht, neben wem ihr jetzt wohnt?“ fragt ein Bekannter. „Wajiha probt dort gerade mit einer Gruppe von Leuten für ihre neue CD.“

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Das Bild zeigt keine Lärmbelästigung sondern einen beliebten Hazara-Sänger.

Vier Jahreszeiten im Winter

10. Februar 2011

Lang dauerte die Renovierung, aber vor einigen Monaten hat das französische Kulturzentrum in Kabul wiedereröffnet. Mr. E., der wenn er nicht bei uns arbeitet, an der französischen Botschaft Französischunterricht für Angehörige des afghanischen Militärs gibt, ist entzückt: „Es hat sich sogar in ‚Institut français d’Afghanistan‘ umbenannt!“ Dort treten heute Schüler und Lehrer des Afghanischen Musikinstituts auf. In der Mitte der Bühne ist ein Podest mit Teppichen aufgebaut, auf dem Musiker in traditionellen Gewänder und an afghanischen Instrumenten sitzen. Drumherum gruppiert sich ein Orchester europäischer Art.

Dr. Sarmast, Gründer des Instituts, blickt stolz auf die Musiker: „Wie Sie vielleicht wissen, bilden wir auch Waisen und Straßenkinder aus,“ sagt er. „Heute abend ist ein kleines Mädchen dabei, das bis vor kurzem noch auf der Straße Kaugummi verkauft hat, und ein Junge, der erst vor wenige Wochen zu uns gestoßen ist.“ Die Mädchen, alles Geigerinnen, sitzen rechts für sich. Die Mischung ist bunt: traditionelle paschtunische Lieder – einer davon in einer Umsetzung für die Rockband des Instituts -, und der Höhepunkt des Abends ist die Aufführung einer afghanischen Version der „Vier Jahreszeiten“. Von der Granatapfelernte bis zum hier üblichen Reiterspiel, Buzkashi, kommt darin alles vor. 

Man merkt den Beteiligten die Freude am Spiel an, besonders dem Beckenspieler, dessen Strahlen bei jedem seiner Einsätze die Bühne geradezu erhellt. Am Bühnenrand brilliert ein älterer Herr, der irritierender Weise aussieht wie Donald Rumsfeld. Gegen Ende der Aufführung schlängelt sich ein kleiner Junge mit hennagefärbten Haaren und einem glitzerden Hütchen auf die Bühne. Er ist der Solist des letzten Stücks.

Khomeinis Nachtigall

11. Dezember 2010

Ich gestehe Mr. A., dass ich in Versuchung war, beim dem benachbarten Musikladen, der uns in die Verzweiflung treibt, eine CD zu kaufen: „Aber dann dachte ich, vielleicht hat er dann den Eindruck es sei gute Werbung, wenn er immer voll aufdreht, deswegen habe ich mich zurückgehalten.“ Derzeit dürfen wir uns noch nicht einmal richtig über den Lärm beschweren: Es ist Muharram, der Monat, in dem die Schiiten ihres Märtyrers Hussain gedenken. Daher ist in diesem Stadtviertel alles voller schwarz umhüllter Tore, schwarzer Flaggen, und roter und grüner Banderolen, und statt seines üblichen Schrotts spielt der Musikladen religiöse Lieder. Wenn wir keinen konfessionellen Konflikt vom Zaun brechen wollen, müssen wir das dulden.

Mr. A. weiß genau, welches Stück es mir angetan hat und summt es. „Deng-deng-deng -deng … Das ist Ahangaran,“ erklärt er. „Er hat viele Lieder für den Iran-Irak-Krieg geschrieben und deswegen nennt man ihn auch ‚Khomeinis Nachtigall‘.“ – „Soll das heißen, dass wir hier die ganze Zeit Kriegsgesänge hören?“ Mr. A. beruhigt mich: „Nein, keine Sorge, seither hat er sich musikalisch und kulturell auch sehr weiterentwickelt. Das sind sehr poetische Lieder.“

Da wir den Ladenbesitzer nicht ermutigen wollen, schicken wir einen Mitarbeiter incognito, um die CD zu besorgen. „Hat er nicht, ist eine Kassette,“ kommt er bedauernd zurück. Im Laufe der Tage verfallen wir alle ins Bedauern. Er spielt es ungefähr sieben Mal am Tag.  Jedes Mal leiert es etwas mehr.