Archive for the ‘Politik’ Category

Ein Land, in dem

7. Juli 2011
Betreten genug
Betreten genug

Ob bei Vortragsveranstaltungen oder bei Artikeln, stets gibt es im deutschen Publikum diejenigen, die mit Argusaugen darüber wachen, dass die Vortragenden klischeekonform bleiben. Schon vor Jahren hat ein kenianischer Schriftsteller einen wunderbaren Leitfaden zur Berichterstattung über Afrika aufgestellt, und einen ähnlichen könnte man sicherlich auch für Afghanistan herausgeben. Gerade in Deutschland dient Afghanistan als Projektionsfläche allen Elends. Einheimischen wie Ausländern wird daher verübelt, wenn sie sich anderen Themen als Trauer, Tod, Taliban und Terror widmen. Schon die zurückhaltende Beschreibung positiver Entwicklungen wird oft mit einem langzahnigen „Sie stellen das viel zu rosig dar“ kommentiert.

Das ist der Moment, in dem ich leuchtende Augen bekomme, denn mit größter Wahrscheinlichkeit kann ich sogleich einen Punkt in meinem persönlichen Bullshit-Bingo verzeichnen. Nahezu unausweichlich fällt nämlich nun „in einem Land, in dem“: In einem Land, in dem 30 Jahre Krieg geherrscht haben/es so viel Leid gibt/die Taliban grausam geherrscht haben, darf man sich auch heute nur zu Angelegenheiten von Leben und Tod äußern. Den Menschen einen Alltag, ein Leben nach ihren Interessen oder Wünschen zuzugestehen, würde zu weit führen. Schließlich ist in einem Land, in dem ein Großteil der Menschen unter der Armutsgrenze lebt, alles, was über die Befriedigung von Grundbedürfnissen hinausgeht, ein misstrauisch zu beäugender Luxus.

Richtige Kleidung, unzulässig fröhlich und  ausweislich Dose schon fest in den Fängen westlichen Konsumterrors
Richtige Kleidung, unzulässig fröhlich und
ausweislich Dose schon fest in den Fängen
westlichen Konsumterrors

In einem Land, in dem die Kindersterblichkeit zu den höchsten der Welt zählt, kommt es bei einem deutschen Publikum nicht gut an, Fotos von fröhlicher Schulklassen zu zeigen, die sich nach Schulschluss um die in Kabul allgegenwärtigen Popcornstände und Eiswagen drängen. Ein aufblasbarer rosafarbener Teletubby-Sessel für den kleinen Sohn eines großen Pashtunen? „Schlimm, dieser Konsumzwang, der mit der Besetzung einhergeht.“ In einem Land, in dem man sich auf würdige Bärtige, zerfurchte Gesichter, Turbane und Frauen in Burka eingeschworen hat, sollten die Einheimischen sich nicht erdreisten, etwas anderes tragen zu wollen. Die wenigen unter den Berufs-Betroffenen, die es nach Afghanistan schaffen, lassen sich daher gerne einen Fusselbart stehen und tragen Pakhol.

Diejenigen, die es nicht hierher schaffen, finden, Ausländer in Afghanistan sollten lieber die lokale Kebab-Bude besuchen als in künstliche Ausländer-Restaurants zu gehen, und wenn doch, bitte keine Ansprüche stellen. So mault ein Leser, in einem Land, in dem täglich Menschen getötet werden, sei ein Blog über Spargelsuppe und Handtuchprobleme unangemessen. Die Fährfrau übersetzt diese Haltung brillant: “Da sterben jeden Tag Menschen, von denen mich nicht interessiert, wie sie leben, wenn sie gerade nicht sterben.“ Augenscheinlich plant der betreffende Betroffene, auch künftig in meinen Verfehlungen zu schwelgen, denn er ist sogleich unter die Abonnenten gegangen.

