Archive for the ‘Trautes Heim’ Category

Island grüßt

19. April 2010

Zwischen den haushohen Sonnenblumen des letzten Sommers wandeln Menschen umher, Telefone fest ans Ohr gepresst, „Dubai? Aber wie dann weiter?“ – „Also, wenn ich es über Istanbul schaffe, schon mal nach Wien zu kommen, kann ich in Salzburg mit dem Mietwagen …“ – „Aber Spanien ist zu weit weg, um von dort aus zu fahren. Wenn hingegen was nach Rom geht …“ Zwischendrin finden kleinere Gipfeltreffen statt: „Gibt’s Neuigkeiten wann die Bundeswehr wieder fliegt?“ – „Ich kann noch mal nachhaken bei General Soundso … wenn wir sonst einen guten Kontakt bei Lufthansa hätten, vielleicht würde das weiterhelfen.“ Selbst die Idee, mit den beiden toten niederländischen Soldaten ausgeflogen zu werden, wird angeregt verfolgt.  Das kafkaeske Haus hat eine Tonspur bekommen.

Kabul ist voller Unwägbarkeiten, aber die Aschewolke eines isländischen Vulkans setzt dem ganzen die Krone auf. C muss dringend nach Deutschland, um seine Ausstellung zu eröffnen, und Lady Magnolia sitzt wie auf glühenden Kohlen, weil ihr morgen ein wichtiger Journalistenpreis verliehen wird. Gerade, weil sie früher selbst geflogen ist, muss es jetzt umso schlimmer sein, hier festzusitzen. Trotzdem bewahrt sie eine stoische Gelassenheit: „Nun denn. Auf der Suche nach einer Möglichkeit habe ich immerhin viele neue Freunde gewonnen,“ sagt sie lächelnd und wählt schon die nächste Nummer.

Zwischen all den SMS und Anrufen hört man die Türklingel kaum. „Hey, wisst ihr, warum die Katzen nicht mehr in unseren Garten kommen?“ fragt Madame M., die gerade eingetroffen ist. „Der Wächter sagt, heute nachmittag hätte ein Marder unter dem Gartentisch gedöst!“ Keiner von uns hat je einen Marder in Kabul gesehen. „Bist du sicher, dass er ‚Marder‘ und nicht ‚Mörder‘ gesagt hat?“ frage ich. „Nein, so einer war auf dem Dach gegenüber, zumindest kam es einem Versuch recht nahe,“ wirft Minka ein. Vor wenigen Stunden hat der Nachbarsjunge mit einer Zwille ihr Fenster zerschossen. Zum Glück saß sie gerade nicht am Schreibtisch. „Als ich rübergegangen bin, war nur die Mutter da,“ informiert uns der Wächter. – „Und was hat sie gesagt?“ – „Sie sagte, ‚Wir warten, bis der Vater nach Hause kommt, insha-allah‘.“

Madame M. erkundigt sich, was die Reisepläne machen. Sie wünschte wahrscheinlich, sie hätte nie gefragt, als wir im Chor anheben, über Luftströmungen und Flugraumverhältnisse in Europa referieren. „Fast wäre auch noch fraglich gewesen, ob von Kabul aus irgendetwas fliegt, denn heute nachmittag gab es wieder einen Raketenagriff auf den Flughafen, ist aber doch außerhalb des eigentlichen Geländes gelandet,“ fügt C atemlos hinzu und küsst überglücklich sein Telefon. „Uff, geschafft! Morgen früh geht es los, dauert zwar drei Tage bis ich da bin, aber es klappt!“

* Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Mikhail Galustov aus seinem Album „The Kafka House“. http://www.mikhailgalustov.com

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Feiertag, vorsichtshalber

26. November 2009

Am frühen Morgen kommt Besuch: die Köchin. Sie hatte versprochen, für uns noch zwei Laken zu nähen, die sie uns nun vorbeibringt. Heute ist nämlich plötzlich Feiertag. Vorgestern hatte das staatliche Fernsehen verkündet, der Feiertag sei erst am Freitag. Gestern war man sich nicht mehr so sicher, und schließlich hat man am späten Nachmittag vorsichtshalber beschlossen, ob Feiertag oder nicht, es sei frei. Daher also hat die Köchin den Weg zu uns nach Hause angetreten, und sich dafür richtig in Schale geschmissen. Als sie die Burka hochschlägt, kommen nicht nur Sonntagsschuhe und ein neues Gewand zutage, sondern zum ersten Mal sehe ich sie mit Lippenstift. Ich preise, wie hübsch es aussieht, und sie lächelt verlegen.

