Archive for the ‘Sicherheit’ Category

Bewaffnete Unbekannte

26. Juli 2011

Während man sich – insbesondere als afghanische Frau – bei der Arbeit , am Telefon und auf der Straße allerhand anhören muss, kann der Umgang auch von ausgemachter Höflichkeit sein. Wenn man zum Beispiel nach Wünschen oder Präferenzen fragt, versucht das Gegenüber oft zu erraten, was man gerne hören möchte. „As you wish,“ ist die Antwort, die ich am häufigsten in meinem Büro zu hören bekomme, und bei der Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten bemühen sich die Kollegen stets um eine ausgewogene Darstellung von Vor- und Nachteilen. Das ist galant, doch oft bin ich hinterher so schlau wie zuvor.

Ein ausgeprägtes Problem ist das bei Umfragen. Es ist unüblich, viele Fragen zu stellen, und lange, detaillierte Fragebögen, sorgen schnell für Verwirrung. Mein Lieblingsbeispiel stammt aus einer Umfrage zur Sicherheitslage. Hier sollten die Teilnehmer einstufen, ob bestimmte Gegebenheiten auf der Straße a) ihnen Unbehagen bereiten, sie b) kalt lassen oder  c) ihnen Vertrauen einflößen. Es folgte eine lange Liste, bei der überwiegend Dinge zum Fürchten angegeben waren, mit dem Erfolg, dass in einer der letzten Zeilen erstaunliche 7% angaben, dass es ihnen ein Gefühl der Sicherheit verschaffe, wenn ihnen auf der Straße „unbekannte Bewaffnete“ entgegenkommen.

Dennoch wollen diejenigen, die derlei Fragebögen entwerfen, sich normalerweise nicht reinreden lassen. Als ich ausgerechnet diese Frage in einem Fragebogen unserer Partnerorganisation wieder auftauchen sehe, frage ich mein Team, wie man Überzeugungsarbeit leisten kann. Sie schauen resigniert. Gegen solchen Starrsinn komme man nicht an. Unvermittelt brechen alle in Gelächter aus. „Auf Dari sagen wir in einem solchen Fall ’sein Huhn hat nur ein Bein‘. Weil Hühner oft nur auf einem Bein stehen, spotten wir über Rechthaber, dass sie behaupten, bei ihnen sähe es nicht nur so aus, sondern ihr Huhn habe tatsächlich nur eins.“

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Die tödliche Aura der Deadline

27. Juni 2011

Das Gesundheitssystem Afghanistans ist weiterhin in einem beklagenswerten Zustand. Illegal importierte Medikamente aus den Nachbarländern sind im besten Fall wirkungslos und im schlimmsten gesundheitsschädigend. Auch ist nicht jeder Arzt so professionell, wie er vorgibt. Eine befreundete Ärztin zögert, als ich sie frage, wohin ich einen Freund mit einer Augenverletzung bringen sollte. „Ich traue hier keinem. Viele wollen einfach nur gut verdienen, aber die Patienten sind ihnen egal. So einen will ich nicht empfehlen.“

Der unsichtbare Patient

Ein anderer Arzt begann sich nach einer Weile zu wundern, als aus einer Klinik andere Patienten zu ihm kamen, um eine zweite Meinung einzuholen. Auf den Ultraschallbildern,
die sie dabei hatten, war immer der gleiche Gallenstein an immer der gleichen Stelle zu sehen, für den die Ärzte jeweils eine kostspielige Behandlung empfohlen hatten.

