Das Geld liegt (irgendwie) auf der Bank

28. Juli 2011

Das Afghanistan keine „zweite Schweiz“ wird, ist einer der meiststrapazierten Allgemeinplätze. Ob Afghanen politisch davon träumen, dass ihr Land schweizischer werden möge, weiß ich nicht. Wenn man sich anschaut, gegen wieviel Widerstand das Frauenwahlrecht dort durchgesetzt wurde – im Kanton  Appenzell 1990 -,   mag konservativen hiesigen Kräften die Annäherung durchaus attraktiv erscheinen. Auch im Bankensektor hätte man sicherlich nichts dagegen, denn gerade um Stabilität und Bankgeheimnis ist es hier nicht gut bestellt.

Wenn man in die Hauptfiliale der AIB tritt, blickt man gleichzeitig in eine offene Tiefgarage und auf die Bankschalter ein halbes Stockwerk darüber. Am Schalter verweist mich die Angestellte an dem Kundenservice: „Wenn Sie drei Monate lang keine Bewegungen auf ihrem Konto vornehmen, wird es automatisch gesperrt.“

Ich muss schriftlich versichern, außer Landes gewesen zu sein, so dass ich nicht auf mein Konto zugreifen konnte. Der Zuständige verschwindet mit diesem Schreiben und kommt mit einigen anderen Dokumenten für seine Schublade zurück. „Es ist jetzt wieder entsperrt, aber Sie müssen innerhalb der nächsten Stunde eine Transaktion vornehmen.“ Ich erkundige mich, wieviel auf dem Konto stehen bleiben muss, damit es nicht geschlossen wird. 100 Dollar, heißt es. „Aber es ist schöner, wenn Sie eine runde Summe abheben, also lassen sie halt 90 Dollar stehen.“

Die Grazie schüttelt ob dieser Willkür den Kopf aber meint, immerhin hätte ich mein Konto nicht bei der Kabul Bank oder der Azimi-Bank. „Die bricht bestimmt als nächste zusammen. Als ich neulich dort war, um mein Konto zu schließen, wollten sie es gar nicht zulassen. Erst haben sie insistiert, dass sie unbedingt wissen müssen, weswegen. Das ging sie gar nichts an! Als ich mich damit durchgesetzt habe, haben sie meine Bankkarte und meinen Ausweis gedreht und gewendet und hinterfragt, ob ich das wirklich bin.“ Die Geldinstitute hätten insgesamt stark an Ansehen verloren. „Neulich haben sie zwei Männer im Fernsehen gezeigt, die mal als Putzkolonne in der einen gearbeitet haben. Daher hatte die Bank ihre Daten und hat auf ihren Namen Konten eingerichtet, über die dann krumme Geschäfte gelaufen sind!“

Advertisements

Bewaffnete Unbekannte

26. Juli 2011

Während man sich – insbesondere als afghanische Frau – bei der Arbeit , am Telefon und auf der Straße allerhand anhören muss, kann der Umgang auch von ausgemachter Höflichkeit sein. Wenn man zum Beispiel nach Wünschen oder Präferenzen fragt, versucht das Gegenüber oft zu erraten, was man gerne hören möchte. „As you wish,“ ist die Antwort, die ich am häufigsten in meinem Büro zu hören bekomme, und bei der Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten bemühen sich die Kollegen stets um eine ausgewogene Darstellung von Vor- und Nachteilen. Das ist galant, doch oft bin ich hinterher so schlau wie zuvor.

Ein ausgeprägtes Problem ist das bei Umfragen. Es ist unüblich, viele Fragen zu stellen, und lange, detaillierte Fragebögen, sorgen schnell für Verwirrung. Mein Lieblingsbeispiel stammt aus einer Umfrage zur Sicherheitslage. Hier sollten die Teilnehmer einstufen, ob bestimmte Gegebenheiten auf der Straße a) ihnen Unbehagen bereiten, sie b) kalt lassen oder  c) ihnen Vertrauen einflößen. Es folgte eine lange Liste, bei der überwiegend Dinge zum Fürchten angegeben waren, mit dem Erfolg, dass in einer der letzten Zeilen erstaunliche 7% angaben, dass es ihnen ein Gefühl der Sicherheit verschaffe, wenn ihnen auf der Straße „unbekannte Bewaffnete“ entgegenkommen.