Kaum ist sie weg, kommt ein anderer Mitarbeiter. Er soll uns bei der wenig erfreulichen Angelegenheit helfen, den großen Wächter zu kündigen. Er ist gutmütig, wir haben viel Spaß mit ihm gehabt, und wenn er nicht gerade seinen Fuß in den Rasenmäher oder den Finger in den Generator bekommen hat, waren seine Reparaturbemühungen wirklich prima. Leider nur hatte er einen so tiefen Schlaf, dass Einbrecher schon einen Presslufthammer hätten benutzen müssen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Wächter schaut herzzerreißend traurig. Als ich allerdings noch mal anspreche, dass er für zwei Flaschen Gas jedes Mal das anderthalbfache ihres Preises von mir verlangt, dann aber zumindest beim letzten Mal nur eine Flasche überhaupt gefüllt hat, fällt uns der Abschied wieder leichter: „Nee, ich hab schon zwei Flaschen geholt. Aber an der einen ist halt das Ventil kaputt, da ist dann am nächsten Tag keins mehr drin.“

Wir verabschieden den Wächter und unser Dolmetscher verabschiedet sich. Er müsse jetzt noch eine Kuh aussuchen gehen, schließlich sei morgen Opferfest.

Jungunternehmer auf der Straße

17. Oktober 2009
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Innovativ: Sonnenschirm über dem Sitz des Brunnenbohrers in der Grube

Die Nachbarn haben sich entschlossen, ein neues Haus im Vorgarten hochzuziehen. Dass es fast direkt auf der Grundstücksgrenze steht und somit ein Großteil der Fenster einen Panoramablick auf die Gartenmauer aus zehn Zentimeter Abstand hat, wird das Problem der künftigen Bewohner sein. Seit Wochen jedoch verwandeln diese Baumaßnahmen den Zugang zu unserem Haus in einen Hindernisparcours.

Hinter Sand- und Ziegelbergen lauert ein Ungetüm von selbstgebautem Betonmischer. Wir steigen über die mit großen Steinen auf dem Boden fixierte Kneifzange für Metallstäbe oder schlüpfen zwischen Holzbalken für die Decke durch.

Eine undefinierbare Aufschüttung auf der rechten Seite unseres Tors entpuppte sich als Bauarbeiterfrühstücksplatz, musste bald aber einem Graben weichen, über dem nun der Wächter von gegenüber auf einem Plastikstuhl kippelt. Zum Glück hat er eine Maschinenpistole. Womit sonst sollte er sich abstützen, wann immer eines der Stuhlbein in den Graben abrutscht?

Sitzender Händler

Sitzender Händler

Das Nachbarhaus ist kein Einzelfall. Überall in diesem bislang sehr netten Stadtteil wuchern die Villen derer, die mit viel Geld und wenig Geschmack gesegnet sind, und jeder möchte noch vor Wintereinbruch alles fertig haben. Während ich durch die Straßen laufe, komme ich an einer Einfahrt vorbei, in der ein junger Mann zwischen vielen Paketen Wasserflaschen sitzt. „Was ist denn das?“ frage ich neugierig. Er zuckt die Schultern: „Neuer Laden.“

Afghanische vier Wochen

14. Oktober 2009

Vier Wochen sind eigentlich keine lange Zeit. Es reicht dafür aus, dass eine Steckdose durchbrennt, zwei Abflüsse kaputtgehen und das Auto seinen Geist aufgibt. Es reicht gerade soeben aus, damit der Gärtner die letzten Sonnenstrahlen auf dem Rasen liegend genießen kann und diesen pflichtschuldig direkt vor meiner Wiederankunft mähen kann. Um die vertrockneten Sonnenblumen abzuschneiden, die Granaäpfel zu ernten bevor sie reif sind und platzen, oder um das Unkraut über dem Basilikum zu entfernen, scheint es wiederum zu kurz.

Es lässt auch genügend Zeit, um die Einfahrt vor dem Haus mit einem tiefen Graben zu durchtrennen und eine abenteuerliche Brückenkonstruktion aus zwei wackligen Betonblöcken mit plattgeklopften Metallösen zu zaubern, aber als ich frage, wann dieses Provisorium umgewandelt wird, ernte ich nur Kopfschütteln: „Na, nicht so lange es funktioniert … außerdem ist bald Winter, da baut man Dächer und keine Gräben.“

Zum Glück ist im Büro alles tadellos, das Team hat sich in meiner Abwesenheit phantastisch gekümmert. Etwas beunruhigt war ich zwischendrin bei der SMS „Wir haben schon mal den Lehrer rausgeworfen, er hat einfach nicht getaugt.“ Die Grazien sind stolz, sogleich kompetenten Ersatz gefunden zu haben, der jetzt jeden Tag mit Fahrer, Wächter und Köchin Dari-  und Englischunterricht macht.