„Das beste aber war, als es hieß, Pakistan habe einen Handy-Virus nach Afghanistan geschickt!“ trumpft eine Freundin auf. „Wenn das Telefon klingelte und man abnahm, wurden
automatisch einige Nummern angesagt, und damit war man mit einem schlimmen Virus infiziert. Den Betroffenen soll sofort Blut aus den Ohren gelaufen sein.“ Ich kann mir gut vorstellen, dass das in diesem verschwörungsfreudigen Umfeld geglaubt wurde, und versuche, die Leute in Schutz zu nehmen. Meine Freundin schüttelt den Kopf: „Die Leute, das ist ja das eine, aber es kommt viel besser: Damals hat uns das afghanische Gesundheitsministerium angerufen und aufgeregt gefragt: ‚Habt ihr schon eine Heilmöglichkeit gefunden?‘“

Angesichts dieser Verhältnisse sterben in Afghanistan viele Menschen an heilbaren
Krankheiten. Auch aufgrund anderer Gefahren sollte man in diesem Land eigentlich nicht über den Tod spotten. In unserem Büro habe ich aber manchmal den Eindruck, dass die Endphase von Projekten einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Verwandschaft unserer Partner ausübt. Während wir die berühmte „Deadline“ eher im übertragenen Sinne sehen, nimmt sie hier konkrete Formen an. Wenn der Zeitrahmen ohnehin schon überzogen ist, steigt die Todesrate unter weitläufigeren Familienangehörigen exponentiell. So ist Projektpartner Zia in den vergangenen Monaten kaum erreichbar gewesen, weil er unter den vorher quietschfidelen Verwandte im Süden des Landes einen nach dem anderen zu Grabe getragen hat. Auch einen weiteren Partner hat die Projektverlängerung schon fünf Onkel gekostet.

Auf dem Pulverfass

23. Juni 2011

„Wie lief das Interview?“ frage ich meinen Mitarbeiter Tomski. Ausgerechnet an dem Tag, an dem er mit dem Militär sprechen wollte, hat ein Selbstmordanschlag stattgefunden. Gerade Institutionen, die sich stark um ihre eigene Sicherheit sorgen, sehen an solchen Tagen Besucher eher als Risiko denn als ebenfalls schützenswert, was Termine erschwert. Tomski grinst: „Als ich ankam, saßen die drei Generäle am Tisch, spielten Schach und hatten noch gar nichts davon gehört, die haben dann erstmal ihre Assistenten losgescheucht.“

Wegen der andauernden Feuergefechte in Folge des Anschlags forderten zivile Organisationen ihre Mitarbeiter auf, sich nicht auf die Straße zu begeben sondern an einem sicheren Ort auszuharren. „Ich wollte in der abgesperrten Straße vor der Botschaft warten, bei deren Eingang, aber das durfte ich nicht,“ erzählt Tomski. Der Bundespolizist schickte ihn zur Hauptstraßen, und so wartete er eine halbe Stunde an einem der exponiertesten Orte Kabuls. Selbst den afghanischen Sicherheitskräfte wurde dabei mulmig, und sie widerum versuchten, ihn zurück zur Botschaft zu lotsen.

Mir erwies an jenem Tag eine befreundete Organisation den Bärendienst mich mizunehmen. Leider hatte der Zuständige Auftrag gegeben, statt direkt nach Hause zu fahren, noch jemand anderen aufzulesen „zwecks optimaler Auslastung des Fuhrparks“. So verbrachten Dr. Kolben und ich eine Viertelstunde Meter vom Ort des Anschlags entfernt mit Warten, während um uns herum eine vor Nervosität aggressive Polizei mit ihren Kalashnikovs auf vorüberfahrende Autos eindrosch.

Für Tomski war das noch nicht der Höhepunkt des Tages: „Abends waren mein Studienkollege und ich mit anderen deutschen Freunden in einer Bar. Als wir aufbrachen, hieß es, ich dürfe mit, weil ich zur ‚richtigen‘ Organisation gehörte, aber er müsse sehen, wo er bleibt – dabei mussten wir alle in die gleiche Richtung!“ Es ist mir schleierhaft, wieso man irgendjemanden alleine in die Kabuler Nacht schickt, und ich bin entsetzt über den Mangel an Souveränität der Betreffenden. „Wo und wie wohnst du eigentlich?“ frage ich eine Bekannte in diesem Zusammenhang. „Ach, ich muss noch Auflagen von unseren Sicherheitsleuten erfüllen, damit ich offiziell einziehen darf, 100 Liter Treibstoff im Keller einlagern und so.“

