Archive for the ‘Schöner Wohnen’ Category

Die schrägen Nummern

10. Juli 2011

Vielleicht gibt es in Afghanistan eine Art geheimes Zeitreservoir. Beim Vertagen und Verschieben tröpfelt die Zeit hinein, und wenn ein besonders komplexes Projekt ansteht, wird hier aus dem vollen geschöpft. Nur so lässt sich erklären, wie wir eine Woche nach der Kündigung in unserem alten Büro ein neues gefunden, gemietet und bezogen haben. Die meisten Räume sind schon renoviert und auch der riesige verwilderte Garten ist ansatzweise gewässert und in Form gebracht. Innerhalb eines Tages sind alle Möbel transportiert worden, und nun gräbt der Gärtner die im alten Garten gezogenen Blumen aus und transferiert sie Topf für Topf.

In weiter Ferne sehe ich ihn mit allen Wächtern und  dem Fahrer zwischen den Granatapfel- und Feigenbäumen. „Sie haben ein neues Prinzip Rasensprenger entwickelt,“ erklärt Mr. E. Ich bin gespannt, denn das letzte war schon ziemlich gut, nur bräuchte man für die jetzige Fläche wahrscheinlich deutlich mehr.

Ich frage die Köchin, wie ihr die neue Küche gefällt. „Wunderbar, sooo groß!“ sagt sie mit einer ausladenden Geste. Ich necke sie: „Du kannst ja geradezu darin tanzen,“ und deute einen kleinen Bauchtanzschwung an. „Atan,“ sagt sie trocken und imitiert, wie sie ihre Locken im traditionellen paschtunischen Männertanz herumwirbeln würde. Die Grazie deutet auf ihren Bildschirm: „Jemand fragt nach unserer neuen Adresse. Wissen wir unsere Hausnummer?“ Die anderen schauen sich an. „Wir haben vorhin gesehen, dass ein paar Häuser weiter die 236 ist und befürchten das Schlimmste.“ Das Schlimmste, so verstehe ich, wäre, wenn wir drei Häuser entfernt wohnten und damit Nummer 239 hätten, denn 39 gilt in Afghanistan als Nummer der Zuhälter. Wer ein solches Nummernschild hat, kann den Verkauf seines Autos vergessen. „Bei den Parlamentswahlen haben wir auch gleich geschaut, wer die 39 hat – das war Mullah Tarakhel,“ kichert einer der Mitarbeiter. „Und der arme Ingenieur, dem man die Kandidatennummer 420 zugeteilt hatte,“ fällt die Grazie ein. „420, das haben wir von den Indern übernommen, denn in deren Strafgesetzbuch bezieht sich Artikel 420 auf Betrug. Deshalb nennen wir einen Betrüger ‚Vierhundertzwanig‘.“  – „Wenn wir eine ungünstige Hausnummer haben,“ befindet Mr. A., „suchen wir uns einfach eine aus.“

Ende eines Prachtexemplars

19. Juni 2011

Schüttelt eine Frau einen Teppich aus. Ruft ihr orientalischer Nachbar: „Na, springt er nicht an?“ – Diesen Witz könnte ich jetzt auch über meinen Teppich erzählen, dem afghanische Handwerker sozusagen die Schwingen gestutzt haben.

Aus unerfindlichen Gründen haben in meiner Abwesenheit die Sicherheitsbeauftragten meines Mitbewohners beschlossen, dass die alte – sehr gut verklebte – Splitterschutzfolie auf unseren Scheiben ihm keine ausreichende Sicherheit gewähre. Rasch pfuschte eine afghanische Firma neue Folie auf die Fenster.