Mein Team gerät darüber ins Kichern, und nimmt „in einem Land, in dem“ in den allgemeinen Zitatenschatz auf. „Wartet nur, bis ihr ins Visier solcher Leute rückt,“ sage ich. „Dann dürft ihr bei eurem nächsten Berlin-Besuch auch nur noch an Currywurstbuden essen.“ Mr. E. , Freund schneller deutscher Autos, stellt sich wahrscheinlich eher vor, dass in einem Land, in dem Mercedes und BMW produziert werden, das Fahren anderer Marken tabu wäre. Allerdings ist Deutschland ja ebenfalls ein Land, in dem täglich Menschen getötet werden, gerade im Straßenverkehr etwa 5000 jährlich, so dass man eigentlich auch über Deutschland nur bedenkenschwer reden sollte.

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Soziale Hetzwerke

3. März 2011

Die Ansichten über die Umwälzungen in der arabischen Welt in Afghanistan sind geteilt. Viele freuen sich mit Ägypten, viele schauen mit Sorge auf die blutigen Auseinandersetzungen in Libyen und viele hoffen, dass sich in Afghanistan nicht ähnliches ereignen möge. „Die Ägypter haben es so gut hingekriegt,“ sagt eine Freundin, „ich fürchte, wenn sowas bei uns passierte, würde erstmal geplündert und dann würde alles im Chaos versinken.“ Es gibt jedoch auch keine Anzeichen, dass es hier ähnliche Bewegungen gibt. Rein präventiv richtet einer der alten Warlords, Burhanuddin Rabbani, einen glühenden Appell an die religiöse Elite: „Mullahs, lasst nicht zu, dass die Facebooker die Macht übernehmen!“ Auch danach ereifert er sich noch über die Taugenichtse, die nichts als Facebook und Twitter im Sinn hätten. Die Tageszeitung Hashte Sobh spottet. „Frieden mit den Taliban und Feindschaft dem Facebook“ lautet ihre Schlagzeile, denn Rabbani ist auch ein Mitglied des „Hohen Rats für Frieden“, der einen Ausgleich mit den Taliban finden soll. Rabbani sei altmodisch und wolle nicht, dass die junge Generation Anschluss an den Rest der Welt habe, ja, er missgönne ihr sogar die Bildung, die ihnen das ermögliche.

Flaschenkampf im Parlament

25. Februar 2011

Mr. A. möchte wissen, ob ich am vorigen Abend ein Cricket-Spiel im Fernsehen verfolgt habe. „Viel spannender, es gab die Übertragung einer äußerst belebten Parlamentsdebatte,“ sage ich. Ich schildere ihnen die aktuelle Stunde um Herrn zu Guttenberg. „Selbstverteidigungsminister!“ freut sich einer, „wir haben in Afghanistan soetwas wie Selbstverwaltungs- und Selbsterhaltungsminister!“ Die Grazie erkundigt sich, wie sie sich eine belebte deutsche Debatte vorstellen muss: „Schlagen sich eure Parlamentarier? Nicht? Also, unsere Abgeordneten pflegen den  „jang-e butal“, es ist ein Parlament des Flaschenkampfs.“ Alle haben Szenen vor Augen, wie sie während der weiterhin andauernden Suche nach einem Parlamentspräsidenten gelegentlich im Fernsehen laufen. Mr. M. meint, das müsse man schon als zivilisatorischen Fortschritt werten: „Sie haben Gläser und Plastikflaschen zur Auswahl. Dass sie nur die weichen Flaschen benutzen, zeigt, dass sie niemanden ernsthaft verletzen wollen.“

Das neue Gesicht des Parlaments

27. Januar 2011

Unser Freund Najeb hat sich einen besonderen Luxus gegönnt und sich im elegantesten Fitnessstudio der Stadt angemeldet. Er habe schon zwei Kilo abgenommen. Ob er denn auch schon fitter sei, fragt Mr. A. Najeb beantwortet das mit einem Gleichnis: „Versucht ein Mullah einen riesigen Felsbrocken hochzuwuchten, aber schafft es nicht. Daraufhin hebt er die Hände gen Himmel und dankt Allah. ‚Aber du hast den Felsen doch gar nicht hochgekriegt,‘ wundert sich ein anderer. ‚Ich danke Allah, dass ich noch genauso stark wie früher bin. Da konnte ich den nämlich auch schon nicht heben.'“

