November 11, 2009 von andromeda8

Verbraucherschutz beginnt beim Tier
Oft schon habe ich beim Blick auf die Waschmittelpackung in unserem Bad gegrinst. Ich bin gewohnt, dort duftige Blüten in frühlingshafter Umgebung zu sehen, gepaart mit Werbesprüchen, die porentiefe Reinheit, strahlendes Weiß und ähnliches verheißen. Auf der hiesigen Tüte ist ein Kind zu sehen, das in schlammiger Umgebung Fußball spielt. Darunter steht „DIRT IS GOOD“ – „Dreck ist gut“.
Ein Blick in Wikipedia verrät, dass es sich dabei nicht um einen Fehler handelt. Es ist die älteste indische Waschpulvermarke, die in ihrer Anfangszeit mit „wäscht am weißesten“ geworben, dann aber irgendwann ihre Strategie geändert hat. „Es gibt das ganze sogar noch mal mit einer lachenden Mutter, die sich über die Dreckskleidung freut,“ erklärt mir eine Freundin. „Die Mütter, die ich kenne, würden sich schön bedanken, wenn ihre Kinder so nach Hause kommen.“
Noch irritierender aber sei die Fernsehwerbung für „Fanta Citrus“: Wer auch immer das synchronisiere, er habe keine Ahnung, was „citrus“ sei oder wie man es ausspreche. Deswegen würden die Leute in den Läden jetzt bevorzugt nach „Fanta Stress“ fragen.
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November 10, 2009 von andromeda8
Das Team ist verstimmt. „Noch nicht einmal Süßigkeiten hat er mitgebracht!“ höre ich die Grazie sagen. Es geht um den Chefwächter, dessen Tochter letzte Woche geheiratet hat. Ich bin erstaunt, denn davon wusste ich gar nichts. „Genau! Er schweigt es tot! Undnichts zu essen für uns.“ Ich frage sie, ob er sich das vielleicht nicht mehr habe leisten können, so teuer wie Hochzeiten hier sind. Einhellig schütteln alle den Kopf. Der Finanzmanager erklärt es mir: „Wenn Töchter heiraten, hat man nicht das Gefühl, dass es ein Gewinn für die Familie ist. Man ‘gibt die Tochter weg’.“
Die Grazie fügt hinzu, außerdem sei es eine Frage der Ehre. Man spreche nicht über Frauen. Wenn es unbedingt sein müsse, dann erwähne man sie zwar, aber nicht mit ihrem Namen. Spitz bemerkt ein Kollege, darüber habe er schon mal mit den anderen gesprochen. Er hätte ihnen gesagt, man kenne doch auch die Namen aller Frauen und die der weiblichen Verwandten von Mohammad, warum also nicht die ihrer Frauen, Schwester oder Töchter? Sie hätten das zwar irgendwie eingesehen, aber trotzdem sei es ihnen unheimlich.
Manchmal sogar die Verwandschaftsbeziehung als solche: „Als neulich der Vertreter der Druckerei hier im Büro war, hat er uns erzählt, in seinem Haus gebe es eine Hochzeit – die der ‘Schwester seines Bruders’. Er hat sich nicht mal getraut, sie als seine eigene Schwester zu bezeichnen.“
Die Aufmerksamkeit schwenkt zu weiteren Gelegenheiten, zu denen man seinen Kollegen etwas mitbringen sollte. Ich stelle fest, dass mein Team den Tag des Mauerfalls sehr gut im Kopf hat und als Anlass zum Feiern betrachtet … außerdem, dass wir jetzt in unserem Haus wohnen bleiben könnten, obwohl der Vermieter uns rauswerfen wollte … Wie ich einsehe, gibt es genug Gelegenheiten – und eine expandierende Zuckerbäckerzunft und -kunst! In der Konditorei können wir uns nicht entscheiden, ob wir einen rosafarbenen Kuchen mit einem weißen Hund (mit Knochen!) nehmen sollen, oder doch das Modell, auf dem Sahnenentchen mit Schlapphüten und dunklen Brillen schwimmen.