Abends erwartet mich ein zerknirschter Dr. Kolben vor einem rätselhaften Muster, das er aus Stiften auf dem Teppich in der Halle gelegt hatte. „Haben sie ihn mit Klebstoff verschmiert?“ frage ich. Betreten schüttelt Dr. Kolben den Kopf: „Schlimmer …“ In der Tat. Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass zahlreiche meterlange Schnitte die Oberfläche des Webteppichs zerschlitzt haben. Das ist besonders bedauerlich, da sie mit sicherem Griff die einzige Rarität und den mit Abstand teuersten Teppich in unserem Haushalt erwischt haben. „Ich habe sie dabei erwischt, wie sie den Teppich als Unterlage für den Folienzuschnitt benutzt haben. Was für eine Unverschämtheit,“ empört er sich, „nachdem ich sie vom Teppich vertrieben hatte, wollten sie auf der Fußmatte weitermachen!“

Wie ein pakistanischer Bus

23. Januar 2011
Unser glotzender Nachbar

Unser glotzender Nachbar

Beim Blick aus dem Fenster traue ich meinen Augen nicht: Normalerweise blickte ich auf die zwei Wachttürme unserer Büronachbarn, von denen aus wiederum uniformierte Wächter in mein Büro glotzten. Sie haben meine Aktivitäten glaube ich deutlich gründlicher bewacht als ihr eigenes GrundstückMit Sicherheit kann ich es nicht sagen, weil die schlecht verklebte Splitterschutzfolie auf den Fenstern mich sie eher erahnen als sehen ließ. Jetzt aber besteht kein Zeifel daran, dass die Wächter samt ihren Wachtürmen verschwunden sind. Schon vor einigen Wochen hat die Firma die massiven Betonbarrieren auf dem Bürgersteig entfernt. Kabul bekommt wieder ein zivileres Antlitz.

Was den privaten Bau- und Renovierungsboom betrifft, zeichnet sich leider noch kein ästhetischer Gesinnungswandel ab. Nach wie vor bauen neureiche Kabuler gerne Paläste, bei denen es an nichts fehlen darf. Säulen mit vergoldeten Kabitellen und bunte Spiegelchen sind Standard. Betonadler – wahlweise mit Schlange im Schnabel – thronen auf Dächern, Plastiktiger ducken sich ins Gras und Gipsrehe zieren künstlichen Anhöhen. Eine würdige alte Dame deutet auf einen mehrstöckigen Prunkbau, dessen grünverspiegelte Fenster hinter den Sandsackbarrieren kaum zu erkennen sind. „Mit all diesen Spiegel und was so dran hängt, weißt du, woran sie mich erinnern? An pakistanische Busse.“ Man hört förmlich das Naserümpfen.

Ein älterer Herr kichert: „Wir haben auch in Pakistan immer geschaut, bei all diesen großen Häusern, die mit Geld aus zwielichtigen Quellen gebaut werden, und dann steht oben ‚masha allah‘ dran, als wenn das noch was rausreißen und Segen über das Haus bringen könnte.“ Das Haus, in dem unser Büro ist, ist alt und eigentlich schön renoviert. „Ja,“ sagt der Fahrer, „aber mit dieser Marmorfassade sieht es außen aus wie ein Bad von innen.“

Vom Fleck weg

21. November 2010

„Ja, klar,“ sagt der Vermieter. Es geht darum, dass der Maler genug Plastikfolie mitbringen soll, um wirklich alles im Raum abzudecken. Ich bin nicht so weltfremd zu glauben, dass das die Fenster einschließt. Hier ist man der Ansicht, so lange man noch durchgucken kann, kann es gar nicht so schlimm sein – und außerdem hat man ja sowieso meist die Vorhänge zu, insofern sind Farbspritzer auf den Scheiben wirklich nichts, worüber man sich aufregen müsste.

Der Maler auf seiner Kommode

Der Maler auf seiner Kommode

Da unsere Möbel zum Teil bereits in den Räumen stehen und mich derlei Dinge auch nach zwei Jahren in Afghanistan noch stören, beharre ich auf die Folie. Als der Maler schließlich kommt, stellt er seine kleine Malerkommode auf ein Stückchen Plastik und fängt an zu pinseln. Es ist ein reizender alter Herr, aber mit den Augen nicht mehr so gut beieinander. Die Plastikfolie wandert mit ihm durch den Raum, und bei jeder Bewegung fliegen feuchte Farbbröckchen auf den Teppich, der alsbald ein neues Muster hat.

