Archive for the ‘Unterwegs’ Category

Immer schön im Halteverbot bleiben

14. Juni 2011

Wer nasebohrende, gelangweilte Polizisten sehen will – vor meiner Tür habe ich stets zwei bis vier davon. Warum sie ausgerechnet meine Straßenecke auserkoren haben, weiß ich nicht. Es gibt viele Entführungen wohlhabender Afgahnen in unserem Stadtviertel, und im Schatten dieser Moschee lungern sie immerhin an zentraler Stelle. Da sie sich immer dann mit ihrem Pick-up vorbeidrängeln, wenn ich nach Hause komme, habe ich aber den Verdacht, dass Ausländerinnengucken zu ihrem Unterhaltungsprogramm zählt.

Es ist kein Spaß, in Afghanistan Polizist zu sein. Es ist aber auch kein Spaß, vor der afghanischen Polizei Bürger zu sein, denn Verbrechensbekämpfung wird hier robust gehandhabt. Verkehrspolizisten versuchen Staus aufzulösen, in dem sie androhen, den Feststeckenden die Reifen aufzuschlitzen. Als Falschparker muss man später seine Nummernschilder wieder auslösen.

Neulich wurde Dr. Kolben von seinem Fahrer im Halteverbot zurückgelassen. Im Auto am Straßenrand fühlt es sich immer an, als wäre man ein Fisch im Aquarium: Passanten klopfen an die Scheibe und schauen hinein; hätten wir ein offenes Schiebedach, wer weiß, ob wir nicht Brotkrumen hineingeworfen bekämen. Wir reagieren hierauf meist nicht, zumal es nicht klug wäre, die Tür oder das Fenster in solch einer Situation zu öffnen.

„Dann plötzlich wummert es total ans Auto,“ sagt Dr. Kolben. „Ein Polzist! Ich hatte keine Ahnung, was er wollte, er sprach ja auch kein Englisch. Dann sehe ich, wie er sich vorne am Reifen zuschaffen macht und uns die Luft rauslässt!“ Letztlich sei es nur um zwei Meter gegangen, um die sie das Auto schließlich versetzt hätten. „Das hätte man auch einfacher haben können,“ meint Dr. Kolben.

Nickerchen in Dubai

7. Juni 2011

Reisen nach Kabul erfordert meist, zu unwirtlichen Zeiten in Dubai umzusteigen. Ich versuche, bis zum Anschlussflug wach zu bleiben. Im dritten Stock komme ich jedoch an verlockend aussehenden Stuhlreihen vorbei, die keine Armlehnen haben. Allerdings sind die meisten von ihnen, ebenso wie die Ränder des Gangs, belegt. Hier schlafen und dösen zahlreiche ältere Herren, die mit langen Bärten und weißer Kleidung aussehen, als befänden sie sich auf einem Zwischenstopp bei der Pilgerfahrt nach Mekka.

Ich nehme an, dass sie nicht erbaut wären, beim Aufwachen mit einer westlichen Frau in ihrer Mitte konfrontiert zu sein. Auch möchte ich ungern durch ihre Unmutsbekundungen darüber geweckt werden. Man weiß ja nie. Möglichst weit abseits rolle ich mich auf einer Bank zusammen. Hoffentlich schlafen sie länger als ich.

Wenig später erwache ich mit dem Geruch frisch gewaschener Wäche in der Nase, und mir ist deutlich wärmer, als ich es in den klimatisierten Räumlichkeiten erwartet hätte. In meinem Schlaf hat jemand fürsorglich eines der typischen karierten Männerhalstücher über mich gebreitet. Alle Bärtigen sind verschwunden, nur auf der Bank gegenüber liest noch einer von ihnen Zeitung. Ich halte das Tuch hoch. „Ist das ihrs?“ frage ich. Er lächelt und nickt: „Ich fliege gerade aus Kenia zurück nach Karadschi. Auf diesem Flughafen friert man immer so leicht, wenn man ein Nickerchen macht.“