Das bringt ihn auf eine interessantere Begebenheit bei seinem letzten Besuch im Fitnessstudio. Im Wellnessbereich sei ihm ein Typ aufgefallen, der sich mindestens eine dreiviertel Stunde mit einer Gesichtsmaske und diversen Kosmetikprodukten hantiert habe. Als er sich dann alles abgewaschen habe, habe Najeb ihn erkannt: ein bekannter Fernsehmoderator, der zu den neuen Parlamentariern zählt, und der sich gleich darauf in einen Chopan – den traditionellen Mantel, den auch Karzai trägt, – geworfen habe. „Er hat gesagt, den trägt er jetzt, weil er als Parlamentarier ja auch ein bisschen traditioneller wirken muss,“ sagt Najeb, „dabei haben die, die für ihn gestimmt haben, das getan, weil er für die Moderne zu stehen schien.“

Hauptsache Heizen

24. Januar 2011
Kinder im Folhadi-Tal

Kinder im Folhadi-Tal

Wir hatten die Bewohner des Dorfes am äußersten Rande des Folhadi-Tals in Bamian gefragt, was für Bäume sie im Rahmen einer Aufforstungs- aktion pflanzen wollten. „Das ist uns egal,“ hatte einer der Vertreter des Dorfes gesagt, und gefröstelt, da es dort selbst im Sommer nach dem frühen Sonnenuntergang empfindlich kalt wird, „aber wir haben nichts zum Heizen.“ Durch das Fenster schauten bitterarme Kinder in zerlöcherten Wollpullovern. Selten wurde deutlicher, wie wenig unsere Zielsetzungen manchmal zu den Bedürfnissen vor Ort passen.

„Das Heizen ist überall ein Problem,“ sagt die Grazie, „riechst du die Luft in Kabul? Die Leute werfen ihre Schuhe nicht weg sondern verbrennen sie im Winter.“ Die Luft in der Hauptstadt ist dieser Tage wirklich zum Schneiden. Das liegt auch daran, dass es abgeshen von einem Schauer im Oktober und wenigen Schneeflocken zwischendrin seit Monaten keinen Niederschlag mehr gegeben hat.

Der "Silo"

Der "Silo"

Die Luft ist so dreckig, dass die Regierung das Wochenende in Kabul auf zwei Tage ausgedehnt hat, um die transport- bedingten Abgase zu vermindern.

Ob das wirksam ist, ist umstritten. „Unser Bekannter aus dem Ministerium hat sich sehr gefreut, dass er jetzt Donnerstag frei hat, dann kann er den ganzen Tag als Taxifahrer arbeiten,“ erzählt ein Kollege. „Ja, aber es kommt noch besser, weil ja im Moment durch die iranischen Blockaden auch Öl und Diesel so teuer ist,“ meint Mr. E.: „Kennst du den ‚Silo‘?“ Der Silo ist die größte Brotfabrik Kabuls, die noch aus sowjetischen Zeiten stammt, und deren Brot von vielen besonders geschätzt wird. „Die Regierung kauft jetzt überall alte Autoreifen, um die Backöfen zu heizen.“

Treffen sich zwei Welten

2. Dezember 2010

Nach langen Diskussionen über das Wochenende hat die Regierung eine Entscheidung getroffen: Statt wie bisher offiziell nur einen Tag soll das Wochenende auch in Kabul – wohlgemerkt nur in der Hauptstadt – zwei Tage dauern. Der Grund: Umweltschutz. Auch Teheran hatte diese Woche angeblich weitgehend geschlossen, weil die Luftverschmutzung so hoch war. Deswegen hat man in Afghanistan entschieden, nicht nur zwei Tage Wochenende zu machen, sondern gleichzeitig zwei privatautofreie Tage einzuführen. Darüber hinaus hat das Innenministerium angeordnet, dass Büros und Privatleuten die Generatoren weggenommen werden sollen, selbstverständlich auch alles im Sinne der Umwelt.