Der alte Herr zeigt mir das angeblich fertige Zimmer. Ich deute fragend auf einen großen kahlen Fleck an der Decke. „Da tat mir das Bein weh,“ erklärt er. Als ich den Vermieter erneut auf die Folie anspreche, klingt das „ja, klar schon eher wie „ja, ja“. Der Wächter sagt, er hätte keine Zeit, Folie zu besorgen. Im Büro beauftrage ich schließlich Hafizullah damit. Auf meine Nachfragen bestätigt er, sich gekümmert zu haben, aber im Haus sehe ich den Maler immer noch auf seiner Tüte herumrutschen. „Wie kann es sein, dass ich mehrfach darauf bestehe, dass hier alles abgedeckt werden soll, und nichts geschieht?“ fauche ich. Hafizullah wackelt mit dem Kopf. Der Maler habe gesagt, das sei nicht nötig. Am liebsten würde ich ihn schütteln: „Wenn ich im Haus des Malers kleckere, kann er das gerne sagen. Aber solange er in meinem Haus malt, bestimme ich, was nötig ist und was nicht.“

„Aber ich mache danach doch alles sauber!“ wehrt sich der Maler. „Bei manchen Dingen finde ich es aber einfach besser, wenn sie nicht geschrubbt werden.“ – „Ich bin jetzt müde“, sagt der Maler, „ich gehe nach Hause und komme morgen wieder.“

Geordneter Rückbau

20. November 2010

Der vorherige Vermieter steht überraschend vor unserem Tor. Der Wächter lächelt dümmlich und versteht plötzlich kein Englisch mehr. Er hatte eindeutige Anweisung, niemandem zu sagen, wohin wir gezogen sind. Dafür hat er dem Vermieter auch gleich noch erzählt, dass wir die Wasserleitung mitgenommen haben, denn darüber beginnt Oberst A. sofort zu lamentieren. Wir zucken die Schultern: „Im Vertrag ist festgelegt, dass du dich um Wasser- und Stromleitungen kümmerst, und du hast dich immer geweigert. Da wir alles neu verlegen mussten, nehmen wir das Rohr jetzt eben wieder mit.“

Das Klagelied geht weiter, als wir beim alten Haus ankommen. Wenn man unserem Vermieter glauben schenkt, sind wir vor zwei Jahren in einen Palast gezogen und haben ihn systematisch kaputt gemacht: „Diese schönen Blumen, die ich gepflanzt hatte – alle weg!“ behauptet er. Ich bin in Versuchung, ihm die Fotos von unserem Einzug zu zeigen. Manche Freunde dachten damals, wir seien an eine Schnellstraße gezogen, weil just dort, wohin er gerade gedeutet hat, eine ausgedehnte Betonfläche war. „Sowas machen Afghanen,“ zetert er weiter, „aber doch keine Europäer! Die machen die Dinge heil!“ In seiner Fantasie hat auch er das Haus gestrichen, während wir nichts besseres zu tun hatten, als das Ofenrohr kaputt zu machen und den Putz vom Balkon zu treten. Aufgeregt telefoniert er. Der Makler soll kommen und am besten auch gleich die Polizei.