Zurück im Büro erwähnt ein Mitarbeiter, an seinem früheren Arbeitsplatz sei sogar mal ein Schaf gestiftet worden. „Klar, ein Schaf, warum nicht. Ich könnte nächstes Mal eine Schar Hühner mitbringen,“ schlage ich vor. Allgemeine Empörung: „Hühner? Wir sind doch keine Vegetarier!“
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November 9, 2009 von andromeda8
Mein Finanzmanager blättert mir in Windeseile einen Stapel von Geldscheinen hin und bittet mich, zu kontrollieren ob die Summe stimmt. „Wie hast du das so schnell gemacht?“ frage ich voller Bewunderung. Er nimmt das Bündel, und schneller als ich schauen kann ist er durch. Die Grazie mischt sich ein: „Mit kleinen Händen ist es über die Längskante mühsam. Mach es doch so,“ sagt sie und lässt die Scheine durch die Finger rauschen. „Oder wie wärs mit der Art, die sie in Pakistan drauf haben?“ Der Finanzmanager drückt die Scheine mit einer Hand auf den Tisch, eine Staubwolke stiebt auf, und es ist ein drittes Mal gezählt.
Ich versuche mein Glück und blättere ebenso angestrengt wie kläglich durch die Scheine. Das ist sehr unterhaltsam für die Umstehenden, aber leider nur langsam zielführend. „Du hättest früher hier sein sollen, dann wärst du auch so schnell wie wir. Früher war die Währung so wenig wert, dass wir noch viel mehr Scheine zählen mussten.“
„Zeig es mir noch mal, aber ganz langsam,“ fordere ich den Finanzmanager auf, „du nimmst die Hälfte, ich nehme die Hälfte, und dann versuchen wir es parallel.“ Die Grazie meldet sich mit schmeichelnder Stimme aus dem Hintergrund: „Also, ich könnte auch die Hälfte nehmen. Die zähl ich dann zu Hause.“
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November 8, 2009 von andromeda8
Mitten auf der Straße liegt ein Teppich. Das habe ich schon häufiger gesehen aber nie verstanden, warum. Ich frage meine Kollegen. Das, sagen sie, komme ganz auf den Teppich an. Sie lehnen sich auf meine Seite herüber und beäugen den, um den es aktuell geht. „Bei richtig schönen Exemplaren ist es manchmal so, dass die Besitzer wollen, dass die Teppiche alt aussehen. Damit sie teurer werden.“ In diesem Fall handelt es sich aber um einen ganz normalen, so dass es wahrscheinlich der Reinigung diene. Ich glaube, ich habe mich verhört. „Wie soll der denn mitten im Verkehr auf dieser staubigen Straße sauberer werden?“
Der Fahrer mischt sich ein. Wichtig sei, wierum man den Teppich ausbreite. Zum Saubermachen ganz klar mit der Oberseite nach unten. „Wenn die Autos drüberfahren, rütteln sie den Dreck los. Nachher muss man ihn nur noch ausschütteln.“
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November 7, 2009 von andromeda8
Wir besuchen einen berühmten Schrein am Stadtrand von Herat. Wunderschöne schiefe Stelen und Grabsteine stehen und liegen im Innenhof. Einige Männer schlagen Nägel in alte Bäume und Frauen binden Schleifen um deren Äste, damit ihre Gebete erhört werden.
Der Schrein wird von zwei Angehörigen des Militärs bewacht, die mit ihren Waffen durch den Innenhof laufen. „Hey, du!“ scheuchen sie einen alten Mann mit weißem Bart und weißem Turban auf, der sich an der falschen Stelle niedergelassen hat. Der Innenhof ist mittels eines Seils in Frauen- und Männerbereich unterteilt, und der alte Herr hat sich zu nah an den Frauen niedergelassen. Ganz abgesehen davon betet er in die falsche Richtung, zufällig genau so, dass er sie beobachten kann. Nach wenigen Minuten brüllt der Wächter schon wieder durch die heilige Stätte und fuchtelt mit seiner Waffe, denn diesmal hat der Greis geduckt versucht, sich zwischen den Grabsteinen versteckt an die Frauen heranzupirschen.
Ich erzähle das den Grazien, die gleich ein wütendes Funkeln in den Augen bekommen: „In unserer Kultur nennt man die alten Männer „Spingiri“ – „Weißbärte“, als Beweis des Respektes, den man ihnen zollt! Aber das sind die schlimmsten!“ – „Nicht die jungen Rüpel?“ frage ich. Die Grazien sind sich einig: Die seien zwar auch schlimm, aber nicht so direkt. „Die haben noch mehr Zeit bis zum Tod.“
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November 6, 2009 von andromeda8
Damaskus 2003: Im benachbarten Irak ist Saddam Hussein ist gestürzt, und weltweit wird live übertragen, wie Iraker eine seiner Statuen von einem Sockel stoßen. Außer in Syrien, in dem das Fernsehen lieber eine Sendung über historische Schätze des vorderen Orients ausstrahlt.