Madame C. berichtet von ihrer Begegnung mit einem Mitarabeiter der staatlichen Umweltbehörde in einem warmen Café: „Ich habe gefragt, wie ihr habt keinen Strom, keine Heizung … aber ihr seid doch eine so große Behörde.“ – Diese Behörde war allerdings eine der treibenden Kräfte bei den Verfügungen über Generatoren, und es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie mit gutem Beispiel vorangeht.

Ich schüttle den Kopf – gerade im Umweltbereich bekommen wir viele Projekte dieser Art angetragen, bei denen sich niemand Gedanken über die praktische Umsetzbarkeit macht. Auch hier liegt die Vermutung nahe, dass kleine, besser transportable Generatoren sicherlich eher entfernt werden, als die monströsen, vergitterten Exemplare, die wir vor manchen Palästen sehen.

Das Team zuckt die Schultern und seufzt. „Zwei Tage Wochenende, das ist gut. Aber nach all den Diskussionen: Warum müssen es ausgerechnet Donnerstag und Freitag sein? Die meisten Länder haben Samstag – Sonntag, selbst unter unseren Nachbarstaaten hat keiner Donnerstag. Jetzt sind wir vier Tage die Woche von der Welt abgeschnitten.“ Die Grazie hebt warnend die Hand und raunt in verschwörerischem Ton: „Achtung, Achtung, wenn ihr gleich diesen gewaltigen Rumms hört, dann sind wir mit der Steinzeit zusammengekracht, so schnell wie wir dahin zurückrasen!“  – „Wenn es zur Kollision kommt,“ sagt Mr. M. würdevoll, „dann wird es die Steinzeit sein, die daran zerbricht. Wir sind stärker und altbackener.“

Staatschefs ohne Freunde

15. Oktober 2010

„Wieviele Ministerien habt ihr in Deutschland?“ erkundigt sich Mr. A. „Ich bin mir nicht sicher … vielleicht 16?“ vermute ich. „Warum?“ fragt er. Zunächst verstehe ich seine Frage nicht, aber als ein feines Lächeln auf seinem Gesicht erscheint, ahne ich, dass es darum geht, dass es in Afghanistan ungefähr 10 Ministerien mehr gibt. „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung,“ sagt er in einwandfreiem Deutsch. Beeindruckt sage ich, das passiere, wenn man so wenige Ministerien habe: Die seien dann für mehrere Themen zuständig und bekämen so lange Bezeichnungen, dass man sie sich kaum merken könne.

Mr. E. ist nicht einverstanden: „Das haben wir hier auch – „Ministerium für Pilgerfahrten und religiöse Angelegenheiten, zum Beispiel; und so ein Ministerium habt ihr bestimmt nicht.“ Ich frage ihn, was dieses Ministerium macht. „Im wesentlichen braucht man es einmal im Jahr: Jedes Jahr bekommt Afghanistan von Saudi-Arabien die Genehmigung für 30 000 Pilger, die nach Mekka wollen,“ erklärt mir einer aus dem Team. „Hast du nicht neulich in der Stadt diese unglaublich lange Schlange gesehen? Alles Leute, die hoffen, dass ihr Name auf die Visaliste kommt.“ Mr. A. wirft ein, die Türkei sei das einzige Land, in dem unbeschränkt viele Visa für die Pilgerfahrt ausgestellt werden. Kurz sinnieren alle darüber, ob es daran liegt, dass man sich von türkischen Pilgern große Einnahmen erhofft, oder man annehme, Türken seien so säkular, dass man sie mit irgendetwas locken müsse.