 

Oberst A. im Kreise seiner Lieben

Die drei von der Zankstelle: Oberst A. im Kreise seiner Lieben

 

Wenig später steckt der Makler seinen ungewaschenen Schopf durch die Tür. Sie schaukeln sich gegenseitig darin hoch zu betonen, wie gut das Haus vorher gewesen sei. Kurz bevor imaginäre goldene Wasserhähne zur Sprache kommen, wirft C. ein, es gäbe zwei Möglichkeiten: „Entweder geben wir jetzt den Schlüssel zurück. Die Stromrechnung begleichen wir noch, und das ist es. Oder wir nehmen auch noch unsere Stromkabel mit, reißen den Kamin raus und mauern den Zugang von der Küche zum Haus wieder zu.“

Nicht ohne weiteres Zanken unterschreibt Oberst A. für den Schlüssel und ordnet an, der Makler solle sich am nächsten Tag noch einmal mit uns treffen, um die restlichen Schlüssel in Empfang zu nehmen, während wir die Metallblenden auf der Mauer entfernen. Vorsorglich kommen wir ein paar Stunden früher. Die Arbeiter stehen bereits in der Tür des Grundstücks. „Wie seid ihr denn hier reingekommen?“ – „Aaach, wir sind einfach über die Mauer geklettert,“ feixen sie. Soviel zu unseren vorzüglichen Sicherheitsmaßnahmen.

 

Granatapfel

Granatapfel

 

Der einzige, der nicht kommt, ist der Makler. Das ist schade, denn wir haben eigens einen Freund gedungen, mit Sonnenbrille zu kommen und grimmig zu schauen. Der Makler geht nicht ans Telefon. Sein Bruder erklärt uns, er hätte sich mit dem Vermieter zerstritten. Kurzerhand fahren wir ins Büro des Maklers und nötigen ihm die Schlüssel auf. „Unterschreib, dass du sie bekommen hast und stempel das am besten auch.“ Er bleckt die Zähne: „Äh, ich hab keinen Stempel da. Der is zu Hause,“ nuschelt er. Das Büro erzittert, von unserem schallenden Gelächter. Mit einer Kugelschreibermine macht er sich eilig an seinem Daumen zu schaffen und drückt einen halbherzigen Abdruck auf das Dokument.

Gib dir Mühe, die Ausländer kommen

16. November 2010

Eigentlich war schon alles klar. Vom optimalen Haus sollte uns nur noch ein Treffen mit dem Besitzer trennen, zu dem mich der Makler jetzt angeblich bringt. „Langsam, langsam, wir müssen auf dem Weg noch in Straße 5 eine Freundin einsammeln,“ sage ich. Er erwidert unbekümmert, das könnten wir tun, aber „auf dem Weg“ – nun ja, das Haus sei jetzt doch nur für sechs Monate zu haben. Er wolle uns ersparen, ihn ein zweites Mal zu bezahlen, wenn wir wieder auf der Suche seien. Soviel Altruismus stimmt Madame C. und mich misstrauisch. „Es könnte sein, dass der Besitzer ihm nicht genug Provision zahlen will und er sich deswegen so sträubt,“ meint Madame C. Wir unternehmen noch ein paar Vorstöße. Ob man nicht doch noch mal mit ihm reden könne? Oder ob wir mit ihm reden könnten? Der Makler schüttelt den Kopf und behauptet, das Haus wäre sowieso nichts für mich gewesen.

Stattdessen zeigt er mir ein anderes, viel kleiner aber fast zum gleichen Preis. Madame C. guckt ihn schräg an: „Wir haben viele Freunde hier in der Gegend, die in besseren Häusern billiger wohnen, in richtig schönen alten …“ – „Siehst du,“ fällt ihr der Makler ins Wort: „Alt! Dieses Haus ist neu!“ Sie versichert ihm, dass für Ausländer die alte Kabuler Lehmarchitektur viel attraktiver ist. Im Winter bleibt es wärmer, im Sommer kühler, die Häuser haben mehr Charme … Der Makler macht große Augen.