Dennoch wollen diejenigen, die derlei Fragebögen entwerfen, sich normalerweise nicht reinreden lassen. Als ich ausgerechnet diese Frage in einem Fragebogen unserer Partnerorganisation wieder auftauchen sehe, frage ich mein Team, wie man Überzeugungsarbeit leisten kann. Sie schauen resigniert. Gegen solchen Starrsinn komme man nicht an. Unvermittelt brechen alle in Gelächter aus. „Auf Dari sagen wir in einem solchen Fall ’sein Huhn hat nur ein Bein‘. Weil Hühner oft nur auf einem Bein stehen, spotten wir über Rechthaber, dass sie behaupten, bei ihnen sähe es nicht nur so aus, sondern ihr Huhn habe tatsächlich nur eins.“

Ins Reich der Phantasie

25. Juli 2011

Mr. M. unterhält eine kleine Privatschule in Kabul. Für diese haben meine Eltern und andere Leute aus meinem Heimatort kistenweise Papier, Farben und andere Mal- und Zeichenutensilien gestiftet, so dass Mr. M. mir gelegentlich Bilder mitbringt, die die Schüler gemalt haben. Diesmal ist auffällig, wie sehr sich die Motive verändert haben. Waren es vorher meist Häuser, Blumen und Vögel, so kommen jetzt exotische Tiere, abstrakte Gegenstände oder ganze Szenen vor.

„Was ist das?“ frage ich bei einem Pferd, bei dem ich auf den ersten Blick annehme, es grase hinter einem Stein. „Das ist Husseins Pferd, das nach der Schlacht von Kerbela alleine und verwundet zurückgekehrt ist, und diejenigen drumrum sind die trauernde Familie und Anhänger,“ erklärt Mr. M.

Auf einem anderen Bild jagt ein Leopard ein schweinsohriges Kaninchen. Ein Schüler hat eine schöne Landschaft gezeichnet und koloriert, allerdings war er im Nachhinein augenscheinlich unzufrieden, dass er einiges vergessen hatte, denn schriftlich hat er noch den Fluss und einige andere Dinge nachgetragen. 

„Wie kommt es, dass diese Bilder so anders sind?“ frage ich. „Unser irischer Wohltäter hat eine Bibliothek gespendet, und viele der Bilder sind durch die Bücher inspiriert,“ erklärt Mr. M. – „Welches sind die beliebtesten?“ frage ich. Mr. M. zeigt mir Fotos von einigen Exemplaren: „Unter den älteren Schülern sind Erklärbücher begehrt, besonders zu Physik oder Tierwelt. Die jüngeren sind ganz verrückt nach Geschichtenbüchern.“

Das finde ich interessant, denn viele afghanische Erwachsenene, mit denen ich über Bücher rede, können mit „erfundenen Geschichten“ nicht viel anfangen. Das macht Rollenspiele schwierig, weil das gedankliche Hineinversetzen in eine andere Person ungewohnt ist.  „Eher Klassiker oder moderne Autoren?“ frage ich weiter. Alle sind sich einig, dass die Klassiker beliebter sind. „Die meisten sind in Gedichtform abgefasst, und die Kinder lieben es, wenn es sich reimt!“ Die afghanische Leidenschaft für Poesie ist legendär. So heißt es über Herat, in früheren Zeiten haben man dort nicht einen Fuß ausstrecken können, ohne dabei einen Dichter zu treten.

„Gibt es einen traditionellen Beginn einer Geschichte, so was wie ‚es war einmal‘?“ Im Chor zitiert das Team „Bud nabud, sere charkhe kabud … – ‚es war und war nicht, unter dem bunten Regenbogen …“ Statt mit allen Mitteln die Authentizität eines Märchens zu beschwören, verweist man sie auf Dari elegant von Anfang an ins Reich der Phantasie, an einen imaginären Ort.