Während wir im Stau stecken, kann ich mich von den Qualitäten des neuen Lehrers überzeugen. In Ermangelung von Ersatzteilen für das Büroauto holt uns der Fahrer jetzt immer in seinem kleinen privaten Corolla ab. Dessen Maße lassen nicht zu, dass er sich lässig zurücklehnt, aber sein Gesichtsausdruck verrät, dass er das eigentlich gerade tun würde. Er, der seit Jahren an der englischen Sprache verzweifelt, sagt geradezu nebensächlich: „Traffic is one of the biggest problems of Kabul.“

Wächter und Schläfer

1. September 2009

Unlängst hatte ich unserem großen Wächter gesagt, wenn er noch einmal von den Nachbarn herübergehuscht käme, wenn ich klingelte, dann würde ich mir ernsthaft überlegen ihn zu rauszuwerfen. Das war, als ich anderthalb Stunden nach Beginn des Fastenbrechens vor der Tür stand, und er sagte, er sei „nur mal kurz zum Essen drüben gewesen.“

Auch heute dauert es wieder verdächtig lange, bis er sich bequemt, die Tür zu öffnen. Gerade noch sehe ich, wie die Leiter vom Nachbargrundstück über die Mauer gezogen wird. Das kommt, wenn man sich nicht präzise ausdrückt. Ich versuche es in einem neuen Anlauf: „In deiner Arbeitszeit hast du auf unserem Grundstück zu sein und nicht bei den Nachbarn.“ – „OK.“

Wenig später sehe ich ihn zur Tür hinaushuschen. Noch später kann ich den Teekessel nicht finden, und das, obwohl er einen eigenen hat. Ich schaue zur Tür raus. „Sag mal, wo ist der … “ – wieder eine Wortlücke im Dari – „Wo ist das Dings für heißes Wasser?“ – „Hä? Heißes Wasser?“ – „Neeeeein, das DING für heißes Wasser. Und wo warst du?“ Er grinst, holt den Kessel von der Straße und sagt, er sei nur mal kurz Milch holen gewesen. Ich: „Mit dem DING?“ – „Nee, das ist ja für Tee.“ Ich gebe es auf. Kurz darauf will ich das Haus verlassen und merke, er ist eingeschlafen. Bei meinen lange erfolglosen Versuchen ihn wachzubekommen, fange ich an, die Sirenen am Morgen gerechtfertigt zu finden.

Wenig später kommt der kleine Wächter. Ich hätte ihnen doch neulich gesagt, wenn sie was falsch machen, sollten sie mir das sagen. Der freudige Gesichtsausdruck passt eigentlich nicht zu dieser Einleitung, aber ich hätte drauf kommen können. Natürlich möchte er nicht beichten sondern petzen. Mit wichtigtuerischer Miene erzählt er mir, was alles in letzter Zeit falsch gelaufen sei – natürlich alles Schuld des großen Wächters. An solchen Tagen würde ich sie am liebsten beide vor die Tür setzen, und zwar außen.

Schubladen von Geisterhand

16. August 2009

„Ein großes Auto steht vor dem Haus,“ verkündet der Wächter. „Ein was?“ frage ich alarmiert, denn die erste Nachricht des Tages lautete, ein großes Auto sei vor dem ISAF-Hauptquartier explodiert. „Ein großes Auto,“ wiederholt der Wächter, so groß, dass es nicht durch die Einfahrt passe. „Aber was will es denn überhaupt hier?“ Der Tank, in dem in Ermangelung eins Kanalisationssystems unser Abwasser gesammelt wid, ist voll und muss ausgepumt werden. Ich ahne, wie meine Abendgestaltung aussehen wird.“Die müssen wann anders wiederkommen, jetzt haben sie keinen Schlauch, der lang genug ist,“ sagt der Wächter und guckt geknickt. Er liebt es, zusammen mit mir irgendetwas in Ordnung zu bringen.

Daher geht ein Leuchten über sein Gesicht, als wenig später ein Schreibtisch geliefert wird. „In drei Teilen! Laß ihn uns zusammenbauen!“ Der gemeinsame Heimwerkerabend ist gerettet. Forschen Schrittes eilt der Wächter zum nächsten Laden und leiht sich eine Zange. Es ist die erste Reparatur, die ohne Quetschungen, Stiche und Nasenbluten vonstatten geht. Davon übermütig geworden frage ich Aziz, wie das denn eigentlich neulich passiert ist, als er mit seinem Fuß in den mechanischen Rasenmäher geraten ist. Bei der gestenreichen Darstellung piekt er sich voller Aufregung mit dem Schraubenzieher in den Fuß, aber der Schaden hält sich in Grenzen.

