Rendezvous mit dem Baumwollplusterer

Die Matratze hat über die Zeit eine dem Hindukusch nicht unähnliche Struktur mit ausgeprägten Bergen und Tälern angenommen. Es handelt sich um eine typisch afghanische mit Baumwolle gestopfte Matratze. „Nimm bloß keine andere,“ sagt die Grazie. „Ich wollte unbedingt eine moderne haben, und gegen den Rat meiner Familie bin ich losgegangen und habe mir eine gekauft. Dann kamen meine Neffen und sind darauf rumgesprungen, und schon hat sich eine Feder durchgebohrt! Zwei Wochen, und ich hatte wieder eine afghanische Matratze.“ Ich überlege, ob wir uns eine neue machen lassen sollten. „Aber nein! Wir machen die alte wieder schön! Morgen bringst du sie mit, wir holen einen Nadaf und nach einer Stunde ist sie besser als neu!“ Schon oft habe ich die Rufe der auf den Straßen umherziehenden Männer gehört: „Nadaf, Nadaf – habt ihr was zu tun für mich?“ Sie tragen einen mannshohen Bogen über der Schulter, und wie ich jetzt lerne, sind sie eine Art Baumwollplusterer.

Also quetschen wir die Matratze in den Corolla. Der Nadaf hat schon die hintere Terrasse als idealen Arbeitsort ausfindig gemacht. Rasch öffnet er den Bezug, holt die Baumwolle heraus und bearbeitet sie mit einem Knüppel. Dann hängt er den Bogen auf die Mauer, türmt ein paar Hände voller Baumwolle an der Sehne auf und beginnt, letztere mit einem Klöppel zu bearbeiten, dass die Flocken nur so fliegen.

„Was kostet es eigentlich?“ erkundige ich mich. „Ein Ser zweihundert Afghani,“ keucht er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das sind sieben Kilo für etwa drei Euro. „Der Preis ist OK. Und in eurer Matratze sind zwei Ser,“ ruft die Köchin aus der Küche. Dem Nadaf, Muhammad, ist es unheimlich, dass ich filme und Fotos mache. Es ist keine sehr angesehene Profession in Afghanistan, erklärt mir mein Kollege, wenn man jemanden beleidigen wolle, „also nur so ein bisschen, nicht richtig,“ dann nenne man ihn „Sohn eines Nadaf“. Er übersetzt, dass Muhammad das Gewerbe nicht von seinem Vater gelernt hat, sondern von einem Freund. Nun hat er Angst, dass seine Familie ihn in irgendeinem Magazin erblickt. Außerhalb Afghanistans, das sei kein Problem … aber seine Neffen, die seien so modern, die könnten ihn auch im Internet erspähen. Fotos von hinten, das sei jedoch in Ordnung.

„Warum wird man Nadaf, wenn es doch nicht so angesehen ist?“ erkundige ich mich. Die Arbeit sei eigentlich nicht so schwer, meint mein Kollege. Man bräuchte nur so ein Gerät, das koste ungefähr 80 Euro. Damit könne man dann rumziehen. „Saisonabhängig, wie viel man verdient. Frühjahr ist für uns am besten, da plustert man schon mal 10, 15 Ser am Tag,“ sagt Muhammad. Im Winter sei es dagegen überall zu nass, da ließe keiner seine Kissen und Betten überholen.

Eine Stunde, dann ist er fertig. Die Köchin bringt ihm ein Stück Hähnchen. „Vielleicht hat er gerochen, dass gekocht wurde,“ meint Mr. E. leise, „dann wäre es nicht höflich, ihm nichts abzugeben.“ Die frisch aufbereitete Matratze passt beim besten Willen nicht ins Auto. Der Fahrer wirft sie aufs Dach. Er dreht das Laken, dass ich mitgebracht habe, zusammen, wirft es einmal darüber und klemmt es in die hinteren Autotüren. Dieser provisorische Dachtransport verursacht größte Erheiterung bei dem kleinen stummen Nachbarsjungen. Als ich aussteige, strahlt er und reckt die Daumen nach oben.

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