Als wir auf dem Weg zum nächsten Mietobjekt sind, telefoniert er mit dem Eigentümer: „Nun gib dir mal ’n bißchen Mühe, die Ausländer kommen,“ trompetet der Makler ins Telefon und kichert verlegen, als er merkt, dass wir ihn verstanden haben. Mühe geben, das heißt, dem Kunden einreden, dass er mit seinen Wünschen falsch liegt und Makler und Vermieter besser wissen, was gut für ihn ist. Das Haus zu dem wir fahren, ist ein Traum. Allerdings bereitet mir die Gegend Sorgen, denn es liegt genau auf der Rückseite der Staatsanwaltschaft. Die Straße ist mit riesigen Betonbarrieren und zahlreichen afghanischen Sicherheitskräften abgeriegelt. „Das ist super, hier brauchst du keine eigenen Wächter,“ wirbt der Makler. Madame C. erklärt ihm, dass es gerade diese Maßnahmen sind, die uns Unbehagen verursachen. „Aaaach, dann – also, der Staatsanwalt zieht jetzt sowieso weg, in zwei Monaten seid ihr die alle los,“ schwenkt er um.

Mit dem Strom fallen

1. Oktober 2010

Neulich wäre ich vor unserem Haus fast in den Graben gefallen. Im letzten Moment sah ich die Köpfe einiger afghanischer Bauarbeiter daraus hervorlugen und sprang darüber. „Was macht ihr hier eigentlich?“ fragte ich sie auf der Torschwelle balancierend. „Strom. Wird heut fertig. Kein Problem.“ Sie wurden fertig, die Baugrube verschwand – leider, bevor das Kabel darin war, dass kurzerhand oberirdisch verlegt wurde. Das fiel uns jedoch erst auf, als wir versuchten, unser großes Tor zu öffnen, was jetzt aber nicht mehr geht, weil das Kabel im Weg ist.

Ich rufe C an, der eine Straße weiter bei einem Termin ist. „Wir können sofort los, aber ich müsste mich noch umziehen,“ sagt er. Dafür ist keine Zeit, die Veranstaltung zu der wir wollen, läuft bereits seit anderthalb Stunden. „Ach was, das ist in einem dunklen Garten, da fällt es niemandem auf, was du an hast.“ Weit gefehlt: Die Veranstaltung hat gerade begonnen und findet in Babur’s Garden statt, einem der spektakulärsten Orte Kabuls, der heute abend hervorragend ausgeleuchtet ist. C schleicht sich hinter mir rein. Erst im Licht erkenne ich das volle Ausmaß der Verwüstung. Er ist über und über mit Staub bedeckt und an den Ellbogen zerschrammt. „Was ist passiert?“ flüstere ich. „Naja, auf dem Hinweg habe ich es noch gesehen – sie verlegen wieder Stromkabel und graben erratische tiefe Löcher mitten in den Weg. Auf dem Rückweg war ich mit einer SMS beschäftigt und bin irgendwie da reingefallen. Ich habe noch versucht, mich am Rand festzuhalten, aber vergebens. Zum Glück kamen gleich die nette Nachbarin und ein Wächter, die haben beide den Kopf geschüttelt und mir rausgeholfen.“ Anderthalb Meter war das Loch tief, von mir hätte man da nichts mehr gesehen.

Die geschnitzte Ausnahme

29. Juni 2010

Ein Jahr lang hat es gedauert zwischen unserer Bestellung eines Bettes und der Nachricht, es sei fertig. Dafür wird es aber auch ein ganz besonderes Möbelstück. Auf seinen Touren durch die Berge im Osten des Landes hat C ein altes Schnitzerkollektiv aufgetan. Sie haben schon lange nicht mehr geschnitzt, sagen sie – erst kam der Krieg, dann der nächste – und darüber seien sie einfach nicht dazu gekommen. Aber eigentlich hätten sie Lust, das wieder aufzunehmen. Nuristan ist berühmt für seine Schnitzkunst. Die Bar im Intercontinental ist ganz in diesem Stile ausgekleidet. Bis vor hundert Jahren hieß die Gegend „Kafiristan“, die „Gegend der Ungläubigen“. Als die Bevölkerung auch dort schließlich zum Islam bekehrt wurde, wurde daraus die „Gegend der Erleuchteten“, Nuristan.