Die Sanitärstraße

18. März 2011

„Weißt du, was mal richtig schön zu machen wäre?“ fragt Dr. Kolben. „Einfach mal langsam die ‚Sanitärstraße‘ runter und schauen, was die so in den Schaufenstern haben.“ Die Sanitärstraße liegt im Zentrum Kabuls und ist das Paradies all derjenigen, die Heiminstallationen im Wasser- und Abwasserbereich vornehmen wollen. Kloschüsseln säumen die Bürgersteige, und zwischen Bürgersteig und Straße ist ein so tiefer Graben ausgehoben, dass man ihn eigentlich nur für Schleichwerbung der Rohrverkäufer halten kann. In den Schaufenstern sind ordentlich und der Größe nach sortiert Rohre, Pumpen und Schaltkästen. Ein Laden bietet westliche Heizkörper an, aber ob er auch Zentralheizungen anbietet, ist nicht klar.

Wenige Meter entfernt gibt es eine Ansammlung von Konditoreien. Auch wenn alle afghanischen Torten – normalerweise eine Mischung aus Biskuitteig und einer sahneähnlichen Creme – gleich schmecken, sind der Fantasie bei Farben, Mustern und Formen keine Grenzen gesetzt. In den Auslagen mancher Bäckereien hat man den Eindruck, in ein Aquarium voller tropischer Fische zu gucken, weil alles gepunktet, gestreift und getigert ist. Ein besonders begnateter Kuchenkünstler hat sogar einen Osterhasen geschaffen.

Zwiebeln in der Einflugschneise

11. September 2010

„Der Flug verzögert sich, weil der Flughafen Kabul nicht in der Lage ist, größere Passagierströme am frühen Morgen abzufertigen,“ lautete die Durchsage bei meinem jüngsten Flug nach Frankfurt. Das wundert mich nicht, denn der Sicherheitsparcours des Flughafens ist erratisch. Alle Passagiere müssen in der gleichen Schlange anstehen, um in den Flughafen hineinzukommen, zwischendrin an den Schaltern trennt es sich, aber in der Schlange für Pass- und Sicherheitskontrollen trifft man sich wieder. Bereits vor Betreten des Flughafengeländes muss man durch die ersten Sicherheitskontrollen. Für Frauen heißt das, dass sie durch ein kleines dunkles Kämmerlein geschleust werden, in dem drei Damen vor einem Fernseher sitzen. Je nachdem, an welchem Punkt des Bollywood-Dramas man gerade stört, wird man durchsucht oder auch nicht, und wenn man versehentlich den Blick aufs Geschehen versperrt, ist man mit einem unwirschen Wedeln der Kontrolleurinnen verabschiedet.

Am nationalen Flughafen in Bamiyan sieht das Ganze noch entspannter aus. Nachmittags auf dem Nachhauseweg toben Schüler über das Flugfeld. Die wenigen Passagiere warten in einem kleinen Open-Air-Café, das die Wartehalle ersetzt. „Wo ist denn hier die Toilette?“ frage ich, denn in Kenntnis der Kabuler Verhältnisse bin ich Stunden zu früh gekommen. Allgemeines Kopfschütteln: „Gibts nicht.“ Ich lege eine gewisse Dringlichkeit in meinen Blick, und man hat Erbarmen: „Geh mal drüben zur Verwaltung.“

In dem kleinen Gebäude sehe ich viele Schuhe auf dem Flur, aber es ist seltsam ruhig. Durch die offenen Bürotüren sehe ich, warum: Die Angestellten liegen auf Sofas und Matten auf dem Boden – und schlafen. Nur einer macht sich gerade gemächlich auf dem Weg nach draußen, um in der Mittagshitze die Zwiebeln im Gemüsebeet neben der Rollbahn zu gießen.

