Archive for the ‘Tierwelt’ Category

Die geklauten Leckerli

21. August 2011

Bei Reisen aus und nach Afghanistan klappt nicht immer alles so, wie man es sich vorstellt. So ist beim letzten Flug einer Grazie von Islamabad nach Kabul ist ihr Gepäck erstmal nach London geschickt worden. Zwar gelingt es durch hartnäckiges Hinterher-telefonieren und die Aktivierung persönlicher Kontakte, es nach Kabul zu befördern, aber leider sind alle äußeren Taschen, die nicht abgeschlossen waren, leergeräumt.

„Das ist garantiert nicht in London passiert, sondern hier,“ argwöhnt sie. „Was war denn drin?“ Ihre Stirn verdüstert sich: „Mein Lieblingsparfüm. Das gibt es hier nur gefälscht, und es riecht abscheulich! Außerdem die Geschenke unseres Kollegen aus Deutschland.“ Während sie darüber sinniert, geht plötzlich ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ach weißt du, das ist eigentlich gar nicht so schlimm.  Die Schokolade hätte ich gerne gehabt, aber da war noch diese andere Tüte. Es stand nichts drauf, und in Deutschland richtet man doch alles immer so appetitlich her … das waren Leckerli für unsere Hunde!“

Sie kann sich kaum wieder einkriegen ob des Gedankens, wie ein afghanischer Flughafenmitarbeiter diese im Kreise seiner Familie als Knabberkram reicht.

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Die anderen Frühlingsboten

27. April 2010

Die Köchin kommt in mein Büro, in der Hand eine Zange. Darin schlenkert ein wütender Skorpion, so groß wie mein Handteller. „Gerade habe ich mich im Bad für den Heimweg umgezogen, da merk ich, dass was in meinem Hosenbein ist. Hab ich mich erschrocken, als dieses Viech daraus gefallen ist!“ sagt sie. Ich hätte bestimmt den Schock meines Lebens bekommen und wäre nicht in der Lage gewesen, mich diesem Tier auch nur mit einer Zange anzunähern.

Wenige Tage später findet sich ein ähnliches Exemplar zwischen den Blumentöpfen auf der Terrasse. Der Fahrer macht eine wegwerfende Handbewegung: Solange es nur die mit einem schwarzen Rücken seien, sei doch alles noch OK.

Madame M. hat mit Skorpionen ihre eigenen Erfahrungen: „Mein Kollege aus dem Panjshirtal war mal da, als wir einen von den großen gefunden haben. Er war total begeistert. ‚Wie wärs, wenn wir sein Gift zusammen rauchen?‘ hat er gefragt.“ Das ist angeblich ein beliebtes afghanisches Rauschmittel. Sie habe ihn so streng angesehen, dass er ihn doch habe laufen lassen, wenn auch nicht ohne ein leichtes Bedauern.

Hund und Härchen

26. April 2010

„Ich hatte einen Kampfhahn, der war wunderschön. Wie ein kleiner Saurier ist er durch den Garten stolziert,“ sagt Mr. A und imitiert das Tier mit Hand und Unterarm. „Sehr hoch, aber sehr kurz, sozusagen,“ fügt er erklärend hinzu. In Afghanistan sind Tierkämpfe aller Art beliebt. Ob Hahn, Wachtel, Skorpion oder die im allgemeinen als unrein geltenden Hunde, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Mich erstaunt, dass ausgerechnet Mr. A. ein Herz für Hahnenkämpfe haben sollte, zumal die Tiere, die es ihm so angetan haben, „Kulangis“ sind – starke, große Tiere, die auf Leben und Tod kämpfen. Er schüttelt den Kopf, das Kämpfen würde ihn nicht interessieren, aber wie sie so schön durch den Garten schreiten … solange man nur ein Männchen und ein Weibchen habe, bliebe es auch friedlich.

„Aber es gibt auch Hähne, die nicht so erbittert kämpfen, oder?“ frage ich. Als wir ganz zu Anfang hier waren, habe ich mich am Tor eines Parks amüsiert, weil dort stand, das Mitbringen von Haustieren sei verboten. Trotzdem sahen wir reihenweise Männer dort herumlaufen, die alle einen Hahn unter dem Arm hatten. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen, bis wir in einer Ecke des Parks auf eine Hahnenkampfarena stießen.