Statt der auf Kabuls Basaren üblicherweise angebotenen Truhen und Schränkchen wollten wir lieber einen nützlichen Gegenstand haben und orderten ein Bett. Beim Design ließen wir uns von den Beispielen nuristanischer Schnitzkunst im Nationalmuseum in Kabul inspirieren. Als die Taliban kamen, haben sie die Ausstellungsstücke zerhacken aber zum Glück nicht verbrennen lassen. So wurden sie gerettet und in den letzten Jahren wieder zusammengesetzt. Leider werden sie meist nur auf Nachfragen gezeigt, sei es aus Unwillen, einen weiteren Raum zu bewachen oder aus Abneigung gegen die dargestellte Freizügigkeit. Unter den Statuen befinden sich Frauen, die auf Ziegen reiten, Paare, die sich umschlingen. Ein eben solches wollten wir als einen der Bettpfosten haben, was zunächst kein Problem zu sein schien. Als C wenig später noch einmal in das Tal kam, hatten die Schnitzer jedoch Einwände: „Das Paar … das ist zu unmoralisch, das können wir nicht schnitzen,“ beharrten sie. Der Übersetzer warf ein, es handele sich aber um ein verheiratetes Paar. „Ach so. Na gut. Aber das machen wir nur dieses eine Mal.“

Rendezvous mit dem Baumwollplusterer

13. April 2010

Die Matratze hat über die Zeit eine dem Hindukusch nicht unähnliche Struktur mit ausgeprägten Bergen und Tälern angenommen. Es handelt sich um eine typisch afghanische mit Baumwolle gestopfte Matratze. „Nimm bloß keine andere,“ sagt die Grazie. „Ich wollte unbedingt eine moderne haben, und gegen den Rat meiner Familie bin ich losgegangen und habe mir eine gekauft. Dann kamen meine Neffen und sind darauf rumgesprungen, und schon hat sich eine Feder durchgebohrt! Zwei Wochen, und ich hatte wieder eine afghanische Matratze.“ Ich überlege, ob wir uns eine neue machen lassen sollten. „Aber nein! Wir machen die alte wieder schön! Morgen bringst du sie mit, wir holen einen Nadaf und nach einer Stunde ist sie besser als neu!“ Schon oft habe ich die Rufe der auf den Straßen umherziehenden Männer gehört: „Nadaf, Nadaf – habt ihr was zu tun für mich?“ Sie tragen einen mannshohen Bogen über der Schulter, und wie ich jetzt lerne, sind sie eine Art Baumwollplusterer.

Also quetschen wir die Matratze in den Corolla. Der Nadaf hat schon die hintere Terrasse als idealen Arbeitsort ausfindig gemacht. Rasch öffnet er den Bezug, holt die Baumwolle heraus und bearbeitet sie mit einem Knüppel. Dann hängt er den Bogen auf die Mauer, türmt ein paar Hände voller Baumwolle an der Sehne auf und beginnt, letztere mit einem Klöppel zu bearbeiten, dass die Flocken nur so fliegen.

„Was kostet es eigentlich?“ erkundige ich mich. „Ein Ser zweihundert Afghani,“ keucht er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das sind sieben Kilo für etwa drei Euro. „Der Preis ist OK. Und in eurer Matratze sind zwei Ser,“ ruft die Köchin aus der Küche. Dem Nadaf, Muhammad, ist es unheimlich, dass ich filme und Fotos mache. Es ist keine sehr angesehene Profession in Afghanistan, erklärt mir mein Kollege, wenn man jemanden beleidigen wolle, „also nur so ein bisschen, nicht richtig,“ dann nenne man ihn „Sohn eines Nadaf“. Er übersetzt, dass Muhammad das Gewerbe nicht von seinem Vater gelernt hat, sondern von einem Freund. Nun hat er Angst, dass seine Familie ihn in irgendeinem Magazin erblickt. Außerhalb Afghanistans, das sei kein Problem … aber seine Neffen, die seien so modern, die könnten ihn auch im Internet erspähen. Fotos von hinten, das sei jedoch in Ordnung.