Drachen und andere Wunder

22. August 2010
Der gespaltene Drachen

Der gespaltene Drachen

Wunder sind ein großes Thema auf der Reise nach Zentralafghanistan. Wir haben bereits das Drachenwunder bestaunt: einen versteinerten Drachen, der von Nase bis Schwanzspitze gespalten ist, aber aus dessen Auge immer noch Wasser rinnt. Der Sage nach hat Imam Ali das Ungeheuer mit einem Schwerthieb zur Strecke gebracht. Das gleiche Schicksal hat noch fünf weitere ihrer Art in Afghanistan hingerafft. Mr. M. hält nichts von solchen Legenden. Er hat eine wissenschaftliche Erklärung für diese Steinformation. Da er schon mal dabei ist, räumt auch gleich mit dem Mythos, dass Imam Ali die Dämme zwischen den sieben Seen geschaffen hat, auf. Hier behauptet der Volksmund, Ali habe unter Einsatz verschiedener Mittel die große Wasserflut eingedämmt. Mein Favorit ist der „Band-e Panir“, der Damm, der durch den gezielten Wurf eines Käses entstanden sein soll. „Nein, nein, das sind nur die Mineralien. Wenn man ein Loch in die Dämme machen würde, würde sich das von selbst wieder zusetzen,“ wiegelt Mr. M. ab.

An einem der Seen ist ein Schrein, bei dem man sich auch selbst ein Wunder bescheren können soll. Wer einen Wunsch hat, kommt mit einem Vorhängeschloss zu diesem Schrein und befestigt es dort. Andere können ausprobieren, ob sie ein Schloss lösen können. Das, so heißt es, funktioniert nur, wenn man daran glaubt und einen Herzenswunsch in sich bewegt, während man sich an den Schlössern zu schaffen macht. Bei mir funktioniert es nicht, aber Mr. M. gelingt es, gleich sieben Schlösser zu lösen. Überzeugt ist er dennoch nicht.

„Ich zeig dir ein Wunder,“ sagt er, und hebt kleine Steine auf. Besser als jeder andere lässt er die Steine über das Wasser springen, und das, obwohl er sich noch nicht einmal auf die besonders flachen konzentriert. Dann greift Saheb I. zu meinem Entsetzen einen faustgroßen Stein und schleudert ihn mit Wucht in Richtung eines am Ufer Schlummernden. Der Stein trifft das Hemd, das über dem Schlafenden in den Sträuchern hängt, so dass es auf ihn herabfällt. Er räkelt sich, dreht sich um und schläft weiter. Wir huschen rasch davon.

Kaum sind wir außer Sichtweite, brechen alle in Gelächter aus. Während ich mir noch ausmale, wie das hätte daneben gehen können, wirft Saheb I. sich in die Brust: „Das beweist, dass es Wunder gibt: Wer nach Band-e Amir reist, wird nicht von einem Stein getroffen,“ stichelt er in Richtung Mr. M. Der wiederum sagt, jetzt sähe er das auch ein: „Eigentlich wollte der Gute im Schatten ruhen, aber die Sonne ist gewandert. In der Hitze war er unruhig und hat sich gewünscht, dass ihn jemand zudeckt … und das Wunder ist geschehen!“

Ausflug nach Dara-i Nur

8. August 2010

Die Mädchen starren mich an. Ich lächle und frage, wie es ihnen geht. Große Augen, keine Worte. Ich versuche es noch einmal anders. Sie trippeln einige Schritte zurück. „Habt ihr etwa Angst vor mir?“ Das kleine Mädchen, das ich angesprochen habe, schnappt nach Luft, und jedes versucht, sich hinter den jeweils anderen zu verstecken. Als wir um die Ecke biegen, haben sich zwischen den Steinen ein paar kleine Jungen versteckt. Einer reicht mir die Hand. Es scheint eine Art Mutprobe zu sein, so ernst, wie er mich anschaut. Hinter meinem Rücken brechen seine Freunde in unbändiges Kichern aus.

