Archive for the ‘Sport’ Category

Hat acht Beine und ist berühmt in Kabul

1. Juli 2010

Acht Beine? In Afghanistan? Einer meiner Bekannten in Kabul würde sofort mit einer Hand etwas in Höhe seines Knies andeuten und Schauergeschichten von den Kamelspinnen erzählen. Diese habe ihm zufolge einen Durchmesser von furchterregenden 80 cm und warten nur darauf, sich in die Waden herumstromernder Ausländer zu verbeißen.

Wenn meine Mitarbeiter dieser Tage an Achtbeiner denken, haben sie jedoch einen im Sinn, der mir völlig entgangen ist: das Oberhausener Fußballorakel. „Wegen des Spiels gegen Argentinien Samstag – mach dir keine Sorgen,“ sagt mir ausgerechnet derjenige von ihnen, der am wenigsten an der WM interessiert ist. „Huch, woher diese Überzeugung? “ frage ich. „Das hat der Oktopus voraussgesagt.“ Zuerst glaube ich, ich habe mich verhört. „Es gibt in Deutschland einen weissagenden Oktopus. Der lebt in einem Aquarium und hat sich auf die deutsche Flagge gesetzt,“ erklärt mir Mr. M. mit größert Selbstverständlichkeit. Ebenso wie Mr. A. ist er natürlich eigentlich nicht abergläubisch. Dennoch sei es interessant, fügt Mr. A. hinzu: „Sogar die Niederlage gegen Serbien hat er akkurat vorausgesagt.“

Advertisements

Nistan o Nistan

30. Juni 2010

Nach Kräften versuche ich, meine deutschlernenden Mitarbeiter zu fördern. Mr. A.s Fußballbegeisterung erscheint mir dafür ein gutes Einfallstor. Ich habe ihn bereits mit Sepp Herbergers Weisheiten für alle Lebenslagen ausgestattet, und nun habe ich den Link zum diesjährigen Fußballhit „Schland o Schland“ verschickt. Mr. A., stets außerordentlich akribisch in dem was er tut, hat sich selbst die verbesserte Variante herausgesucht, in der auch der Text angezeigt wird. „Aber was ist ein Schland?“ fragt er.  „Das ist, als würde man ‚rmany, rmany'“ statt ‚Germany‘ singen,“ versuche ich zu erklären. Mr. A. schaut skeptisch. Wahrscheinlich blutet sein Herz für lange Wörter, wenn Deutsche freiwillig kürzen. Während ich neben ihm stehe, ruft die Grazie an. Mr. A. sagt nur knapp „10“, bevor er wieder auflegt. „Sie wollte wissen, welche Trikotnummer Podolski hat.“ Ich frage verwundert, wozu sie das braucht. Mr. A. fragt noch viel verwunderter, warum sie das noch nicht weiß.

Der Ball ist … eine Scheibe?

10. Juni 2010

Fußball ist in Afghanistan beileibe nicht so populär wie Cricket, aber einige Anhänger gibt es schon. Wir wohnen ein paar Straßen vom „Manchester United Super Market“ entfernt, natürlich in den entsprechenden Farben und mit Logo dekoriert. An meiner Straßenecke kaufe ich das Klopapier im FIFA Super Store. C hat meinen Kollegen Mr. A., der ein großer Fan ist, für die WM mit Fußballdevotionalien ausgestattet. Den Deutschland-Umhang habe ich noch nicht in Aktion gesehen, aber jedes Mal, wenn Mr. A. zur Teetasse greift, ragt ein schwarz-rot-goldenes Schweißband unter dem eleganten Anzugärmel hervor. Mr. A. lernt seit einem Monat Deutsch und ist fasziniert von langen Wörtern.  „Fußballweltmeisterschaftsendrundenteilnehmer“ war eine große Entdeckung für ihn. Er hat es sich zwei Mal angeschaut, und seitdem hören wir ihn manchmal durch die Flure wandern und es vor sich hinmurmeln.

Im Büro habe ich vorsichtshalber nicht zu laut Werbung  für Fußballwetten zur WM gemacht, denn nach strengen islamischen Auslegungen gibt es allerhand gegen Fußball einzuwenden: Angeblich sei Fußball von den Ungläubigen erfunden worden, als sie nach einem Kampf gegen Muslime begonnen hätten, mit deren Köpfen Ball zu spielen. In einer saudischen Fatwa heißt es, man solle beim Spiel auf keinen Fall die „Regeln der Ungläubigen“ befolgen, also nicht in zwei Halbzeiten spielen und keine roten oder gelben Karten zeigen.  Auch die Kleidung sei inakzeptabel – statt nummerierter Trikots sollten die Spieler lieber Schlafanzug tragen.  Während man bei Männern in kurzen Hosen im Fernsehen ein Auge zudrückt, geht das bei Frauen gar nicht. Die afghanische Frauennationalmannschaft bekommt das zu spüren, wenn es um die Übertragung der Spiele im Fernsehen geht: „Beim Asia Cup … die Palästinenserinnen zum Beispiel spielen mit kurzen Hosen! Deswegen wird das hier nicht übertragen. Unsere Familien können gar nicht mitfiebern,“ erzählt eine der Spielerinnen.

Das knickt sie besonders, weil sie ohnehin unter widrigen Bedingungen teilnehmen. Vor  zwei Jahren reichte das Geld gerademal für die Tickets nach Jordanien. „Weil wir uns kein Hotel leisten konnten, mussten wir in Dubai die ganze Nacht auf dem Flughafen verbringen, und als wir endlich in Jordanien angekommen sind, waren wir sofort dran.“ Wie es ausgegangen ist? „Wir haben 10 : 1 verloren,“  sagt Khalida zerknirscht. „9 : 1,“ korrigiert Haditha. Sie zucken mit den Schultern und richten sich wieder auf. Eines Tages, da sind sie sich einig, werden sie es allen beweisen, und dann kriegen sie auch mehr Unterstützung. Es verleiht ihnen Selbstbewußtsein und in den Familien, die ihre Töchter spielen lassen, Anerkennung.

Als ich in Kabul ankam, gab es mehr Mädchenfußballvereine als Geldautomaten in der Stadt (13 : 4). Leider war das auch die Phase, in der die deutsche Fußballförderung auslief. Anders als Jungen, die überall spielen können, ist es für Mädchen wichtig, ein von der Straße nicht einsehbares Gelände zu nutzen, und einen Bus-Service zu haben, der sie dort hinbringt und abholt. „Wir haben die Mädels vor der Schule trainiert, von fünf bis sieben Uhr morgens, im Sommer wie im Winter!“ Mich schauert beim Gedanken an die Temperaturen. „Kalt ist es schon, aber es gibt nichts Schöneres, als im Schnee Fußball zu spielen,“ schwärmt Khalida.

Es wäre nicht Afghanistan, wenn es nicht parallel zu den schiefen Blicken auch schrägen Humor gäbe. Burhanuddin Rabbani, Parlamentarier, Warlord und unlängst Vorsitzender der Friedens-Jirga, ist bekannt dafür, sehr langsam zu sprechen.  Ein aktueller Witz lautet: Wird Rabbani nach einem Fußballspiel gefragt, wie er dazu steht. Sagt er: „Ein interessantes Spiel. Aber diese Auseinandersetzung um den Ball hätte sich vermeiden lassen, wenn wir einfach jedem von ihnen einen eigenen gegeben hätten.“