Mr. E. kommt auf die Frage der wenigen Ministerien in Deutschland zurück: „Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Eure Kanzlerin hat nicht so viele Freunde wie unser Präsident.“

Die Wertschätzung der Wahlurne

31. Juli 2010

„Die ersten 100 Tage im Amt“ – das ist das Thema der Pressekonferenz der Unabhängigen Wahlkommission, die die für September anberaumten Parlamentswahlen ausrichtet. Gleichzeitig soll das neue Medienzentrum der Kommission eingeweiht werden. Wir weichen einer fünfköpfigen Gruppe aus, die auf den Schultern einen aufgerollten Teppich erst hinein, dann rückwärts wieder herausträgt. Madame C. blickt sich hoffnungsfroh um und konstatiert betrübt, diese Pressekonferenz sei schon so verwestlicht, dass es keinen Kaffee und Kuchen gäbe.

Dafür werden Fanta , Kekse und Bonbons auf Tischen aufgebaut. Das Kindergeburstagsgefühl verstärkt sich, als eine rosa Schleife am Eingang gespannt wird. Der Vorsitzende der Wahlkommission, Fasel Ahmad Manawi, bekommt vom Scherenträger eine Schere ausgehändigt. Eine wunderschön gekleidete Afghanin mit weißen Handschuhen überwacht das Prozedere.  Nachdem er die Schleife vor laufenden Kameras durchtrennt hat, begibt Manawi sich zum Rednerpult. Hinter ihm hängt ein Werbeplakat, eine weibliche Wählerschlange und eine männliche auf dem Weg an die Urnen. Zwischen beiden hat der Grafiker ein Rüschendekor eingefügt, damit auch in der Darstellung die Geschlechtertrennung gewahrt bleibt.

Er könne uns einen detaillierten Bericht über seine ersten 100 Tage geben, hebt Manawi an, aber das würde den zeitlichen Rahmen sprengen. Stattdessen spricht er einige Luftblasen und schaut würdig drein. Durch die Tür sieht man Tausende von Wahlurnen im Staub neben einem Hangar liegen. Sie haben sich farblich der Umgebung angepasst. Ein Helfer bringt zwei von ihnen frisch gewaschen herein. Sie kommen als Mülleimer neben das Buffet.

Das Auge wählt mit

8. Juli 2010
Gewagt

Gewagt

Man weiß nicht genau wann, aber irgendwann, vielleicht im September, soll ein neues Parlament gewählt werden. Der Wahlkampf ist in Kabul nicht mehr zu übersehen. Hier stellen sich über 600 Kandidaten zur Wahl. Da es keine Parteien gibt, ist jede(r) ein Einzelkämpfer, und für die Wähler bleibt die Kandidatenflut unüberschaubar. Man hat den Kandidaten jeweils Nummern und Symbole zugewiesen, um die Wahl auch für die große Anzahl von Analphabeten zu vereinfachen.

Bedeckt

Allerdings wird es natürlich umso schwieriger mit Symbolen, je mehr benötigt werden. Statt ein, zwei Badmintonschlägern oder Hufeisen drängen sich bei einem drei schicke, schwarzglänzende Laptops, bei einem anderen vier Radios im Symbolfeld. Nur den berühmten Fleischwolf haben wir bislang nicht wieder gesehen. Die drei Afghanen im Auto kringeln sich, als sie das Plakat von Kandidat 407 sehen: „Kaku-jan Niazi, ich glaub es nicht, wie kann er denn diesen Namen auf ein Plakat schreiben?“ – „Vielleicht hofft er, dass viele Wähler aus Kandahar in Kabul sind und für ihn stimmen.“ Sie lachen und sie winden sich, bevor sie mir erklären, dass ‚Kaku‘ eine landläufige Bezeichnung für Homosexuelle ist, mit der man automatisch Kandaharis assoziiere. „Alle kennen diesen Begriff, schon von klein auf. Bei euch ist das ja alles viel offener … aber würde man sich in Berlin auf einem Wahlplakat als  „kleiner schwuler Niazi“ anpreisen?“ fragt ein afghanischer Freund.