Die andere Geschichte

24. Juli 2011

Besucher sind immer eine Bereicherung für unser Büro. Sie bringen Geschichten aus anderen Landesteilen oder von außen mit, und es ist interessant, mit welchen Vorstellungen und Fragen sie kommen. Ein Freund erzählte vom Besuch einiger Abgeordneter in Feyzabad. Was das denn dort drüben für Ruinen seien, fragte man ihn. „Ich wusste gar nicht, was sie meinen und habe noch mal nachgefragt, welche Ruinen denn. Sie haben beharrlich weiter auf das Nachbardorf gezeigt und wollten nicht glauben, dass es bewohnt ist.“

In heiterer Erinnerung des gesamten Büros lebt die deutsche Journalistin fort, die mich auf der Suche nach der Sensation im Verschwörerton fragte, wie es denn so sei, wenn ich am Wochenende „in den Dörfern abhängen“ und mit vorbeikommenden Taliban plauschen würde. Wenig später sprach sie meinen damaligen Chef auf die Veränderungen im Expat-Leben in Kabul an. „Wissen sie, da gab es früher immer diese ‚Wet and Wild‘-Parties,“ erfand er. Sie bekam große Augen und wollte Details wissen, doch – „der Gentleman genießt und schweigt.“ Leider haben wir die entsprechende Geschichte nie in einer Zeitung wiedergefunden.

Auch bei Auslandsafghanen ist das Bild durchwachsen – einige setzen sich intensiv mit den Veränderungen im Lande auseinander. Andere verharren in dem, was sie aus der Zeit vor ihrer Emigration kennen, und gerade unter ihnen versuchen viele uns zu belehren, wie die Afghanen sind und was die Afghanen wollen, selbst wenn seit ihrem letzten Besuch eine lange Zeit vergangen ist. Was mir  als Ausländerin gegenüber noch angehen mag, stößt bei meinem afghanischen Team verständlicherweise auf Befremden.

„Unsere letzte Besucherin hat mir vorgeschwärmt, dass die Menschen in den letzten Jahrzehnten so viel besser geworden sind,“ erzählt die Grazie über eine Frau, die das erste Mal seit zwanzig Jahren für ein paar Tage in Afghanistan ist. „Damals hätten sie auf dem Basar viele Männer angesprochen und versucht sie anzufassen. Das passiere jetzt überhaupt nicht mehr.“ Sie schaut kurz nachdenklich: „Wie kann sie daraus schließen, dass die Menschen besser geworden sind? Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr in dem Viertel einkaufen wenn es sich vermeiden lässt, eben weil man dort immer so schlimm belästigt wird! Ob sie sich Gedanken darüber gemacht hat, dass es daran liegen mag, dass sie vor zwanzig Jahren noch eine andere Wirkung auf Männer hatte?“

Land und Laute

23. Juli 2011

Wir blättern in einem Stapel Bilder zur Illustration eines Handbuchs über Umwelt und  Umweltverschmutzung. Auf einem ist ein Gurkenkarren zu sehen. „Was ist mit dem Gemüse?“ frage ich. „Hier geht es um akustische Umweltverschmutzung,“ erklärt ein Kollege und zeigt auf das Megaphon, das auf dem Gurkenstapel liegt, „kennst du nicht dieses nervige Rufen, ‚fünfundzwanzig-fünfundzwanzig-fünfundzwanzig‘ …? Die Händler nehmen es auf und spielen es als Endlosband ab.“ Weitere Bilder von Eisverkäufern folgen. „Ich weiß nicht, ob es dir schon aufgefallen ist,“ versucht Tomski mich behutsam vorzubereiten, „aber die haben ihre Anlagen aufgestockt.“

In der Tat, aud dem vorher einstimmigen Für Elise oder Titanic, mit dem sie sich bemerkbar machen, ist bei manchen soetwas geworden wie Dolby Surround. Da unser Büro jetzt nicht mehr an einer Hauptstraße liegt, bekommen wir von beidem zum Glück nicht mehr viel mit. Die akustische Umweltverschmutzung sei allerdings kein neues Phänomen, meint C: „Als ich neulich in Hamburg unseren afghanischen Bekannten getroffen habe, meinte er, beim Schreiben seiner Uni-Abschlussarbeit vor einigen Jahrzehnten sei er so genervt von der Moschee in seiner Nachbarschaft gewesen, dass er mit dem Jagdgewehr die Lautsprecher heruntergeschossen habe.“ Er habe jedoch gleich eingeräumt, dass er sich das heute nicht mehr erlauben würde.

Während die Grazie noch preist, dass wir im neuen Büro entsprechenden Abstand vom Musikladen gewonnen hätten, dringen plötzlich Klänge aus dem Nachbarhaus herüber, diesmal in angenehmer Lautstärke und Welten entfernt von klapprigen Megaphonen und Lautsprechern. Ich fühle mich an meine norddeutsche Heimat erinnert, denn ganz eindeutig singt hier ein Chor „La Paloma“, allerdings auf Dari. Der auch heute noch beliebteste Sänger Afghanistans, Ahmad Zahir, hat es dereinst eingespielt. „Wisst ihr denn nicht, neben wem ihr jetzt wohnt?“ fragt ein Bekannter. „Wajiha probt dort gerade mit einer Gruppe von Leuten für ihre neue CD.“

___

Das Bild zeigt keine Lärmbelästigung sondern einen beliebten Hazara-Sänger.