Noch eben die Schublade wieder reinschieben … schön wärs. Sie federt immer wieder auf, weil Papier dahinter klemmt. Mit einem Kleiderbügel ziehen eine Rechnung und eine Liste hinter der Schublade hervor, aber das Problem bleibt. Briefe, ein Taschentuch, spätestens beim zweiten stellt sich die Frage, wie die Schublade jemals zu war. Und als allerletztes fördern wir noch zwei Mini-Ausgaben des Koran zutage. Endlich schließt die Lade.

Territorialkonflikt mit Taube

6. August 2009

Schon seit Wochen wundere ich mich, warum immer ausgerechnet in unser Badezimmer so viele kleine Zweige fliegen. Sie liegen in der Badewanne, auf dem Fensterbrett, vor dem Fenster – eigentlich überall. Zwar ist jeden Nachmittag Sturm – aber warum nur die kleinsten Zweige, keine Blätter und Äste?

CIMG4930Gestern unter der Dusche beobachtete ich, wie sich trotz völliger Windstille durch den Fensterspalt ein weiteres Zweiglein schob. Gleich darauf wurde an einer anderen Stelle, an der der Fensterspalt enger war, eines hindurchgezwängt. Im ersten Stock wähnte ich nicht wirklich einen Unhold am Werke, riss das Fenster aber mit Schwung auf, um wen auch immer zu überraschen. Eine Taube stürzte vor Schreck fast vom Fensterbrett. 

Sie hat augenscheinlich beschlossen, dass der einzig wahre Platz zum Nestbau zwischen Zahnpasta und Haarwachs ist, denn über nacht hat sie sich wieder an die Arbeit gemacht und ist diesmal sogar richtig weit gekommen. Ebenso beharrlich, wie sie die Ästchen durch den Fensterschlitz quetscht, werfe ich sie wieder raus.

Was reparieren wir heute?

23. Juni 2009

Kaum ein Satz geht mir auf Dari flüssiger über die Lippen als „Was reparieren wir heute?“ Das frage ich immer, wenn ich abends nach Hause komme, und unser großer Wächter Dienst hat. Er hat mich zu seinem Reparaturkompagnon auserkoren, und irgendwas liegt immer im Argen. Als ich heute zur Gartentür hereinkomme, erlischt gerade das Licht, während die Nachbargrundstücke erleuchtet bleiben. Das bedeutet, dass Elektriker-Tag ist, der jedes Mal für vier Dollar das Kabel auf der Straße flickt, und dessen Dienste wir eigentlich auf regelmäßiger Basis abonnieren könnten. 

Das soll es jedoch noch nicht gewesen sein. Der Wächter hat weitergehende Pläne. Unvorsichtiger Weise haben wir den Klempner bezahlt, bevor der letzte Handstreich bei der Reparatur unserer Wasserpumpe getan war – und so wie es aussieht, haben wir ihm auch noch zu viel bezahlt. Seither ist er verschwunden (dem Zustand des Kabuler Wassers geschuldet widerstrebt es mir zu sagen „untergetaucht“), und ausgerechnet der Pumpschwengel fehlt noch. 

Bild023Der Wächter stellt einen Teller mit gesalzener Wassermelone zwischen uns und deutet auf das Sammelsurium der Teile, das von der alten Wasserpumpe geblieben ist. „Sollen wir sie damit heil machen?“ Diese Reparaturansinnen sind immer ein Abenteuer.  Meist gehen sie mit akrobatischen Leistungen und Blutverlust seitens des Wächters einher, der Ausgang ist  ungewiss. Es lässt mich sehnsuchtsvoll an meine in Berlin zurückgelasse Ausstattung denken, denn beliebtestes und oft einziges Werkzeug in Afghanistan ist ein Hammer. Wir haben uns schon gesteigert und verfügen auch über eine Feile und eine Säge. Beide sehen allerdings aus, als hätten wir das Nationalmuseum geplündert. Richtiger Luxus ist, eine Bohrmaschine zu besitzen, wobei ich hier noch keine mit einem Stecker gesehen habe. Ob der Vielzahl miteinander nicht kompatibler Steckdosensysteme bevorzugt man, zwei blanke Drähte in die Steckdose zu stecken. 

