Archive for the ‘Verwandtschaft’ Category

Zur Feier ein vegetarisches Huhn

10. November 2009

Das Team ist verstimmt. „Noch nicht einmal Süßigkeiten hat er mitgebracht!“ höre ich die Grazie sagen. Es geht um den Chefwächter, dessen Tochter letzte Woche geheiratet hat. Ich bin erstaunt, denn davon wusste ich gar nichts. „Genau! Er schweigt es tot! Undnichts zu essen für uns.“ Ich frage sie, ob er sich das vielleicht nicht mehr habe leisten können, so teuer wie Hochzeiten hier sind. Einhellig schütteln alle den Kopf. Der Finanzmanager erklärt es mir: „Wenn Töchter heiraten, hat man nicht das Gefühl, dass es ein Gewinn für die Familie ist. Man ‚gibt die Tochter weg‘.“

Bild043Die Grazie fügt hinzu, außerdem sei es eine Frage der Ehre. Man spreche nicht über Frauen. Wenn es unbedingt sein müsse, dann erwähne man sie zwar, aber nicht mit ihrem Namen. Spitz bemerkt ein Kollege, darüber habe er schon mal mit den anderen gesprochen. Er hätte ihnen gesagt, man kenne doch auch die Namen aller Frauen und die der weiblichen Verwandten von Mohammad, warum also nicht die ihrer Frauen, Schwester oder Töchter? Sie hätten das zwar irgendwie eingesehen, aber trotzdem sei es ihnen unheimlich.
Manchmal sogar die Verwandschaftsbeziehung als solche: „Als neulich der Vertreter der Druckerei hier im Büro war, hat er uns erzählt, in seinem Haus gebe es eine Hochzeit – die der ‚Schwester seines Bruders‘. Er hat sich nicht mal getraut, sie als seine eigene Schwester zu bezeichnen.“

Bild044Die Aufmerksamkeit schwenkt zu weiteren Gelegenheiten, zu denen man seinen Kollegen etwas mitbringen sollte. Ich stelle fest, dass mein Team den Tag des Mauerfalls sehr gut im Kopf hat und als Anlass zum Feiern betrachtet … außerdem, dass wir jetzt in unserem Haus wohnen bleiben könnten, obwohl der Vermieter uns rauswerfen wollte … Wie ich einsehe, gibt es genug Gelegenheiten – und eine expandierende Zuckerbäckerzunft und -kunst! In der Konditorei können wir uns nicht entscheiden, ob wir einen rosafarbenen Kuchen mit einem weißen Hund (mit Knochen!) nehmen sollen, oder doch das Modell, auf dem Sahnenentchen mit Schlapphüten und dunklen Brillen schwimmen.

Zurück im Büro erwähnt ein Mitarbeiter, an seinem früheren Arbeitsplatz sei sogar mal ein Schaf gestiftet worden. „Klar, ein Schaf, warum nicht. Ich könnte nächstes Mal eine Schar Hühner mitbringen,“ schlage ich vor. Allgemeine Empörung: „Hühner? Wir sind doch keine Vegetarier!“

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Familienbande

11. Mai 2009

Während wir im Auto auf eine Kollegin warten, zieht der Fahrer aus den Tiefen seines Umhangs einen Umschlag und reicht ihn mir. Darin seien die Unterlagen eines Freundes, der nach Deutschland wolle, ob ich ihnen helfen könnte. Sie hätten zwar alle Papiere zusammen, könnten aber das Formular der Botschaft nicht ausfüllen, weil keiner von beiden des Lesens und Schreibens mächtig sei. 

Am Nachmittag finde ich Fahrer, Freund und Finanzmanager bereits in die Papiere vertieft. Sie tackern gerade zu dritt und mit gerunzelten Stirnen irgendetwas zusammen. Einer von ihnen dreht sich um und schwenkt voll Stolz das mittlerweile illuster aussehende Dokument: Man solle die Namen seiner Kinder angeben und deren Ausweiskopien und Fotos dazuheften, und obwohl der Platz nur für drei oder vier vorgesehen gewesen wäre, hätten sie es geschafft, acht daraufzuquetschen … nur was mache er mit den letzten beiden, die passten beim besten Willen nicht mehr. In der Tat, drei links, drei rechts, und oben und unten je ein Foto … Ich sage, man würde es ihm bestimmt nicht übelnehmen, wenn er noch ein Extrablatt anfüge. 