Kabul 2009: Zum gleichen Zeitpunkt, als alle anderen Sender berichten, Karzai sei für eine zweite Amtszeit bestätigt, strahlt der afghanische Sender RTA stattdessen eine Folge von Tom und Jerry aus. Wäre RTA nicht so karzai-nah könnte man eine interessante Parallele zwischen beiden Ereignissen sehen. Da viele den Wahlkampf jedoch bereits als ein Katz-und-Maus-Spiel betrachtet haben, sitzt hier vielleicht nur ein Programmdirektor, der für Popularität sorgen will. Außerdem – wer weiß: Ich hatte ja schon neulich darauf hingewiesen, dass diese Zeichentrickserie hier große pädagogische Wertschätzung genießt.
Afghanen haben einen ausgeprägten Sinn für Humor und spotten gerne. H1N1, von einigen Zeitungen bewusst „Schweinegrippe“ genannt und Ausländern angelastet, wird in anderen Zeitungen genüsslich als „Politische Grippe“ bezeichnet. Es sei doch erstaunlich, dass das Versammlungsverbot pünktlich zur Ausrufung Karzais als Sieger erfolgt sei, flachst die Zeitung Hashte Sobh. Auch für die Ankündigung Karzais, oberste Priorität der neuen Amtszeit werde sein, die ausufernde Korruption zu bekämpfen, haben viele nur bitteren Spott übrig: „Deswegen also hat er in der ersten Amtszeit alle gewähren lassen! Damit er Ziele für die Wiederwahl hat!“
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November 4, 2009 von andromeda8
Die große Moschee in Herat ist wunderschön – zentralasiatisch mit Ziegeln, herrlichen Kacheln, die auch in einer kleinen Werkstatt nebenan wieder hergestellt werden und die neben dem schlichten weiß, in dem die Kuppeln und Innenwände Wände gehalten sind, umso prächtiger wirken.
Es ist leer dort an einem normalen Wochentag. Ein paar ältere Herren halten ein Nickerchen, andere beten. Eine kleine Schar Bettlerinnen in Burkas und schuheputzender Jungen ist beflissen im Innenhof unterwegs. Wie wir feststellen, sind jedoch nicht nur diejenigen da, die Gott oder Gaben suchen, sondern auch einer, der Streit sucht. Ein fusselbärtiger junger Mann lässt sich in unmittelbarer Nähe von uns auf den Stufen des Innenhofs nieder. Ganz offensichtlich interessieren wir ihn mehr als jede Gebetsnische, denn er rutscht immer näher heran, um unserem Vorlesen über die Besonderheiten des Gebäudes zu lauschen.
Dann schreitet er ein. Moscheen, belehrt er uns, seien Muslimen vorbehalten. Wir sollten zusehen, dass wir nach draußen kommen. Wir versuchen ihm zu erklären, dass uns die prächtige Moschee sehr beeindruckt – und dass der Islam doch das Christentum als eine Religion „des Buches“ anerkenne. Er beharrt darauf, dass wir hier nichts zu suchen hätten. Um uns herum bildet sich eine kleine Traube von Menschen. Ich frage, ob die anderen das genauso sehen. Ein Herr aus der Menge meldet sich zu Wort. Er komme aus Kalifornien, sei aber Afghane und werde für uns übersetzen. was der andere sage: Als Nicht-Muslime seien wir unrein und dürften deswegen nicht in einer Moschee sein. „Aber auch Muhammad – gelobt sei sein Name – hat doch sehr viel Respekt für andere gehabt und die Tore für alle geöffnet?“ fragen wir. „Nur, wenn sie sich vorher zum Islam bekannt haben.“
Die anderen schauen interessiert, aber insgesamt scheint das Thema sie kalt zu lassen. Trotzdem halten wir es für klüger, uns zu entfernen. Die anderen verabschieden sich freundlich und gehen ihrer Wege. Der Fusselbärtige verfolgt mit Argusaugen, ob wir uns tatsächlich trollen, und mosert in gedämpften Ton weiter.