An einem Hang bittet unser Bekannter uns Platz zu nehmen. Rasch kommen auch seine Brüder und andere männliche Dorfbewohner hinzu. Im Schatten eines Baumes sitzt der alte Vater unseres Bekannten mit einem kleinen Enkel auf dem Arm. Ein paar Schritte weiter malmt gleichmütig eine Ziege. C hebt an, unseren Bekannten etwas zu erklären. Es ist, wie eine Dorfuniversität: Von allen Seiten strecken Leute den Kopf hinter den Bäumen hervor, um einen Blick aufs Geschehen zu erhaschen oder mitzuhören. Wenn die Kinder zu vorwitzig über den Hügelkamm schielen, scheucht einer der Erwachsenen sie weg.

Der Alte und die Ziege teilen sich nun die Baumwurzel, auf der er vorher schon gesessen hat. Eine Weile lauschen alle gebannt der Diskussion. Dann wird es dem Alten doch zu bunt mit der Ziege, die sich immer breiter macht. Er schimpft mit ihr und haut sie, dass es nur so staubt.

Wie ein Fisch mit Fahrrad

23. Juli 2010

Männer hängen aus den Autofenstern, ein Fahrer landet fast im Graben, weil er einem abrupt stehengebliebenen Minibus ausweichen will. „Husch, husch, fahrt weiter,“ fauche ich die johlenden Herren an und wedele ungeduldig mit der Hand. Ein alter Mann, der im Eingang eines Ladens auf der Türschwelle sitzt, nimmt sein weißes Hütchen ab und reibt sich die Augen, „Khobesh nest, khobesh nest,“  murmelt er: „Das ist nicht gut.“

Ich bin mit dem Fahrrad eine Gefahr für den Straßenverkehr, und das, obwohl ich es nur schiebe. Hinter mir höre ich eine Traube kleiner Jungs über die Ausländerin mit dem Fahrrad beratschlagen: „Guck mal, die Pedale ist kaputt.“ Treuherzig schiebt sich einer neben mich. „Komm, da vorne kannst du es heil machen lassen,“ sagt er. Der Fahrradladenbesitzer nickt bedächtig. „60 Afs kostet eine neue. Oder willst du eine gebrauchte?“ Verstaubt im Schafenster ruht genau eine gebrauchte Pedale. „Sie ist sehr schön,“ wirbt der Verkäufer, „und rot, die gibt es nicht oft.“ Ich entscheide mich trotzdem für die neue.

Während er das Fahrrad in den Laden wuchtet, stößt er sich das Kinn am Sattel. Er ist etwa so groß wie ich. „Der Sattel ist doch viel zu hoch! Das mach ich auch gleich,“ bietet er an. Ich lache, nein, das sei das Fahrrad meines Mannes. Verschmitzt weist er auf das Kinderfahrrad, das auch dort steht: „Willst du das  haben?“ – „Das ist ja ganz neu,“ sage ich bewundernd, „sehr schön!“ Der Junge, dem es augenscheinlich gehört, bekommt große Augen: „Aber das ist doch meins!“ sagt er erschrocken. Ich genieße seinen Schreck für einen Moment, aber schüttele dann den Kopf. „Beshaak!“ sage ich, was wörtlich „ohne Zweifel“ heißt. Wenn jemand etwas neu hat, so habe ich neulich gelernt, sollte man immer das sagen, oder „Glückwunsch“. Tut man das nicht, entstehe der Eindruck, man sei neidisch.“Im Ausland fahren die Frauen Fahrrad,“ erklärt ihm der Ladeninhaber, „aber die Menschen in Afghanistan …“ bedauernd zuckt er die Schultern.