So unschuldig die Plakate insgesamt auch sind, man merkt den Unterschied zu Gesellschaften, die Bilder gewöhnter sind. Meine Kollegin deutet auf eines der Plakate: „Bei dieser Kandidatin war ich mir erst nicht sicher, ob sie nicht eigentlich für ‚Afghanistan sucht das Supermodel‘ antritt. So geschminkt! Es gab mal eine Kandidatin, die hatte sich für ihr Bild noch nicht mal gekämmt, das muss ja nun auch nicht sein. Wir sagen: ‚Nicht zu wenig Salz, nicht zuviel.‘  Was bei der anderen zu wenig war, das hat sie definitiv zu viel.“ Der 22jährige Computer-Experte, der gerade zu Besuch ist, wirft einen Blick auf das Wahlplakat und bekommt rote Ohren: „Also, die Jungs stimmen garantiert für die.“ Meine Mitarbeiter erinnern sich noch bestens an eine ganz junge Kandidatin bei den vorherigen Wahlen: „Bei ihr … naja, auf den Wahlplakaten sah sie auch umwerfend aus. Viele Studenten haben sich sogar welche für zu Hause geklaut. Dann hat einer von meinen Freunden sie mal getroffen, und war enttäuscht, dass sie gar nicht so schön war.“

Eine andere Kandidatin hält sich im wahrsten Sinne des Wortes bedeckt. Auf ihrem Plakat sieht man einige schemenhafte Frauen in Burkas im Hintergrund, der Vordergrund wird von ihrem Symbol, der Birne, dominiert. Ganz anders der männliche Kandidat, der den Apfel hat. Er hat gleich zwei Plakate von sich anfertigen lassen, eins als Businessman und eins als Traditionalist.

Unterwandert aus dem Nachbarland

7. Juni 2010

Auch anderthalb Wochen nach dem ein Fernsehprogramm über mutmaßliche Missionare und Konvertiten in Afghanistan ausgestrahlt wurde, hat sich die Situation noch nicht beruhigt. Fast täglich gibt es in Städten oder auf dem Lande Proteste gegen christliche Umtriebe. Obwohl sich die Verdächtigungen gegen zwei ausländische Organisationen bislang nicht untermauern ließen, hat die afghanische Regierung die Fortsetzung von deren Hilfsprojekten ausgesetzt.

Gestern meldete sich der Chef des afghanischen Geheimdienstes, Amrullah Saleh, zu Wort. Er mahnte zur Vorsicht: „Die Authentizität des Films, der gezeigt wurde, muss noch überprüft werden.“ Ohne einwandfreie Beweise für Missionstätigkeit von Organisationen oder Individuen solle man kein vorschnelles Urteil fällen, und bislang seinen solche nicht gefunden worden. Er jedenfalls glaube nicht, dass dieser Film echt sei.

Bis hierhin klang es wie die Stimme der Vernunft, die eine unselige Debatte zu beenden suchte. Dann jedoch erklärte Amrullah Saleh, worum es sich bei dem Video eigentlich handelt: eine Geheimdienstverschwörung. Iran und Pakistan wüssten nämlich ganz genau um die Empfindlichkeiten der Afghanen. Sie wüssten, auf welche Wertvorstellungen man sich konzentrieren müsse, um die Emotionen in der afghanischen Bevölkerung zu schüren. Iran sei an einem Ablenkungsmanöver interessiert, weil es in Afghanistan gerade wegen der Hinrichtung vieler afghanischer Staatsbürger in den Schlagzeilen sei. Jenseits desssen, dass mit derlei Aktionen Öl ins Feuer der normalen Bürger gegossen werde, sagte er, würden auch die Taliban ermuntert, ihren Druck auf die ausländischen Truppen zu erhöhen, an deren Rückzug der Iran mindestens ebenso interessiert sei.

Seit gestern abend ist Amrullah Saleh nicht mehr Geheimdienstchef. Unwahrscheinlich allerdings, dass das an seinen Ausführungen in dieser Angelegenheit gelegen hat.