Selten habe ich afghanischen Männer so liebevoll mit irgendjemandem oder irgendetwas umgehen sehen wie mit ihren Kampfhähnen. Sie besprühten sie mit einem Mundvoll Wasser, tupften sie mit ihren eigenen Halstüchern trocken und sie küssten, wie C einmal schrieb, „ihren Lieblingen die gefiederte Stirn.“ Als ein Hahn im Kampf ein Auge verlor, waren die Männer schnell mit Nähzeug zur Hand. Hier ging es nicht um Leben oder Tod, sondern nur darum, wer der Stärkere ist. Später schritten C und ich an einer Reihe alter Herrn vorbei, die in traditioneller Kleidung und mit Turban an der Mauer lehnten. Ihre Hähne standen erschöpft neben ihnen, und die betagten Besitzer ließen den Kampfvormittag bei einem Joint ausklingen.

Mr. M. sagt: „Das ist doch noch gar nichts gegen diejenigen, die beim Hundekampf den gegnerischen Hund ablecken.“ Wir schauen ihn fragend an. „Manche Hundebesitzer,“ erklärt er, „schmieren ihren Tieren etwas in den Nacken. Irgendwelche Chemikalien. Wenn ein anderer Hund zubeißt, ist das im Maul so unangenehm, dass er gleich wieder loslässt. Um sicherzustellen, dass der Opponent nicht zu solchen Tricks greift, lecken dann halt manche Besitzer selbst am Hund des anderen, bevor der Kampf beginnt.“

Das Schmatzen von nebenan

5. April 2010

Niemand weiß wie, aber in unseren Garten ist plötzlich eine Schildkröte aufgetaucht. Eines Tages war sie einfach da, trottete über die Betonwege, ganz so, als gehöre sie dort hin. Der Wächter war begeistert und versuchte, ihr etwas Gutes zu tun. Zum Glück kam Madame M. noch rechtzeitig, um zu sehen, wie er das Wasserbecken in unserem Garten füllte und rettete das Tier vor dem Ertrinken. Jeder, dem ich vom neuen Haustier erzähle, ist begeistert und fragt, wie es heißen soll. In Anlehnung an die Schildkröte in Momo, Kassiopeia, schlug ich vor, sie afghanisiert „Kassiopeiullah“ zu nennen, meine Freundin N. wandte ein, dann wäre es doch schöner, das gleiche mit Ulla zu machen, und sie fortan Ullaullah zu nennen. Letzlich haben wir es beim Dari-Wort für Schildkröte belassen: Sang Pusht – wörtlich: „Stein auf dem Rücken“.

Während die Schildkröte pflegeleicht im Komposthaufen Quartier bezogen hat und sich am liebsten von Gurken und Tomaten ernährt, sind die streunenden Katzen eher auf die Hühnerbeine im Mülleimer erpicht. Madame M. erzählt, dass in ihrer früheren Firma die nepalesischen Köche mal lebendige Suppenhühner im leeren Mülleimer zwischengelagert hätten. „Dann ist meine Kollegin gekommen und wollte was darein werfen …  man, hat die sich erschreckt, als sie die Klappe aufmachte und plötzlich die Viecher aufstoben!“ Ich stelle mir vor, wie das auch unseren Katzen Respekt einflößen würde, die die Chuzpe haben, wahlweise die Haustür, Terrassentür oder Küchentür aufzustemmen, um sich nachts über den Mülleimer herzumachen.

Das ist selbst für die größte Katzenfreundin unter uns zuviel: „Jede Nacht bin ich aufgestanden, um die Viecher rauszuwerfen. Einmal sind sie über die Reste vom Abendessen hergefallen, die noch auf der Anrichte standen, ein Berg Fleischklopse, der größer war als sie selbst!“ Sie habe daraufhin die Katzen rausgeworfen, die Türen verbarrikadiert und dem Wächter die in der ganzen Küche verteilten Fleischklößchen gegeben, damit er sie wegwirft. Kurz darauf habe sie aber gesehen, wie er sie in einem Napf in ein ungenutzes Nebengebäude gestellt habe. Dort hätten sich die Katzen dann in aller Ruhe vollgeschlagen.

„Damit das ein für alle Mal klar ist: Katzen werden auf unserem Grundstück nicht gefüttert,“ sagte Madame M. streng. Der Wächter, stets bemüht, alles richtig zu machen, zuckte erschrocken zusammen, dann lächelte er. Er nahm die Fleischklopse und warf sie über die Mauer zu den Nachbarn. Seither haben wir kein Katzenproblem mehr.