Als ich herauskomme, drängt sich die Belegschaft der gegenüberliegenden Metzgerei zwischen den auf den Bürgersteig herabhängenden Tierkadavern: „He! Woher hast du das? Ist das ein Geschenk für mich?“ fragt einer, der sich besonders cool findet. Ich deute auf die tote Kuh, an der er sich festhält. „Krieg ich dann die als Geschenk?“ – „Nein,“ wiehert er. „Was kriege ich dann?“ – „Looooove.“ Ich schiebe weiter und rufe ihm über die Schulter zu: „Das Fahrrad ist besser.“

Stau aus Starrsinn

8. Juni 2010

Plötzlich stecken wir im Stau. Uns kommen auch keine anderen Autos entgegen. Das mag aber daran liegen, dass wir mittlerweile die gesamte Straßenbreite und die beiden Straßenränder blockieren. Stockender Verkehr gilt afghanischen Autofahrern nicht als Hindernis sondern als Herausforderung. Jeder versucht, vielleicht doch noch einen Weg vorbei zu finden. Irgendwo weit vorne stehen unseren vier Stauspuren garantiert vier Spuren von der Gegenseite gegenüber, und aus lauter Starrsinn macht keiner Platz.

Feinstaupartikel

Feinstaupartikel

Ich hätte nicht diesen Witz über eine mögliche fünfte Spur machen sollen: „Kein Problem,“ sagt unser wunderbarer Fahrer Hamidullah und fährt rechts außen vorbei, damit wir einige Meter weiter vorne feststecken. Im Nachbarauto steht ein kleiner Junge auf dem Schoß seiner Mutter und schaut aus dem Fenster. „Wohin des Wegs?“ fragt Hamidullah. „Nach Kabul! Keks kaufen!“ C lacht, dass das Auto nur so bebt: „Sehr guter Grund! Aber auch nur einen Keks. Für den zweiten fährt man dann nach Karadschi.“

Es geht voran, und wir kommen zurück auf die Fahrbahn, genau dort, wo ein Polizist steht. Er herrscht den Fahrer an: „Fahr gefälligst da, wo die Straße kaputt ist!“ und deutet auf den Randstreifen.

Der lange Weg zum Auto

19. Mai 2010

Eine Odyssee ist zu Ende gegangen: Endlich haben wir ein neues Auto fürs Büro.  Auch wir sind jetzt Teil der großen afghanischen Toyota-Gemeinschaft. Wir haben lange überlegt, ob wir nicht am besten – weil unauffälligsten – weiter in den ständig wechselnden Corollas unseres Fahrers aufgehoben sind. Bei den heftigen Regenfällen in den vergangenen Wochen haben wir jedoch einige davon in Schlammlöchern versinken sehen und daraufhin endgültig Abschied von dieser Idee genommen.

Ich finde es abenteuerlich, in Stadtteilen herumzuschauen, die ein einziger Gebrauchtwagenmarkt zu sein scheinen. Gerade an einer Ecke, die ziemlich nett, bunt und belebt aussieht, erklärt mir ein Kollege: „Hier sind früher immer Geiseln gegen Lösegeld ausgetauscht worden, weil es so schön unübersichtlich ist.“ Es sorgt für Verwunderung, dass ich mir Autos ansehen will. Kennt man eines, kennt man alle, lautet hier die Devise. Es geht nach Baujahr und Zylindern – alles weitere lasse sich doch sowieso nicht wirklich herausfinden. Viele der Wagen haben Nummernschilder aus den USA, aus Kanada oder Europa: „Alles Unfallwagen,“ erklärt mir Mr. A. „Man weiß nie so genau, was man da eigentlich kauft, sondern kann nur hoffen, dass es nichts Großes war.“

Um die Preise nicht zu verderben, bleibe ich der weiteren Suche fern. Gleichzeitig muss ich natürlich letztlich über Preis und Auto entscheiden. So werden uns einige Wagen vor der Nase weggeschnappt, bis das Team mit diesem Auto vorfährt. In Deutschland ist das Klischee, dass Frauen auf die Frage, was sie für ein Auto haben, die Farbe nennen. Hier bin ich es, die sich nach Kilometerstand und Motor erkundigt, während die Herren bewundernd die riesige Lautsprecheranlage streicheln, die den halben Kofferraum einnimmt. Ich grinse: „Wie, Lautsprecher, aber keine von diesen sich selbst ausfaltenden DVD-Anlagen?“ spotte ich. „Nein,“ sagt der Fahrer und deutet auf die Konsole, „Touchscreen.“ Jetzt schauen wir jeden Morgen auf der Fahrt ins Büro BBC-Nachrichten. Zumindest, wenn nicht der Störfunk vorbeifahrender Militärkonvois unseren Fernsehempfang lahmlegt.