Ich folge Aziz‘ Anweisungen, ziehe hier, drücke dort … beim Reparieren gilt ähnlich wie auf der Straße, dass jeder auf sich selbst aufzupassen hat, so dass es erhebliche Konzentration kostet, meine Daumen von seinen Hammerschlägen fernzuhalten. Wir müssen noch einige weitere Meter Rohr in den Brunnen hinunterlassen und kleben oben ein Stück an. Leider scheint es in den Tiefen in Konflikt mit einem anderen Rohr zu geraten, so dass wir die Hälfte wieder absägen müssen. Nach einigem Raspeln, Feilen, Biegen und Knicken haben wir es endlich geschafft. Aziz hat sich die Hand aufgeschürft und ich bin mit Rost- und Staubflecken getüpfelt – aber wir haben nasse Füße! 

So stehen wir unter Kabuls Sternenhimmel und betrachten im Schein der Klemmlampe im Maulbeerbaum die Pumpe, die aussieht wie ein modernes Kunstwerk.

Alphabetisierung an der Grundstücksgrenze

1. Juni 2009

Jeden Morgen herrscht im Baum vor dem Balkon erheblicher Aufruhr. Die Saison der Maulbeeren hat begonnen, und die ganze Terrasse ist mit schwarzroten Überresten der von den Vögeln umkämpften reifen Früchte übersät.

Während der eine Wächter meint, die hellen Beeren seien die besten, versucht mir der andere zu erklären, die dunklen seien gut, die hellen hingegen müsse man kochen. Ich beschließe zur Klärung dieser Frage Beeren aller Schattierungen mit ins Büro zu nehmen. Leider hängen die besten ganz oben, aber wozu hat der Klempner seinen ganzen Kram dagelassen? Der Wächter angelt nach einem drei Meter langen Rohr und beginnt auf robuste wiewohl erfolgreiche Art mit der Ernte.Bild017

Als ich ihn dabei beobachte, fällt mein Blick auf die Mauer hinten im Garten, und ich kann kaum glauben, was ich sehe. Schlagartig erinnere ich mich, neulich die Dose mit dem schwarzen Sprühlack gesucht zu haben, über deren Verbleib ich mir jetzt keine weiteren Gedanken mehr zu machen brauche. Die Jungs haben sie offensichtlich gefunden, denn in großen, ordentlich geschriebenen arabischen Lettern prangt dort der Name des großen Wächters. Ich frage ihn, ob er das war. Er lacht: „Nee. Das war der Gärtner.“ Einen Moment lang überlege ich, ob er nur versucht sich herauszureden, aber so weit ich weiß, kann der Wächter weder lesen noch schreiben.

Er zupft mich am Ärmel und bedeutet mir mitzukommen. Er führt mich hinters Haus, und deutet auf eine Stelle, an der in ähnlicher Größe „A Z I Z-K H A – N“ prangt.  Ich bin mir nicht so sicher, ob es um eine Beförderung vom Wächter zum Khan geht, oder ob es das Haus als seines definieren soll,  A Z I Z – H A U – S. Na gut, denke ich, diesen Gärtner werde ich mir mal vorknöpfen, da höre ich den Wächter: „Das hier war ich! Auf Englisch!“ Es spricht so viel Stolz aus seinem Strahlen, dass ich ihm kaum böse sein kann. Vielleicht gehe ich einfach los und kaufe eine Dose weißen Lacks, dann kann er beim Übersprühen gleichzeitig üben.

Drache in Märchenhaft

27. Mai 2009

Neulich ergab sich eine ebenso lustige wie peinliche Situation, als ein Freund mich im Büro abholen wollte. Er rief an und sagte, er stehe vor dem Tor. Ich stand ebenfalls vor dem Tor, aber von innen und konnte nicht raus. Wenn einer der beiden Wächter Brot holen geht, ist es dem anderen zu  unbequem, ihn erst raus- und dann wieder reinzulassen. Wer also das Haus verlässt, schließt hinter sich ab, und wer zu diesem Zeitpunkt drin ist, bleibt auch drin.

Zurück zu jenem Tag: Ich höre aus dem Auto auf der Straße Schenkelklopfen, so kann nur ein Bayer johlen: „Mei, i glaubs net, die Chefin hat keinen Schlüssel zum Büro!“ Noch eine ganze Autofahrt lang werde ich damit aufgezogen. 

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Der goldene Schlüssel

Den Spott noch in den Ohren, speie ich am nächsten Tag ein bisschen Feuer und ordere einen eigenen Schlüssel. Wie bei allem, bei dem dem Team nicht ganz einleuchtet, warum, dauert es etwas länger. Als ich nach knapp zwei Wochen nun den Schlüssel in Händen halte, entschädigt der  Anblick aber vollends fürs Warten. Der golden schimmernde, handgefeilte Schlüssel sieht aus wie die Requisite eines Märchenerzählers.