Beim Barte des Proleten

18. Juli 2011

Mr. A. streicht sich erst mit der einen, dann mit der anderen Hand den nicht vorhandenen Bart glatt. „Schluss!“ bekundet er. „Und diese Geste benutzt man, um das zu unterstreichen?“ frage ich, während ich ihn imitiere. Generell schon, aber bei Frauen mache sich das nicht so gut, sagt er. „Ich habe das immer bei den Bettlern auf der Straße gesehen, wenn sie Geld wollen,“ wendet Tomski ein. „Damit wollen sie signalisieren, dass sie nach dem Essen für dich beten,“ erklärt Mr. A. und führt das ganze noch einmal vor, ergänzt durch die beim Gebet nach oben gerichteten Handflächen. Mr. M. grinst verschmitzt. „Das Streichen über den Bart,“ sagt er, „kommt von denjenigen, die nach dem Essen  keine Gelegenheit haben, sich die Hände zu waschen.“

Die schrägen Nummern

10. Juli 2011

Vielleicht gibt es in Afghanistan eine Art geheimes Zeitreservoir. Beim Vertagen und Verschieben tröpfelt die Zeit hinein, und wenn ein besonders komplexes Projekt ansteht, wird hier aus dem vollen geschöpft. Nur so lässt sich erklären, wie wir eine Woche nach der Kündigung in unserem alten Büro ein neues gefunden, gemietet und bezogen haben. Die meisten Räume sind schon renoviert und auch der riesige verwilderte Garten ist ansatzweise gewässert und in Form gebracht. Innerhalb eines Tages sind alle Möbel transportiert worden, und nun gräbt der Gärtner die im alten Garten gezogenen Blumen aus und transferiert sie Topf für Topf.

In weiter Ferne sehe ich ihn mit allen Wächtern und  dem Fahrer zwischen den Granatapfel- und Feigenbäumen. „Sie haben ein neues Prinzip Rasensprenger entwickelt,“ erklärt Mr. E. Ich bin gespannt, denn das letzte war schon ziemlich gut, nur bräuchte man für die jetzige Fläche wahrscheinlich deutlich mehr.

Ich frage die Köchin, wie ihr die neue Küche gefällt. „Wunderbar, sooo groß!“ sagt sie mit einer ausladenden Geste. Ich necke sie: „Du kannst ja geradezu darin tanzen,“ und deute einen kleinen Bauchtanzschwung an. „Atan,“ sagt sie trocken und imitiert, wie sie ihre Locken im traditionellen paschtunischen Männertanz herumwirbeln würde. Die Grazie deutet auf ihren Bildschirm: „Jemand fragt nach unserer neuen Adresse. Wissen wir unsere Hausnummer?“ Die anderen schauen sich an. „Wir haben vorhin gesehen, dass ein paar Häuser weiter die 236 ist und befürchten das Schlimmste.“ Das Schlimmste, so verstehe ich, wäre, wenn wir drei Häuser entfernt wohnten und damit Nummer 239 hätten, denn 39 gilt in Afghanistan als Nummer der Zuhälter. Wer ein solches Nummernschild hat, kann den Verkauf seines Autos vergessen. „Bei den Parlamentswahlen haben wir auch gleich geschaut, wer die 39 hat – das war Mullah Tarakhel,“ kichert einer der Mitarbeiter. „Und der arme Ingenieur, dem man die Kandidatennummer 420 zugeteilt hatte,“ fällt die Grazie ein. „420, das haben wir von den Indern übernommen, denn in deren Strafgesetzbuch bezieht sich Artikel 420 auf Betrug. Deshalb nennen wir einen Betrüger ‚Vierhundertzwanig‘.“  – „Wenn wir eine ungünstige Hausnummer haben,“ befindet Mr. A., „suchen wir uns einfach eine aus.“