Schafschützen

23. November 2009

Dass die Vereinten Nationen ausgerechnet das Haus gegenüber mieten mussten, fanden wir keinen feinen Zug. Da sie, wie auch die meisten anderen großen Organisationen, nicht lange um Preise verhandeln, sondern zahlen, was verlangt wird, leuchteten auch in den Augen unseres Vermieters die Dollarzeichen auf, und er warf uns raus.

Mittlerweile hat die UN fast all ihre Häuser aufgegeben, immerhin zwischen 60 und 90 in Kabul, die Mietpreise sind gesunken. Der Vermieter hat sein ganzes Programm abgespult, von maulen über drohen, am Verhandlungstisch aufstehen und nicht zu Terminen erscheinen. Nach einem Gespräch, bei dem ein alter Freund unsererseits augenscheinlich den richtigen Ton angeschlagen hat,  hat er schließlich eingesehen, dass es keine gute Idee ist, sich mit uns anzulegen. Zumindest eine seiner beiden Gehirnzellen hat es. Die andere sucht weiterhin krampfhaft nach Wegen, mehr Geld an uns zu verdienen.

Auch die anderen Organisationen überlegen, wieviel internationales Personal sie brauchen und wo sie es am besten unterbringen. Unsere sehr netten Nachbarn ziehen um, und mittlerweile haben drei der Häuser auf unserer Straße ihre Wächterhäuschen mit Sandsäcken umgeben. Neben dem einen stehen außerdem permanent Polizei-Pick-Ups. Ich reibe mir die Augen, als ich auf dem einen eine wippende Horde Polizisten sehe. Sie frönen dem afghanischen Herbst-Hobby, Blätter von den Bäumen zu schütteln – für die Herde Fettschwanzschafe, die ein Schäfer gerade um ihr Auto versammelt hat.

Der Fisch am Himmel

22. August 2009

Meine Freundin muss sich ziemliche Mühe geben, um sich beim Telefonieren gegen die Hintergrundgeräusche abzugrenzen. „Eine Invasion großer grüner Papageien im Garten! Die machen sich über die Mandeln her,“ brüllt sie. Ich erinnere mich, wie eben diese Papageien letztes Jahr innerhalb weniger Tage den gesamten Granatapfelbaum leergefressen haben. Bei uns habe ich sie dieses Jahr noch nicht erblickt, außer einem toten unter dem Quittenbaum. Wahrscheinlich ein Schwächeanfall, bei den harten Früchten.

Insgesamt scheint es eine günstige Zeit für alle Aktivitäten im Luftraum zu sein. Bei jeder Fahrt durch die Stadt erblickt man Hunderte von Drachen, einige von ihnen in schwindelnder Höhe und nur noch als Punkte erkennbar. Hört man dagegen ein Rauschen und Sirren, heißt das meist, dass gleich einer in den eigenen Garten fällt. Kaum bricht die Dämmerung herein, werden die Drachen eingeholt.  Dann gehört der grüngraublaue Himmel ganz den Fledermäusen. Mein russischer Mitbewohner ist überzeugt, dass sie gerade auf der Durchreise nach Sibirien sind. Wäre ich Fledermaus, würde ich ein kuschliges Minarett in Kabul bevorzugen.

Seit einiger Zeit schwebt überdies ein Zeppelin über der Stadt, der die Sicherheit durch Luftüberwachung erhöhen soll. Die Grazie zieht mich lachend ans Autofenster und zeigt darauf: „Jetzt weiß ich endlich, was mein Neffe gemeint hat! Er kam neulich und rief ganz aufgeregt: ‚Tante, Tante! Ich habe einen Fisch am Himmel gesehen!“

Krisenvorsorge

7. Mai 2009

Die afghanische Regierung setzt sich entschieden zum Schutz der Bevölkerung ein.  So hat sie zur Prävention der Schweinegrippe das im Kabuler Zoo lebende Schwein in Quarantäne gesteckt … oder wie es in der Reuters-Meldung heißt: „das einzige bekannte Schwein Afghanistans“.