Auf der Lauer

16. Oktober 2010

Sicherheitskonzepte sind eine Sache für sich. Früher einmal, in einem anderen Land, war die Gefährdung der Landesinteressen durch Spionage ein großes Thema. Der dortige Sicherheitsbeauftragte nahm die jungen, ledigen Mitarbeiterinnen zur Seite. „Wenn sich Ihnen ein junger Mann aus einem Nicht-NATO-Staat … nähert“, so sagte er, dann müsse man ihn informieren. So unbehaglich wie er bei dieser Ankündigung auf dem Stuhl hin- und herrutschte, war die Verlockung groß, nachzufragen, an genau welchem Punkt der Annäherung man ihm bescheid sagen solle.

Während in seiner Vorstellung nur diese so genannten „Romeo-Spione“  auftauchten, fanden wir, dass eine mindestens ebenso große Gefahr von „Lolita-Spioninnen“ ausging, die sich an verheiratete – und damit erpressbarere – Männer heranmachen könnten. Dieser Fall war jedoch im Sicherheitsplan nicht vorgesehen, deswegen blieben die männlichen Mitarbeiter von derlei Belehrungen verschont.

In Kabul geht es eher um physische Gefahren. Hier hat man es nicht nur mit einem Sicherheitsbeauftragten zu tun. Nur manche Freunde und Bekannte dürfen wir in unserem Auto mitnehmen, und auch das nur, wenn wir im Jeep unterwegs sind, denn die meisten haben ein Corolla-Verbot. Mich wiederum in ihrem Auto mitzunehmen ist ebenfalls kritisch – bei einigen aus Versicherungsgründen, bei anderen, weil sie mich an sich für ein Sicherheitsrisiko halten.

Vor einem Dinner sollte man klären, ob das erwählte Restaurant für alle Geladenen freigegeben ist, denn die unterschiedlichen Nationalitäten und Institutionen sind sich nicht einig, was ihre Einschätzung der Gefährdungslage betrifft. Selbst wenn der Ort theoretisch allen offen steht, machen dann manchmal verschiedene Stufen von Ausgangssperre der Zusammenkunft einen Strich durch die Rechnung.

Einige Freunde dürfen nur in Begleitung eines Bewaffneten ausgehen, der dann immer etwas verloren in einer Ecke sitzt. Manche Organisationen fühlen sich unverwundbar, sobald sie ein gepanzertes Auto zur Verfügung haben. Eine halbe Stunde an einem belebten Platz herumstehen und warten? Kein Problem. Freunde, die andernorts erlebt haben, wie schnell man aus einem gepanzerten Fahrzeug aussteigt, wenn Leute ein Feuer darunter entzünden, graust es dabei. „Fahrrad fahren“ oder „laufen“ wiederum sind Begriffe, die Sicherheitsbeauftragen die Haare zu Berge stehen und alle anderen sehnsüchtig dreinblicken lassen.

Manch ominöse Regel lässt die Betreffenden daher auch mehr Angst vor den eigenen Sicherheitsleuten als vor Übeltätern haben. Neulich habe ich dem Drängen eines Freundes nachgegeben: „Wir müssen mit dem Auto fahren, auch bei kurzen Strecken. Wenn die mich hier lang laufen sähen, gäbe das ganz schön Ärger. Komm, ich setz dich ab,“ hatte er insistiert. Statt unscheinbaren fünf Minuten zu Fuß haben wir eine dreiviertel Stunde höchst exponiert im Verkehr festgesteckt. Manch gut gemeinte Vorgabe bewirkt also genau das Gegenteil von dem, wozu sie eigentlich gedacht ist. Eine Freundin erzählt von Algerien: „Da hatten wir die ‚7-Sekunden-Regel‘: Weil Heckenschützen angeblich durchschnittlich acht Sekunden brauchen, durften wir immer genau sieben Sekunden unter freiem Himmel sein, egal, ob wir jetzt auf dem abgeschirmten Botschaftsgelände oder wo anders waren.“ Wir können uns lebhaft vorstellen wie einige Übereifrige auf der Lauer lagen, um penibel die Einhaltung dieser Regel zu überwachen.