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November 4, 2009 von andromeda8
Die Grazie, immer ein Ausbund an Eleganz, steigt heute in einem cremefarbenen Ensemble aus dem Auto. Der Fahrer staunt, der Wächter erschrickt. Er kommt teilnahmsvoll auf sie zu und fragt, ob es ihr gut geht. Sie bejaht verwirrt. Er deutet weiterhin besorgt auf ihr breites weißes Haarband: „Hast du Kopfschmerzen? Tut es sehr weh?“ Die Grazie plustert sich fast zu seiner Größe auf: „Kopfschmerzen? Das ist MODISCH, mein Lieber!“
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November 3, 2009 von andromeda8
Wochenlang war das ohnehin schon einsame Schwein im Kabuler Zoo noch einsamer, weil es wegen der Schweinegrippe in Quarantäne musste. Nun grunzt das Tier putzmunter wieder durch sein Gehege aber läuft Gefahr, durch Besucher angesteckt zu werden.
Die „Staatliche hohe Kommission zur Bekämpfung der Schweinegrippe“ hat riesige Zeitungsannoncen geschaltet, in denen sie deutliche Worte für das findet, was ihrer Ansicht nach in Afghanistan unausweichlich ist: „Rund 70.000 Menschen werden an den Folgen der Grippe sterben.“ Weiter unten folgen eine Reihe sinnvoller Ratschläge, wobei nicht alle leicht zu befolgen sein werden. Während es gehen mag, „Sportveranstaltungen in geschlossenen Räumen“ abzusagen, droht ein wochenlanges Verbot von Feiern in den Hochzeitshallen letztere in den Ruin zu stürzen und viel familiären Unfrieden heraufzubeschwören.
Alle Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind für die nächsten Wochen geschlossen. Ich frage den Finanzmanager, wie das bei seinen Kindern ist und wie es mit den Prüfungen laufen soll. Eigentlich hätten bald die Abschlussklausuren sein sollen. „Dafür gibt es eine Sonderregelung. Gleichzeitig mit der Grippe-Verordnung ist beschlossen worden, dass dieses Jahr alle Schüler bestehen werden.“
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November 2, 2009 von andromeda8
Wir stehen am Schalter der Fluglinie und studieren fasziniert den Stempel. „Not valid after departure,“ steht auf unseren Tickets. Ein Glück, dass die Berliner Verkehrsbetriebe keine Aufbauhilfe bei Pamir Air leisten, denn sonst käme bestimmt gleich nach dem Abheben ein Kontrolleur und würde uns fürs Schwarzfliegen zur Kasse bitten.
Herat, ganz im Westen des Landes, ist deutlich kleiner als Kabul. Auch wenn es dort nicht ganz so ruhig zugeht, wie man aus der Ferne gerne annimmt, hat die Stadt etwas Gemütliches. Fast alle lächeln und freuen sich, uns zu sehen – obwohl sie uns für Amerikaner zu halten scheinen. Zumindest raunen uns viele „Amrikahoi“ („Amerikaner“) hinterher.
Wir kommen auf den Einkaufsstraßen an einigen Burka-Fachgeschäften vorbei. Hier dominieren die blauen Überwürfe, aber es gibt sie auch in hellgelb, altrosa und einem geradezu gewagten Mintton. Das scheint jedoch nicht beliebt. Die Frauen auf der Straße tragen wahlweise die üblichen blauen Burkas oder sind in große schwarzweiß gemusterte Tücher geschlungen. Viele von ihnen winken uns zu, klopfen uns auf die Schulter oder geben uns die Hand.
Die Kabuler Mode der langen Hemden über Hosen ist in Herat nur bei Schulmädchen üblich, und auch die knalligen Bollywoodfarben der Kabuler Stoffe sucht man vergebens.
Im Haus hingegen sind den Mustern der Stoff-Phantasien keine Grenzen gesetzt. Ich freue mich diebisch, als wir auf dem Balkon eines Freundes stehen: Er hat das Vorhang-Pendant zu unserer Rennwagenbettwäsche! Dann sind wir wenigstens nicht die einzigen, die in einem geschmacklichen Parallel-Universum schlafen. Von innen wunderbar angestrahlt leuchten dreiäugige Außerirdische und Sternenbagger in die Nacht. „Ich habe da einfach auf unsere weißen Vorhänge gezeigt und gesagt, so was wollte ich auch für die anderen Zimmer. Am Abend war dann das da, “ berichtet unser Freund.
Seine Mitbewohner kichern. Ob ich schon einen Blick auf ihre Tischdecke geworfen hätte? Auch hier hat sich der Stoffkäufer ins Zeug gelegt, um etwas besonderes zu finden. Bilder von Bürsten, Spiegeln und Lippenstiften wechseln sich ab mit Zeichnungen eines Mädchens im bauchfreien T-Shirt – mit der Aufschrift „I love Makeup“.
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