Die Sendung mit der Dattelmaus

25. April 2009

Obwohl ein paar 1000 Kilometer entfernt, weiß ich genau, was meine Eltern jeden Morgen beim Frühstück tun. Sie beobachten die Eichhörnchen, die sich auf dem Balkon tummeln. Die Tiere kommen nicht von ungefähr. Vielmehr legen meine Eltern täglich neue Strecken aus eigens geknackten Nüssen, Äpfeln und anderen Leckereien. Einmal habe ich mich gedankenverloren aus der Nusschale in der Küche bedient, die den Eichhörnchen vorbehalten ist, und oh, ich wurde sogleich des Wegfressens geziehen. („Nur die Erdnüsse! Die mögen die Eichhörnchen nämlich nicht!“) Wer weiß, ob Eichhörnchen nicht stattdessen geheime andere Schwächen haben … auf Dari heißen sie jedenfalls „Dattelmaus“.

Good bye, Gargoyle

9. April 2009

Der Gecko, Gargoyle getauft,  ist von uns gegangen. Vorgestern leckte er noch glücklich an einer angebissenen Rosine, träumte von saftigen Fliegen und überlegte sich, eines besseren Tages werde er das Buch schreiben „Speisen wie der Teufel in der Not“.

Wir werden ihn in seiner Taj-Mahal-Streichholzschachtel zu Grabe zu tragen.

Wie päppele ich meine Echse?

7. April 2009

Auf dem Kaminsims sitzt der Gecko und wartet, dass die internationale Gemeinschaft ihm etwas zu essen bringt. Ich konsultiere meinen ausländischen Gecko-Berater. Er sagt, der Gecko brauche Lebendfutter und rät zu einer Fruchtfliegenfarm. Der Gecko ist zwar nicht mehr ganz so langsam wie zu Anfang, aber noch immer wirkt es, als könne er es allenfalls mit einer Kreuzung aus Fruchtfliege und Schnecke aufnehmen. Da ich weder das eine noch das andere habe, biete ich ihm ein stecknadelkopfgroßes Stück Schinken an. Ich rüttle sogar ein wenig daran, damit es wieder lebendig aussieht, aber offensichtlich haben Geckos kein Interesse an Mini-Schweinen. An dem Tropfen Orangensaft leckt er und verzieht sich mit einem spürbaren Naserümpfen hinter seine Streichholzschachtel.

gargoyle-53Die nationalen Gecko-Berater denken in eine ganz andere Richtung. Füttern sei nicht nötig, denn besser lebe man ohnehin ohne Gecko. Überhaupt dieses ganze Viehzeug, Spinnen, Fliegen, Flöhe und „Mütter der Flöhe“, wie Kakerlaken auf Dari heißen – alles, was kleiner als ein Marco-Polo-Schaf ist, sollte man umbringen, und ganz besonders Geckos. Zwar heißt es im Volksmund, wenn ein Gecko auf Haar oder Schultern einer Frau falle, werde sie Glück haben und reich werden, aber die Zusatzklausel besagt, bei manchen treffe auch das genaue Gegenteil ein. Die beiden Grazien nicken andächtig, als sie bekunden, man solle lieber auf den möglichen Wohlstand verzichten, wenn der Preis sei, von einem Gecko getroffen zu werden, und die als dritte Expertin hinzuberufene Köchin kann ihnen nur beipflichten.

„Wir habe eine besondere Waffe gegen diese Tiere, einen speziellen Schlamm. Wenn wir an der Wand einen Gecko sehen, rollen wir eine Schlammkugel und werfen sie dagegen.“  „Ach so, draußen.“ – „Nein natürlich drinnen!“ Ich bin gespannt, wie es in den Räumlichkeiten einer Geckohasserin nach einem heißen Sommer aussieht.  Ganz wichtig sei aber – besonders für Frauen – sich nach dem Mord an einem Gecko mit Wasser zu waschen, in das sie vorher ihr Gold gelegt hätten.

Auch wenn man Spinnen töte, sei Vorsicht geboten, denn dem afghanischen Volksglauben zufolge kommt bei ihnen später der verwitwete Partner, um Rache zu nehmen. Das sei durch Beispiele hinlänglich belegt: „Bevor er starb (!) hat mein Vater mal eine Spinne erschlagen – so gefährlich war sie, dass ihr Gift ein ganzes Glas gefüllt hat (vielleicht besuche ich lieber Geckohasser als mit Spinnenfeinden Saft zu trinken) und eine Woche später, als er gerade im Garten die Blumen goß, kam eine zweite!“