„Tja, manchmal könnte man schon paranoid werden, wenn man sich vorstellt, wo die überall ihre Augen haben,“ wirft ein Freund ein. Humboldt lacht verwegen und deutet augenzwinkernd in den Nachthimmel: „Dachtet ihr etwa, das sei der Mond?“ – „Nein,“ sagt C, „das ist der Sicherheitsbeauftragte mit seinem Campingklo.“

Der unglückliche Dieb

7. Oktober 2010

Im Rahmen eines Projektes befassen wir uns mit der Warhnehmung der Polizei in der Öffentlichkeit. In Umfragen schneidet sie gar nicht so schlecht ab, aber nahezu jeder weiß von seltsamen oder unangenehmen Begebenheiten zu berichten. Vieles kann man den Polizisten nicht übel nehmen, denn sie sind schlecht bezahlt und leben gefährlich. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres sind in Afghanistan angeblich über 600 Polizisten im Dienst umgekommen. „Aber habt ihr nicht auch was Positives zu berichten?“ frage ich. Langsam nickt mein Kollege.

„Neulich ist doch unser Fahrer Shah M. überfallen worden, als er gerade aus der Bank kam,“ sagt er. Ganz dem momentan üblichen Schema entsprechend habe sich jemand am Reifen seines Autos zu schaffen gemacht, damit er abgelenkt ist und ihm ein anderer derweil das Geld entreißen kann. Allerdings hätten die Diebe nicht gemerkt, dass der Fahrer nicht alleine war, was den Diebstahl vereitelt habe. Shah M. sei sofort hinter dem Übeltäter hergerannt und habe ihn erwischt, dann sei er aber entkommen.

Wenige Straßen weiter hätten sie ihn dann noch mal gesehen: „Shah M. war ihm sofort wieder auf den Fersen. Der Typ hat sich ihm wieder entwunden, und ist in die nächste Straße gelaufen. Die führte aber leider direkt zu einem Polizeicheckpoint.“ – „Und dann?“ frage ich gespannt. „Wir dachten ja, die lassen ihn gleich durch die Hintertür wieder laufen,“ meint Mr. A. „Aber gerade eben ruft die Polizei an und fragt: ‚Sagen Sie, wir haben hier noch diesen Dieb. Wollen Sie eigentlich Anzeige erstatten?'“ – „Aber wie lange ist denn das her?“ frage ich. Sie grübeln.  „Es war im Ramadan, also einige Wochen schmort er schon da …“

Bist du ein Talib?

2. Oktober 2010

„Ring of Steel“ nennt die Polizei martialisch den Kreis von Checkpoints, den sie in Kabul etabliert hat, um das Stadtzentrum vor Anschlägen zu schützen. Bislang erscheint mir dieses System nicht wirklich effektiv. Wenn jemand aus unserem Auto kontrolliert wird, dann bin ich es, und stets gibt es Verstimmungen darüber, dass ich meinen Pass nur zeigen, nicht aber aus der Hand geben möchte. Jenseits der Angst, er könnte einbehalten werden, graut mir auch vor dem Durchblättern mit Fingern, die die Spuren des letzten Kebabs oder etwas Schlimmeren tragen.

Die Aufständischen möchten der Polizei in nichts nachstehen. Nicht in Kabul, wohl aber auf dem Lande errichten sie immer mehr eigene, illegale Checkpoints. Ein Bekannter aus Ghazni erzählt, dass gerade in dieser Provinz die Straßen zwischen der Provinzhauptstadt und dem Lande damit übersät seien. „Dort haben sie sogar Listen mit Namen, wen sie gerne herausgreifen würden.“ Ich mache ein besorgtes Gesicht. „Nicht viel Gutes, was man dieser Tage hört.“ Er pflichtet mir bei. Aber zwei Lichtblicke immerhin habe er zu berichten.