Ein Land, in dem

7. Juli 2011
Betreten genug
Betreten genug

Ob bei Vortragsveranstaltungen oder bei Artikeln, stets gibt es im deutschen Publikum diejenigen, die mit Argusaugen darüber wachen, dass die Vortragenden klischeekonform bleiben. Schon vor Jahren hat ein kenianischer Schriftsteller einen wunderbaren Leitfaden zur Berichterstattung über Afrika aufgestellt, und einen ähnlichen könnte man sicherlich auch für Afghanistan herausgeben. Gerade in Deutschland dient Afghanistan als Projektionsfläche allen Elends. Einheimischen wie Ausländern wird daher verübelt, wenn sie sich anderen Themen als Trauer, Tod, Taliban und Terror widmen. Schon die zurückhaltende Beschreibung positiver Entwicklungen wird oft mit einem langzahnigen „Sie stellen das viel zu rosig dar“ kommentiert.

Das ist der Moment, in dem ich leuchtende Augen bekomme, denn mit größter Wahrscheinlichkeit kann ich sogleich einen Punkt in meinem persönlichen Bullshit-Bingo verzeichnen. Nahezu unausweichlich fällt nämlich nun „in einem Land, in dem“: In einem Land, in dem 30 Jahre Krieg geherrscht haben/es so viel Leid gibt/die Taliban grausam geherrscht haben, darf man sich auch heute nur zu Angelegenheiten von Leben und Tod äußern. Den Menschen einen Alltag, ein Leben nach ihren Interessen oder Wünschen zuzugestehen, würde zu weit führen. Schließlich ist in einem Land, in dem ein Großteil der Menschen unter der Armutsgrenze lebt, alles, was über die Befriedigung von Grundbedürfnissen hinausgeht, ein misstrauisch zu beäugender Luxus.

Richtige Kleidung, unzulässig fröhlich und  ausweislich Dose schon fest in den Fängen westlichen Konsumterrors
Richtige Kleidung, unzulässig fröhlich und
ausweislich Dose schon fest in den Fängen
westlichen Konsumterrors

In einem Land, in dem die Kindersterblichkeit zu den höchsten der Welt zählt, kommt es bei einem deutschen Publikum nicht gut an, Fotos von fröhlicher Schulklassen zu zeigen, die sich nach Schulschluss um die in Kabul allgegenwärtigen Popcornstände und Eiswagen drängen. Ein aufblasbarer rosafarbener Teletubby-Sessel für den kleinen Sohn eines großen Pashtunen? „Schlimm, dieser Konsumzwang, der mit der Besetzung einhergeht.“ In einem Land, in dem man sich auf würdige Bärtige, zerfurchte Gesichter, Turbane und Frauen in Burka eingeschworen hat, sollten die Einheimischen sich nicht erdreisten, etwas anderes tragen zu wollen. Die wenigen unter den Berufs-Betroffenen, die es nach Afghanistan schaffen, lassen sich daher gerne einen Fusselbart stehen und tragen Pakhol.

Diejenigen, die es nicht hierher schaffen, finden, Ausländer in Afghanistan sollten lieber die lokale Kebab-Bude besuchen als in künstliche Ausländer-Restaurants zu gehen, und wenn doch, bitte keine Ansprüche stellen. So mault ein Leser, in einem Land, in dem täglich Menschen getötet werden, sei ein Blog über Spargelsuppe und Handtuchprobleme unangemessen. Die Fährfrau übersetzt diese Haltung brillant: “Da sterben jeden Tag Menschen, von denen mich nicht interessiert, wie sie leben, wenn sie gerade nicht sterben.“ Augenscheinlich plant der betreffende Betroffene, auch künftig in meinen Verfehlungen zu schwelgen, denn er ist sogleich unter die Abonnenten gegangen.

Mein Team gerät darüber ins Kichern, und nimmt „in einem Land, in dem“ in den allgemeinen Zitatenschatz auf. „Wartet nur, bis ihr ins Visier solcher Leute rückt,“ sage ich. „Dann dürft ihr bei eurem nächsten Berlin-Besuch auch nur noch an Currywurstbuden essen.“ Mr. E. , Freund schneller deutscher Autos, stellt sich wahrscheinlich eher vor, dass in einem Land, in dem Mercedes und BMW produziert werden, das Fahren anderer Marken tabu wäre. Allerdings ist Deutschland ja ebenfalls ein Land, in dem täglich Menschen getötet werden, gerade im Straßenverkehr etwa 5000 jährlich, so dass man eigentlich auch über Deutschland nur bedenkenschwer reden sollte.