Selektives Grüßen

15. Mai 2010

Endlich, nach Monaten, haben wir es geschafft, ein neues Auto fürs Büro zu kaufen.Wir müssen es natürlich gleich ausprobieren und mit drei meiner afghanischen Mitarbeiter fahre ich zum schönsten Park Kabuls, Babur’s Garden. Dort läuft gerade eine Ausstellung, in der Afghanistanbilder 1830 bis 1920 gezeigt werden. Der Mitarbeiter aus dem Süden des Landes amüsiert sich über die Darstellungen von Kandahar: „Siehst du das hier? Zitadelle, Grabmal, Markt … das gibt es alles, aber die Anordnung stimmt nicht. Auch bei den Bergen ist die Phantasie ganz schön mit den Malern durchgegangen. Und erkennst du das Grabmal?“ – „Wie sollte ich, du weißt doch, dass ich noch nie in Kandahar war.“ – „Trotzdem hast du es oft gesehen,“ sagt Mr. A. und zückt einen 1000-Afghani-Schein. Von den Euro-Scheinen war ich so gewohnt, dass keine konkreten Bauwerke darauf sind, dass ich dem keine Beachtung geschenkt hatte. Auf dem 500er ist die Zitadelle von Herat, und auf dem 100er ein Bogen aus Lashar Gah. „Kann zwar niemand mehr besuchen, aber so sieht es wenigstens der Rest des Landes.“

Einer der Kollegen empört sich über die allgegenwärtigen Turbane auf den Bildern der Ausstellung: „Wenn ich das schon sehe! Alle, die mein Land ins Unglück gestürzt haben, tragen Turbane.“ Bei den Fotos deute ich auf die Fellhut-Träger zwischen den Turbanen: „Wenn du wählen müsstest, sind die besser?“ – „Noch schlimmer! Für diese Hüte sind auch noch Tiere gestorben!“

Wir streifen über die wunderschön mit Rosen, Orchideen und Obstbäumen bepflanzten Hänge des Parks. Unten gibt es einige Tee-, Saft- und Imbissstände. „Du bist schon anderthalb Jahre hier und hast nie die Spezialität von Kichererbsen und Kartoffeln in Essig probiert? Dann wird es aber Zeit! Aber vielleicht solltest du tatsächlich nur kosten, die hygienischen Verhältnisse … unsere Mägen machen ja alles mit, aber wir wollen nicht, dass es dir danach schlecht geht.“ Ich wickle mich fester in mein Tuch. „Fühlst du dich wohl?“ fragen meine Mitarbeiter. Ich zucke die Schultern und sage, es sei schon in Ordnung. Alleine würde ich hier nicht so herumlaufen, aber in Begleitung von drei männlichen Afghanen spüre ich zwar die Blicke der anderen, werde aber nicht angesprochen.

„Hast du eben ‚Salam‘ zu den Schuljungen gesagt?“ fragt Mr. A. Ich verneine. „Noch schlimmer, dann war ich das.“ sagt er. „Wieso,“ erkundige ich mich, „haben sie sich nicht gut benommen?“- „Doch, sie schon. Aber der Saftverkäufer hat es gehört, und er hat gemeckertt ‚Salam, was denn bitte schön für ein Salam, wir sind Muslime und das da sind Ungläubige!'“ Wir beugen uns vor, um den betreffenden Verkäufer in Augenschein zu nehmen. Nach einer Weile, in der wir stumm unsere Kichererbsen löffeln, knurrt Mr. A., sonst die Ruhe in Person: „Ich gehe gleich mal rüber und frage ‚Hallo  H E R R  M O S L E M, wie geht es ihnen?“