Am Wahltag habe man einen Herrn auf dem Weg aus der Hauptsatdt angehalten und seine Wählerkarte bei ihm gefunden. „Warst du gerade wählen?“ habe ihn der Talib am Checkpoint gefragt. Er habe seinen tintenblauen Finger erhoben und bejaht. Auch als sie gefragt hätten, wen er gewählt habe, habe er bereitwillig Auskunft gegeben. „Aber du weißt schon, dass wir allen Leuten die Hand abschneiden, die gewählt haben?“ hätte man ihn gefragt. „Ja.“ „Und überhaupt werden wir dich töten.“ – „Ja.“ Verwirrt über soviel Mut haben man ihn weiterfahren lassen: „Also, …  wir töten dich nicht jetzt, sondern wenn du zurückkommst.“

In einem anderen angehaltenen Auto habe ein kleines Mädchen den Mann am Checkpoint eingehend gemustert und ihn gefragt: „Bist du ein Talib?“ Der Talib, pikiert: „Ja.“ Sie habe ihn weiterhin interessiert angeschaut. „Bringst du Menschen um?“ Nach einem kurzen Moment des Zögerns habe er geknurrt: „Fahrt weiter,“ und das Auto durchgewinkt.

Witzloses Essen in der Geisterstadt

19. Juli 2010

Wenn es  langweilig in Kabul wird, lesen wir uns im Internet durch, was hier passiert, besonders vor Großereignissen. Heute zum Beispiel behauptet ein führendes Online-Medium, Kabul gleiche einer „Geisterstadt“ und „Zehntausende Polizisten und Geheimdienstagenten in Zivil“ säumten die „ansonsten leeren Straßen.“

Misstrauisch blicke ich aus der Tür. Alles sieht aus wie immer –  vor der Teeküche an der Straßenecke fläzen sich ältere Herren auf Kissen und lassen es sich wohlsein, Kinder spielen Fußball und Eisverkäufer tyrannisieren die Nachbarschaft mit „Für Elise“. Als was sich Sicherheitskräfte nicht alles tarnen.

Ein Restaurant jedenfalls ist auf alles eingestellt. In der Sicherheitsschleuse verkündet ein Schild: „No weapons. No jokes.“

Haarfarbe: Grün

7. Juli 2010

Etwas kommt mit in dem Gespräch komisch vor, aber erst beim Auflegen begreife ich, was: Mein Gegenüber von der Bundeswehr, der mich vor der deutschen Botschaft  auflesen will, hat sich nach meiner Haarfarbe erkundigt. Automatisch habe ich gesagt, meine Größe sei ein besseres Erkennungsmerkmal. Erst jetzt realisiere ich, dass sich die Haarfarbe nicht eignet, weil ich gerade im Diplomatenviertel nie ohne Kopftuch auf offener Straße herumstehen würde.

Auch mit erkennt man mich Meilen gegen den Wind als Ausländerin , aber alleine schon, um die gelangweilten Sicherheitskräfte, die das Viertel bevölkern und einen dort mit Anfragen und Anzüglichkeiten nur so überhäufen, auf Abstand zu halten, sind Tuch und Sonnenbrille der beste Schutz.

Ich erzähle Madame M. von der Frage meines Gesprächspartners. Sie zuckt die Schultern: „Klar, die Militärs sind halt so selten draußen und mit Zivilisten unterwegs, dass sie diese praktischen Dinge nicht bedenken. Was solls. Sagste halt nächstes Mal ‚Haarfarbe grün‘.“

Dein Freund und Hindernis

21. April 2010

Ich habe schon einen Karton beiseite gelegt, damit ich Madame M. Versorgungspakete schicken kann, wenn die Polizei sie demnächst wegen ungebührlichen Verhaltens festnimmt. Ich kann verstehen, warum man an den Checkpoints in Rage gerät, aber das ist natürlich auch riskant. Als wir neulich gemeinsam unterwegs waren, sind diese beiden Welten schon einmal aufeinandergetroffen. Der Polizist war unzufrieden, dass er den Pass nur sehen aber nicht anfassen durfte und wollte partout die Beifahrertür nicht wieder schließen. Er zog sich erst zurück, als Madame M. drohte, sie werde aussteigen und dann wie eine Furie ums Auto herum auf ihn zukam. Derweil versuchte ich so zu tun, als sei ich gar nicht da und war sehr erleichtert, als wir schließlich weiterfahren konnten.