Das A und O

6. Juli 2011

Manchmal denke ich, eine bleibende Folge meines Afghanistan-Aufenthaltes könnte eine Nervendehnung sein. Ich habe mich in vielerlei Hinsicht damit abgefunden, dass Dinge nicht so schnell oder nicht so gehen, wie ich es mir erhoffe, aber auch mein afghanisches Team verdreht ob der Ausreden, mit denen manches hinausgezögert wird, nur die Augen. „Wenn sich ein Projekt so hinzieht, wir nennen das ‚zahm-e shadi“ – eine ‚Wunde an einem Affen‘,“ sagt die Grazie. Mr. M. ergänzt: „Wenn ein Affe sich verletzt, wollen alle anderen seine Wunde sehen und fingern darin herum. Deswegen heilt sie ewig nicht.“

Bei einem Kollegen wundere ich mich, dass es sich immer hinzieht, wenn er „rasch“ eine Mail versenden soll oder will. Als er mir an seinem Computer etwas zeigen will, merke ich, dass mit der Tastatur etwas nicht stimmt. Bedächtig sagt er: „Das ‚i‘ und das ‚k‘ funktionieren nicht. Ich habe mal versehentlich Kaffee drüber gekippt.“ Das war im Februar. Seitdem ruft er sich eine Tastatur am Bildschirm auf und bedient sie mit dem Touchpad. „Könnten wir nicht eine externe Tastatur anschließen?“ frage ich. Mr. A. nickt. „Das wäre die einfache Variante.“

Suppenkasperei

5. Juli 2011

Das Stellenprofil für Kellner in Afghanistan scheint eine Kernqualifikation zu enthalten: Halsstarrigkeit. Insbesondere in einem Restaurant um die Ecke ist diese ausgeprägt. Als meine Spargelsuppe kommt, tummeln sich in der Schale Zwiebelringe in typisch bräunlicher Farbe und auch an Käse mangelt es nicht. Ich weise den Kellner darauf hin, dass ich etwas anderes bestellt hatte. „Nein, du hattest Spargelsuppe bestellt.“ – „Ja, aber das hier ist eine Zwiebelsuppe.“ Auch meine Erklärungen, dass ich schon oft Spargelsuppe in diesem Restaurant gegessen habe und es sich hier garantiert nicht um eine solche handele, stoßen auf taube Ohren. Widerwillig trägt der Kellner die Zwiebelsuppe schließlich fort. Wenig später kommt eine Art Brei. Mutig probieren wir. „Wenn überhaupt je ein Gemüse diese Suppe gestreift hat,“ sagt C, „dann vielleicht eine Erbse.“ Der Kellner schüttelt den Kopf: „Das ist natürlich Spargelsuppe.“ Der Teller bleibt weitgehend unangetastet. Auf der Rechnung erscheint am Ende eine Zwiebelsuppe.

Als die jüngsten Anschläge viel Aufmersamkeit auf das Intercontinental richteten, mokierte sich unser Freund Heiner zurecht: Warum man es immer als Luxushotel bezeichne, und ob die Betreffenden je dort gewesen seien. In der Tat liegt der Charme des Intercontis mehr in der gewesenen Pracht, dem „Museum“ für Silberkellen und -kännchen aus der Zeit nach seiner Eröffnung 1969, und der schönen Nuristani-Schnitzbar, an der heute nur noch überlagtere grün-roas Cremeschnittchen zu Nescafé gereicht werden. Exclusiv daran ist allein, dass es auch den wohl schönsten Pool der Stadt hat, der auch bei gähnender Leere ausschließlich Männern vorbehalten ist.

Der Service ist ähnlich fragwürdig wie im Serena, dem anderen „Luxushotel“. Im Fitnessbereich gibt es an diesem Tag keine großen Handtücher, allerdings wird auch nicht geschätzt, wenn man im Bikini den Sportbereich zum Pool durchquert. In einen Bademantel gehüllt bitte ich den Kellner, sich um Handücher zu kümmern. Er zuckt die Schultern: „Da müssen Sie nach draußen gehen und das beim Manager anmelden.“ Ich deute auf das Telefon neben ihm: „Ich laufe bestimmt nicht den ganzen Weg zurück, ziehe mich um und wende mich wegen ein paar Handtüchern ans Management. Wie wäre es, einfach mit diesem Telefon dort anzurufen und welche zu ordern?“ Der Kellner: „Nein, dann schreien die mich nur wieder an.“