„Warum wird man Nadaf, wenn es doch nicht so angesehen ist?“ erkundige ich mich. Die Arbeit sei eigentlich nicht so schwer, meint mein Kollege. Man bräuchte nur so ein Gerät, das koste ungefähr 80 Euro. Damit könne man dann rumziehen. „Saisonabhängig, wie viel man verdient. Frühjahr ist für uns am besten, da plustert man schon mal 10, 15 Ser am Tag,“ sagt Muhammad. Im Winter sei es dagegen überall zu nass, da ließe keiner seine Kissen und Betten überholen.

Eine Stunde, dann ist er fertig. Die Köchin bringt ihm ein Stück Hähnchen. „Vielleicht hat er gerochen, dass gekocht wurde,“ meint Mr. E. leise, „dann wäre es nicht höflich, ihm nichts abzugeben.“ Die frisch aufbereitete Matratze passt beim besten Willen nicht ins Auto. Der Fahrer wirft sie aufs Dach. Er dreht das Laken, dass ich mitgebracht habe, zusammen, wirft es einmal darüber und klemmt es in die hinteren Autotüren. Dieser provisorische Dachtransport verursacht größte Erheiterung bei dem kleinen stummen Nachbarsjungen. Als ich aussteige, strahlt er und reckt die Daumen nach oben.

Ikea auf afghanisch

12. April 2010

„In Kabul gibt es sowas jetzt auch in einem Einkaufszentrum,“ erzählte eine Grazie meinem Kollegen in Deutschland und stellte sich noch ein bisschen stolzer und aufrechter auf der Rolltreppe hin. Durch ihre Berlin-Aufenthalte sei sie ja schon vertraut damit gewesen. Aber in Kabul, als man da die ersten Rolltreppen installierte, hätten sich an deren Ende stets Menschentrauben versammelt, um sich das Schauspiel anzugucken, denn nicht jeder hätte gleich verstanden, wie man sie benutzt.

Die Zahl der Einkaufszentren in der afghanischen Hauptstadt ist seither gewachsen, und wochenends drängen sich wahre Menschenmassen auf den Rolltreppen. Für viele Gebrauchgegenstände wird man nach wie vor aber eher auf den Markt, oder korrekter: den Märkten fündig. Jede Warenkategorie hat eigene Straßen oder Viertel, die zum Teil weit auseinanderliegen. Vom Stadtzentrum aus braucht man eine knappe Stunde ins Autohändlerviertel Kassab. Für Computerzubehör geht man nach Charaie Ansari in die „Computer Zone“-Passage und als ich neulich einen Mitarbeiter bat, uns zwei große Mülltonnen zu besorgen, verabschiedete er sich „zum Plastikmarkt“.

Legendär ist ums Flussbett herum der „Bush Basar“, auf dem es alles gibt, was legal oder illegal die amerikanischen Camps verlässt.

Das Wächterhaus ersetzt das Schaufenster

Zum Beispiel unsere unverwüstlichen amerikanischen Feldbetten. Mein Mitbewohner bekommt allerdings einen bitteren Zug um den Mund, wenn man diesen Basar erwähnt: „Eine Minute lag meine schusssichere Weste mit dem Helm vor dem Pressebüro im Camp, da waren sie auch schon weg! Die kann ich mir bestimmt dort zurückkaufen.“ Kein Spaß, bei Sachen im Wert von knapp 2000 Euro.

Auch jenseits der ausgetretenen Marktpfade entstehen immer mehr spontane kleine Unternehmen. Dem Obst-Drive-In an unserer Straßenecke hat sich ein Vorhangladen hinzugesellt. An einem Karren, den umstehenden Bäumen und dem neuen Wächterhäuschen unserer Nachbarn hängt ein Händler Tag für Tag morgens seine Ware auf und wickelt sie abends getreulich wieder in Plastikplanen. Zwischendrin kommen Männer, Frauen, Kinder und befühlen die leichten Stoffe, die sich im staubigen Wind bauschen.