Helfer oder Hindernis?

„Gut, dass du heute nicht dabei warst,“ erzählt sie mir in einem Ton, der nichts Gutes verheißt. „Der Polizist am Checkpoint hat sich vorhin so ins Auto reingelehnt und war so aufdringlich, dass ich ihm die Mütze über die Augen gezogen habe. Einfach am Schirm gepackt … Mann, Ali hat mir danach gesagt: ‚Bist du verrückt, dafür kannst du ins Gefängnis kommen! Auf Polizistenanfassen stehen sechs Monate!'“ Ich schaudere angesichts der möglichen Konsequenzen, aber insgeheim amüsiere ich mich natürlich, wenn ich mir das Gesicht dieses Polizisten vorstelle.

Als wir an die Kreuzung kommen, ist der Verkehr flüssig. Jedenfalls bis der Polizist genau vor unserer Nase beschließt seine Sonnenbrille zu putzen. Behäbig stellt er sich dafür mitten in den Verkehr. Es ist ein kleiner, dicker, älterer Mann, und als er die verspiegelte Sonnenbrille abnimmt, kommen kräftig mit Kajal umrandete Augen zum Vorschein. Der Verkehr kommt zum Erliegen, Scheiben werden heruntergekurbelt und viele Augenpaare verfolgen, wie der gute Mann die ohnehin schon blanken Gläser mit seinen weißen Handschuhen bearbeitet. Der Fahrer will hupen, aber überlegt es sich doch anders. Mr. E. hat nämlich neulich gehupt. Da stand er an einem Checkpoint. Das Auto vor ihm war längst abgefertigt, aber der Polizist stand mit dem Rücken zu ihm mitten auf der Straße. Mr. E.s Versuch sich bemerkbar zu machen, beschwor den Zorn des Polizisten herauf. Nachdem sie ihn gründlich gefilzt hatten, rief der Polizist seinem Kollegen zu, er solle das Messer bringen, um doch auch mal in den Sitzen nachzuschauen. „Ich habe ihm gesagt: ‚Hör zu, du bist Polizist, ich bin Lehrer, ich unterrichte auch das afghanische Militär – das gibt nur Ärger.‘ Dann hat er davon abgesehen.“

Die Kreuzung ist mittlerweile völlig verstopft. Mit wichtigtuerischer Geste setzt der Polizist seine Sonnenbrille wieder auf. Er wedelt, als wolle er die anderen Autos verscheuchen, und winkt dem zehn Meter entfernt feststeckenden Polizeiauto, zu ihm zu kommen. Gegen die Fahrtrichtung und schließlich über den Bürgersteig quetscht es sich zu ihm durch. Nach zwanzig Minuten können wir endlich weiterfahren.

Checkpoint II

17. April 2010

Der Polizist kontrolliert meinen Pass und mein Visum. Weder der Fahrer noch mein afghanischer Kollege müssen sich ausweisen, und niemand interessiert sich für das, was wir im Kofferraum transportieren könnten.
Eine halbe Stunde später kommen wir wieder dort vorbei – der selbe Checkpoint, der selbe Polizist, wieder möchte er meinen Pass sehen. Der Fahrer unwirsch: „Schon wieder?“ Der Polizist kratzt sich versonnen am Kopf und schaut mich an: „Ach, nee. Ich muss sie verwechselt haben. Ich dachte nur, sie sieht genauso aus wie eine, die hier vor ner halben Stunde langgekommen ist.“