Zufrieden betrachten sie ihr Werk, und während ich einen letzten Blick darüber werfe, lehnt sich der Fahrer voller Genugtuung zurück, zehn Kinder sei ja schon ganz gut, aber an ihn reiche das nicht heran, er habe nämlich vierzehn. Leider sei der jüngste gerade im Krankenhaus. Ich schaue betroffen, aber der Fahrer lacht schon wieder: Als er und seine Frau den Jungen ins Krankenhaus gebracht hätten, hätten sie beide unterschiedliche Namen angegeben. Der Arzt habe gesagt, er habe den Namen nicht richtig verstanden, und das Rezept schließlich ohne ausgefüllt.

Meine Mitarbeiterin rollt mit den Augen und zischt, ich solle den Fahrer mal fragen, wie viele seiner Kinder Söhne und wie viele Töchter seien, das wisse er garantiert nicht. Nach einigem Zählen und Rechnen kommt der Fahrer zu dem Schluss, es müssten neun Söhne und fünf Töchter sein. Natürlich hätte seine Frau bei dem Namen recht gehabt, es verliere da leicht den Überblick, welcher Sohn welcher sei.

Schwiegermutterwitze in Afghanistan

14. April 2009

Es ist ein Mythos, dass Afghanistan nie erobert wurde. Es muss völlig unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit eine Invasion bayerischer Balkone gegeben haben, die danach zwar wieder verschwunden sind, aber die Geranien haben sie dagelassen. Legionen von ihnen bevölkern die Blumentöpfe, herrschen über kleine Gärten wie große Parks, dominiern die Stadt, und würden bei der Sonntagsfrage wahrscheinlich besser abschneiden als Karzai. Auch in unserem Gewächshaus blüht es schon pink, rot und rosa-weiß, und zahllose neue Ableger wachsen in Plastikbechern heran.

Zwischen all den Töpfen erblicke ich einen Kaktus und trage zum interkulturellen Austausch bei: „Wir nennen soetwas ‚Schwiegermuttersitz‘,“ verkünde ich dem Team. Selten habe ich einen solchen Lacherfolg erzielt, sie können sich gar nicht wieder einkriegen. Das zeige, dass die unbeliebte Schwiegermutter ein globales Problem sei, befinden sie, und  die Geschichten über eben solche und andere rüpelhafte Verwandte sprudeln nur so hervor. Oft zieht hier die Frau ins Haus der Familie ihres Mannes, so dass die Schwiegermutter, geradezu im Heimspiel, alles besser als die Schwiegertochter weiß. Andere, weiter von beiden Eltern entfernt lebende wissen von den Schrecken monatelang währender Besuche zu berichten, und im großen und ganzen schneiden die verzogenen Nichten und Neffen schlechter ab als Schwiegermütter. „Ich habe so ähnliche Stühle wie diese, mit handgeschnitzten Rückenlehnen. Ich wußte nie, dass jede Strebe aus zwei Teilen besteht, bis meine Schwägerin und ihre Kinder zu Besuch kamen,“ berichtet eine der Grazien.

Wenig später unterhalten wir uns über einige offizielle Gäste, die uns gegenüber nicht sehr nett aufgetreten sind, die aber in den nächsten Tagen zum Essen kommen. Soll es Vegetarisches geben, oder essen sie auch Fleisch? Sollen sie im großen oder im kleinen Esszimmer speisen, und bringen sie eventuell noch weitere Gäste mit? Dann plötzlich die sanftmütigste aller: „Was meinst du, sollten wir die Stühle mit Schwiegermuttersitzen ausstatten?“